Der Humanismus in einzelnen Regionen der Schweiz

Autor(en): Kevin Bovier (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 15.07.2026.

Im 16. und 17. Jahrhundert besteht die Eidgenossenschaft aus dreizehn Orten, nachdem ihr Basel und Schaffhausen im Jahr 1501 und Appenzell im Jahr 1513 beigetreten sind; ausserdem muss man im Rahmen dieser Einführung auch noch die Zugewandten Orte in den Blick nehmen, die mit den eidgenössischen Orten vertraglich eng verbunden waren (wir erwähnen besonders den Freistatt der Drei Bünde und die Stadt sowie die Fürstabtei St. Gallen), sowie die von mehreren Orten gemeinsam verwalteten Gemeinen Herrschaften (z. B. der Thurgau) und die Untertanengebiete einzelner eidgenössischer und zugewandter Orte. Die humanistische Bewegung ist allerdings nicht überall in gleicher Weise präsent. Die ländlichen Orte, besonders die sogenannten «Urkantone» (Uri, Schwyz, Unterwalden) werden von der intellektuellen Tätigkeit der Humanisten weniger berührt (natürlich gibt es Ausnahmen wie den für den Schweizer Frühhumanismus wichtigen Albrecht von Bonstetten in Einsiedeln); diese konzentriert sich vor allem auf die Städte. Dafür gibt es zahlreiche Gründe: Die Städte sind Teil eines europäischen Handels- und Austauschnetzes; das erleichtert die briefliche Kommunikation unter den Humanisten und ihre Wechsel von einem Ort zum anderen. Die höheren Lehranstalten, an denen die intellektuelle, politische und religiöse Elite ausgebildet wird, befinden sich besonders in den städtischen Zentren. Die Humanisten bemühen sich auch um Zugang zu den renommierten Buchdruckereien, die zur Papierbeschaffung und zur Verbreitung ihrer Bücher auf den Messen (besonders der Frankfurter Messe) auf ein effektives Kontaktnetz angewiesen sind. Auch finden die Humanisten ihre Mäzene und ihr Lesepublikum der Humanisten vor allem in den Städten, mag es sich dabei um Adelige, Magistrate, Juristen oder Prälaten handeln; ausserdem führen Reformation und katholische Reform in den Städten in besonderer Weise zu einer Stimulation der intellektuellen Produktion. Humanisten aus ländlichen Gebieten machen ihre Karriere ausserhalb ihrer Heimat. Das ist etwa bei Glarean der Fall, der aus Glarus stammt, aber vor allem in Paris, Basel und Freiburg i. Br. tätig war. Graubünden (wo sich nur Chur wirklich als grösseres städtisches Zentrum bezeichnen lässt) sticht unter den ländlich dominierten Regionen dadurch hervor, dass nicht nur ein Humanist wie Simon Lemnius, sondern auch zahlreiche humanistisch ausgebildete Pastoren tätig waren (Johannes Comander, Johannes Blasius, Nicolaus Artopoeus, Jachiam Bifrun, Ulrich Campell, Johann Pontisella, Johannes Fabricius Montanus).

In dieser Einleitung werden wir die Situation des Humanismus in der gesamten Schweiz betrachten, oder zumindest in den Regionen, in denen sich humanistische Aktivitäten nachweisen lassen. An manchen dieser Orte sammelten sich im Laufe des 16. Jahrhunderts zahlreiche Humanisten an, was einer konstanten intellektuellen Aktivität förderlich war (Basel, Zürich, Genf). An anderen Orten war die humanistische Präsenz mehr zufallsabhängig (Freiburg, Jura, Tessin) oder stark von der Arbeit einer einzelnen grossen Person abhängig (z. B. Vadian in der Stadt St. Gallen). Wir versuchen hier, die jeweiligen Besonderheiten des Humanismus in den einzelnen Regionen herauszuarbeiten.

Der Einfachheit halber unterteilen wir die Schweiz hier in Sprachregionen, obwohl einige Kantone oder Gebiete zweisprachig sind. Wir werden zunächst, um zeitgenössische Bezeichnungen zu verwenden, die «deutschsprachige» Schweiz behandeln, dann die «französischsprachige» Schweiz (wo die französisch-provenzalischen Dialekte tatsächlich stärker verbreitet waren als das «gute» Französisch) und schliesslich die italienisch- und rätoromanischsprachige Schweiz. Es ist jedoch anzumerken, dass die sprachliche Einteilung jener Zeit nicht streng mit der heutigen übereinstimmt. Der Kanton Freiburg, der damals weitaus deutschsprachiger war als heute, wird daher hier im ersten Abschnitt behandelt. Im Wallis ist die Sprachverteilung ausgewogener, doch Deutsch dominiert insbesondere in Sitten und Siders, sodass wir das Wallis zu den deutschsprachigen Gebieten zählen.

Auf diesem Portal gibt es auch eine nach Regionen geordnete Liste einiger bemerkenswerter Humanisten.

 

  1. Deutschsprachige Schweiz (Eidgenossenschaft der dreizehn Orte und weitere Gebiete)

Basel

Wenn man hier nur eine Hochburg des Humanismus auf dem Gebiet der heutigen Schweiz erwähnen dürfte, dann fiele die Wahl automatisch auf Basel. Die Rheinstadt war das schweizerische Einfallstor für den Humanismus; das ist besonders dem dort abgehaltenen 17. Ökumenischen Konzil zu verdanken (1431-1449) und dem damit verbundenen Baselaufenthalt des Enea Silvio Piccolomini, des künftigen Papstes Pius II. Die lange Dauer des Konzils ermöglichte es den Baslern, mit den italienischen Humanisten in Kontakt zu kommen und ihre Eloquenz und ihre Liebe zu den schönen Wissenschaften schätzen zu lernen. Piccolomini verbreitete den Humanismus nördlich der Alpen. Sein Vorbild ermunterte Schweizer Frühhumanisten wie Niklaus von Wyle (aus dem Aargau) und Albrecht von Bonstetten (aus Uster) zu ihrer Arbeit. Für die Kleriker des Konzils wurde eine Theologenschule, das Studium generale, eingerichtet. Diese Institution wurde vom Gegenpapst Felix V. (Amadeus VIII. von Savoyen) auf vier Fakultäten erweitert und erhielt von ihm das Recht, akademische Grade zu verleihen. Nach dem Konzil beantragten die Basler erfolgreich ein Universitätsprivileg bei Piccolomini, der mittlerweile zu Papst Pius II. geworden war. Die Universität wurde 1460 gegründet. Die ersten, aus Italien stammenden Professoren wurden 1468 vertrieben, da sie sich mit den Deutschen nicht vertrugen. Die Universität erlebte eine kurze Blütezeit vor den Burgunderkriegen (1474-1477), dem Schwabenkrieg (1499), dem Ausbruch der Pest der Pest in Basel und bevor die Konkurrenz durch deutsche Universitäten zunahm. Der Eintritt Basels in die Eidgenossenschaft im Jahr 1501 führte zu einer massiven Abwanderung von Professoren und Studenten. Die Reformation hätte ihr fast den Gnadenstoss verliehen, da sie erneut zu einem enormen braindrain führte (katholische Gelehrte wie Glarean zogen mit ihren Studenten nach Freiburg i. Br.) und aus ihr auf dem Gebiet der artistischen und theologischen Ausbildung eine neue Konkurrenz durch die neu errichteten reformierten Hochschulen z. B. in Zürich resultierte. Im Endeffekt aber verlieh die Reformation ihr einen neuen Elan und eine europäische Dimension.

Die Entwicklung des Buchdrucks in Basel wurde durch das Konzil begünstigt, ferner durch das Vorhandensein einer Papiermühle und den Rheinhandel. In ihrer Anfangszeit diente die Drucktätigkeit der Verbreitung eines traditionellen religiösen Gedankengutes; die Bistümer benötigten Breviere und Missalien, und die Klöster mussten ihre Bibliotheksbestände aufstocken. Die Drucker griffen auf die Expertise von Gelehrten zurück, die (wie häufig auch sie selbst) aus dem Ausland kamen (diese arbeiteten für sie zum Beispiel als Korrektoren). Hielten sich die Drucker zunächst nur vorläufig in Basel auf, so liessen sie sich dort schliesslich dauerhaft nieder, erwarben das Bürgerrecht und gründeten sogar regelrechte Dynastien; das ist der Fall bei den Familien der Petri, Froben und Amerbach. Mit ihnen wurde die Produktion vielfältiger, selbst wenn das religiöse Schrifttum weiterhin überwog (lateinische Bibeln, Kirchenväter, Sammlungen des katholischen Rechts etc.). An der Seite dieser ersten Druckergeneration arbeiteten aus dem Ausland kommende Intellektuelle wie Johannes Heynlin, Sebastian Brant, Jakob Wimpfeling, Johannes Geiler von Kaysersberg oder auch Johannes Reuchlin, die dem Humanismus den Weg bahnten, indem sie zum Studium der Bibel und der Kirchenväter aufriefen und dadurch die Herausgabe von Texten förderten und zur Erweiterung der Bibliotheksbestände beitrugen. Diese Humanisten waren allerdings im Allgemeinen sehr reichsorientiert und manche unter ihnen (wie Brant) standen sogar dem Eintritt Basels in die Eidgenossenschaft feindlich gegenüber (da sie darin eine Verletzung der Reichseinheit und Untreue gegenüber dem Kaiser sahen).

Was aber Basel definitiv zur Humanistenstadt par excellence machte, war die Ankunft des Erasmus von Rotterdam und des Oekolampad, die beide von der Präsenz des Druckers Johannes Froben angezogen wurden, dessen Sohn Hieronymus der Basler war, der schon als Eidgenosse zur Welt kam. Der Kreis schliesst sich mit den Söhnen des aus Franken stammenden Johannes Amerbach (Bruno, Basilius und Bonifacius) und mit einer ganzen Reihe von aus dem Ausland, besonders dem benachbarten Elsass, einwandernden Gelehrten (Konrad Pellikan, Beatus Rhenanus, Wolfgang Capito).

Der Triumph der Reformation in Basel im Jahre 1529 führte zur Abwanderung von Gelehrten wie besonders Erasmus und Glarean (der Erstgenannte kam später zurück). Trotz dieser Verluste gelang es der reformierten Bewegung unter Oekolampad, der humanistischen Kultur in der Stadt zu einem Weiterleben zu verhelfen. Der Übertritt Basels zur Reformation führte zu einer engeren Verbindung mit den der gleichen Konfession anhängenden schweizerischen Städten, auch wenn Basels Position zwischen Luthertum und Reformierten lange unklar blieb. Aufgrund dieser wenig dogmatischen Haltung suchten viele Protestanten aus Italien und Frankreich Zuflucht in Basel, auch wenn einige von ihnen (zum Beispiel die Antitrinitarier Lelio und Fausto Sozzini) Ansichten vertraten, die nicht ganz mit der reformierten Lehre übereinstimmten. Die Basler Toleranz erstreckte sich allerdings nicht auf die Wiedertäufer, die in der Basler Landschaft 1530-1531 ausgetilgt wurden. Das Interesse, das manche Gelehrten dem Islam entgegenbrachten, wurde von den Autoritäten nicht unbedingt gerne gesehen. Die Reformation führte auch zu einer Neuorganisation des Bildungssystems. Die Universität wurde 1532 mit erneuerten Statuten wiedereröffnet, die ihre Zugehörigkeit zum reformierten Bekenntnis unterstrichen. Eine der Besonderheiten des Basler Humanismus ist seine hebraistische Tradition, die von Männern wie Heynlin, Reuchlin, Capito und Pellikan repräsentiert wird Seit Ende des 16. Jahrhunderts führt der zunehmende Dogmatismus des Basler Reformiertentums zu einer Einschränkung des Humanismus, selbst wenn die intellektuelle Produktion weitergeht, zum Beispiel mit Theodor Zwinger. In diesem Kontext wurde der Drucker, dessen Offizin in Basel seit 1558 eine wichtige Rolle spielte, kurzzeitig inhaftiert, weil er Schriften von Sebastian Castellio veröffentlicht hatte, ohne sie vorher der Zensur zu unterwerfen. Hinsichtlich der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind zudem die historiographischen Werke von Christian Wurstisen zu erwähnen, einer für Basel wichtigen Persönlichkeit, da er dort nicht nur als Professor für Mathematik und Neues Testament, als Rektor und Bibliothekar an der Universität, sondern auch als Kanzler tätig war.

 

Zürich

Der Basler Humanismus hatte unzweifelhaft Einfluss auf die Zürcher Reformation. Die Stadt hatte allerdings schon Repräsentanten des Frühhumanismus im 15. Jahrhundert beherbergt: Hemmerli, Bonstetten und von Wyle. Der Humanismus nahm am Limmatufer dauerhafte Wohnstatt nach der Niederlage von Marignano, die das Ende der eidgenössischen Grossmachtspolitik bezeichnete. Der gelehrte Luzerner Oswald Myconius, Lehrer an der Grossmünsterschule (1516) und der Pfarrer Ulrich Zwingli (1519) waren die beiden wichtigsten Vorkämpfer des Humanismus in Zürich. Zwingli führte tiefgreifende Reformen in Kirche, Staat und Gesellschaft durch und machte Zürich so zu einer Hochburg des Humanismus. Besonders seinen Reformen in Kirche, Staat und Gesellschaft ist es zu verdanken, dass Zürich ein humanistisches Zentrum wurde. Er wurde von Gelehrten wie Jacob Ammann, Konrad Grebel, Heinrich Bullinger, Konrad Pellikan und Theodor Bibliander unterstützt. Privat schreckte er nicht davor zurück, mit seinen Schülern Platon zu lesen, und er schätzte die Gedanken der humanistischen Neuplatoniker. Seine Bibliothek enthielt naturwissenschaftliche Werke von Aristoteles, Plinius d. Ä. und Strabo. Im Jahr 1523 veröffentlichte er seine Überlegungen zur Jugenderziehung. Seine 1525 ins Leben gerufene Prophezey machte die Ausbildung einer grossen Anzahl reformierter Pastoren möglich und wurde zum direkten Vorbild zahlreicher Akademien in der Schweiz, in Frankreich und in den Niederlanden. Sie ermöglichte es ihren Studenten, solide Kenntnisse in den drei Sprachen zu erwerben (Latein, Griechisch und Hebräisch). Bevor sie diese Einrichtung besuchten, erwarben die Schüler zunächst Basiskenntnisse auf der Deutschen Schule und lernten dann an den Lateinschulen des Grossmünster und des Fraumünsters, wo sie sich auf die höheren Studien vorbereiteten. Antike Theaterstücke von verschiedenen Autoren kamen zur Aufführung (zum Beispiel Terenz, Aristophanes oder auch eine Adaptation der Ilias Homers); ein Autor wie Rudolf Gwalther steuerte sogar ein eigenes lateinisches Bibeldrama (Nabal) bei.

Die Druckerei des seit 1515 in Zürich lebenden Christoph Froschauer d. Ä. spielte eine höchst wichtige Rolle bei der Verbreitung der Gedanken Zwinglis. Die folgende reformierte Humanistengeneration, repräsentiert durch Conrad Gessner, Josias Simler, Rudolf Gwalther oder auch Ludwig Lavater machte das Erbe Zwinglis weiterhin fruchtbar. In Zürich nahm der Humanismus «patriotischer» Züge an als in Basel, zum Beispiel in manchen Gedichten Gwalthers oder in politischen Reflexionen über das Söldnerwesen, die Pensionen, das Ende der militärischen Vormacht und die Aufspaltung der Eidgenossenschaft in zwei konfessionelle Blöcke.

Die Zürcher Humanisten interessierten sich teilweise auch für Naturwissenschaften, besonders Gessner (botanische und zoologische Werke) und Simler (Abhandlung über die Alpen). Auf dem Gebiet der Theologie fungierte der Antistes des Grossmünsters als Garant reformierter Orthodoxie; nach Zwingli gelangten Heinrich Bullinger, Rudolf Gwalther, Simon Sulzer und Johann Jakob Grynaeu in dieses Amt; sie wurden vom Lehrkörper des Grossmünsters unterstützt (Jacob Ceporin, Peter Kolin, Pellikan, Gessner…). Ungeachtet einer gewissen dogmatischen Rigidität, die besonders zur Verfolgung der Wiedertäufer führte, stellte diese Periode für die Stadt einen kulturellen Höhepunkt dar.

Im 17. Jahrhundert gewann der reformierte Dogmatismus auf Kosten humanistischer Werte an Bedeutung. Die Zürcher schätzten insbesondere die calvinistische Lehre von der Prädestination. Die Prophezey erhielt den Namen Carolinum und beherbergte eine philosophische Klasse. Der Lehrplan wurde 1601 durch das Collegium humanitatis ergänzt, eine zweijährige Vorstufe für das Theologiestudium. Während Zürich im vorangegangenen Jahrhundert Lehrer von ausserhalb wie Myconius und Pellican aufgenommen hatte, bestand der Lehrkörper ab 1611 ausschliesslich aus Zürcher Bürgern.

 

Bern

Der Humanismus scheint in Bern weniger präsent gewesen zu sein als in Basel und in Zürich. Dennoch kümmerten die Basler Autoritäten sich schon im Mittelalter um den Lateinunterricht: seit dem 14./14. Jahrhundert existierten Lateinschulen in Bern selbst, in Burgdorf und in Thun. Seit dem 15. Jahrhundert wurde die Berner Lateinschule von Männern mit universitärer Ausbildung geleitet: Heinrich Wölfli, genannt Lupulus, Jakob Fullonius, Michael Rötlin, genannt Rubellus, Valerius Anshelm und, wenig später, Nicolaus Artopoeus, der seine Bibliothek der Stadt vermachte. Zum Zeitpunkt der Reformation (1528), die ihre Kraft aus den zehn Thesen der Berner Disputation von 1528 und den Synodenentscheidungen von 1532 bezog, wurde im ehemaligen Franziskanerkloster eine Hochschule nach dem Vorbild der Zürcher Prophezey eingerichtet. Diese Schule wurde 1548 reorganisiert. Kurz nach der Eroberung der Waadt durch die Berner (1536) wurde nach dem gleichen Vorbild die Akademie von Lausanne eröffnet (1537), von der weiter unten die Rede sein wird. In Bern war eine von Sebastian Meyer und Simon Sulzer (Pastor und Theologieprofessor an der Hochschule) verkörperte lutherische Strömung aktiv, aber sie verschwand mit dem Erstarken des Reformiertentums (besonders nach der Annahme der Confessio Helvetica posterior) in der zweiten Jahrhunderthälfte.

Auf der kulturellen Ebene schätzten die Berner schon seit dem Spätmittelalter Chroniken und Geschichtsschreibung, auch das Theater (Fasnachtsspiele und Schuldramen) und die Musik. Letztere wurde besonders in der Kantorei des St. Vinzenzstifts bis zur Reformation gepflegt; zu ihren Vertretern gehörten zum Beispiel Johannes Wannenmacher (der Kontakte zu verschiedenen Humanisten, etwa zu Peter Falck, Glarean oder auch Zwingli pflegte) und Cosmas Alder (später Verfasser lateinischer Motetten, zum Beispiel auf Zwinglis Tod). Der Gemeindegesang und die Stadtbläserei, die durch die Reformation an den Rand gedrängt worden waren, kehrten 1558 zurück.

Unter den wichtigen Humanisten Berns kann man (neben den bereits weiter oben genannten Rektoren) folgende hervorheben: den schon erwähnten Cosmas Alder, der verschiedene Verwaltungsämter übernahm und religiöse Hymnen über Texte von Wolfgang Musculus komponierte (ein Lothringer, der Professor an der Berner Hochschule geworden war); Valerius Anshelm, Chronist, Rektor der Lateinschule und Stadtarzt; oder auch Berchtold Haller, ehemaliger Priester und Chorherr, der mithilfe des Predigers Franz Kolb dazu beitrug, das Gedankengut der Reformation in Bern zu verbreiten. In Bern ist der Humanismus also eng mit der Reformation zu verbunden, aber auch mit dem Staat: Lateinkenntnisse und lebendiges geographisches Interesse werden politisch nutzbar gemacht, da Bern starke territoriale Ambitionen hat. Deshalb wird eine Chorographie des Berner Territoriums erarbeitet; sie ist ein in den Jahren 1560-1570 erarbeitetes Gemeinschaftswerk des Rates Niklaus Zurkinden, des Arztes Thomas Schöpf und anderer Mitarbeiter. Was die Entwicklung des Buchdrucks betrifft, so fällt sie bescheidener aus als in Basel und Zürich und beginnt erst mit der Druckerei von Matthias Apiarius im Jahr 1537.

Noch ein Wort zu Biel, das damals noch nicht zum Kanton Bern gehörte (die Stadt wurde 1815 dem Kanton angegliedert), sondern ein Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, der unter der weltlichen Herrschaft des Fürstbischofs von Basel stand: Die Stadt schloss sich 1528 dank der Bemühungen ihres Pfarrers Thomas Wyttenbach (1472-1526), der mit Zwingli in Kontakt stand, der Reformation an. Aus dieser Zeit ist eine Lateinschule belegt, die vom Diakon der St.-Benedikt-Kirche geleitet wurde. Im folgenden Jahrhundert lehrte dort Jakob Rosius (1598-1676), Pfarrer, Lateinlehrer und Mathematiker.

 

Freiburg

In Freiburg wurden der humanistischen Bewegung durch die schwierige wirtschaftliche Situation Zügel angelegt, die auf den Zusammenbruch der Textilindustrie und des Gerbergewerbes zurückging. Ausserdem gab es in der Stadt keine Hochschule (die heute renommierte Universität wurde erst 1889 gegründet), keine Druckerei (die erste wurde erst 1585 eingerichtet) und auch keine grossen Bücherbestände. Die seit dem 12. Jahrhundert tätige Lateinschule war nur den reichsten Bürgern zugänglich. Da das Jesuitenkolleg erst 1582 gegründet wurde, konnte man sich höhere Bildung nur im Rahmen privater Anstrengungen an einer Kathedralschule oder an einer auswärtigen Universität beschaffen. Der Zugang zu Büchern war begrenzt, weil nur die Ordensgemeinschaften und einige Laien Bücher besassen.

Die ersten Freiburger, die mit der humanistischen Kultur in Kontakt kamen, waren daher Studenten an auswärtigen Universitäten, besonders in Frankreich und im Reich. Die Basler Universität wurde aufgrund ihrer geographischen Nähe am meisten besucht, aber das änderte sich, nachdem diese Stadt 1529 die Reformation angenommen hatte. Die Freiburger gingen seitdem zum Studium lieber nach Freiburg i. Br., der Namensvetterin ihrer Heimat, wo Glarean lehrte, der enge Beziehungen zu dem Freiburger Schultheissen Peter Falck (1468-1519) unterhielt.

Falck wird im Allgemeinen als Eckstein der humanistischen Bewegung in Freiburg angesehen. Sein Interesse an der antiken Kultur, seine erstrangige politische Karriere und seine zahlreichen Kontakte zu schweizerischen und ausländischen Humanisten machten ihn zu einem idealen Mäzen für Freiburger, die sich danach sehnten, die Gelehrtenkultur ihrer Zeit kennenzulernen. Es wäre dennoch übertrieben, von einem «Humanistenkreis» um Falck zu sprechen. Freiburg war allerdings ebenso wenig feindliches Gelände für den Humanismus; ausländische Humanisten hielten sich dort auf und manche Mitglieder der Bürgerschaft (diejenigen, die sich nicht der Reformation angeschlossen hatten) kehrten nach ihren den studia humanitatis Auslandsreisen dorthin zurück und übernahmen wichtige Funktionen.

Nach Falcks Tod im Jahr 1519 und bis in die 1530er beherbergte Freiburg durchziehende Humanisten; aber ihre Sympathien für die Reformation verhinderten ihre dauerhafte Niederlassung. Die konfessionellen Spannungen dieser Periode verwiesen das humanistische Gedankengut auf einen zweiten Platz. Bis es auf diesem Sektor zu einer Erneuerung kam, sollte es bis zur zweiten Jahrhunderthälfte dauern, als die konfessionellen Grenzen sich verfestigt hatten: dann handelte es sich um einen katholischen Humanismus.

Ab Ende der 1560er bemühte sich der Propst Peter Schneuwly um eine Reform der darniederliegenden Lateinschule. Er revidierte mehrfach ihren Studienplan und versuchte, zahlreiche kompetente Lehrmeister nach Freiburg zu locken. Seine Tätigkeit bereitete den Weg für die Ankunft der Jesuiten, besonders Petrus Canisius, und die Gründung des Kollegs Sankt Michael. Um Schneuwly herum scheint sich eine Gruppe von Humanisten gebildet zu haben, die sich der mit der Katholischen Reform verbundenen kulturellen Erneuerungsbewegung verbunden fühlte; dazu gehörten Männer wie der Freiburger Pfarrer Sebastian Werro und der Kanzler Wilhelm Techtermann. Schneuwly gelang es auch, den Drucker Gemperlin nach Freiburg zu holen; das stimulierte die Buchproduktion. Im Übrigen waren die Jesuiten Gemperlins Hauptkunden. Abschliessend sei hervorgehoben, dass die literarische Produktion in lateinischer Sprache aus der Feder Freiburger Humanisten sich zwar in Grenzen hält, aber keineswegs inexistent ist.

Man kann diesen Rundgang durch die Welt des Freiburger Humanismus nicht beenden, ohne auf die bedeutende Rolle einzugehen, die dort das Theater seit dem Ende des 16. Jahrhunderts spielte; am Kolleg St. Michael wurden zwischen 1584 und 159 Stücke mit antiken oder religiösen Sujets aufgeführt; zu ihren Verfassern gehörte etwa auch Jacob Gretser, der am Kolleg zeitweise Unterricht in den humanistischen Fächern erteilte.

 

Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Glarus

In den ländlichen Orten der Zentralschweiz war die humanistische Bewegung kaum präsent. Zwar gab es Lateinschulen, wie in Einsiedeln oder Schwyz (letztere erst ab 1627), die Grundkenntnisse in Latein vermittelten, doch verfügten diese Regionen über keine Hochschulen. Söhne aus gutem Hause gingen daher anderswo in der Schweiz oder im Ausland studieren. Da diese Orte (mit Ausnahme von Glarus) nach der Reformation dem alten Glauben treu geblieben waren, mieden die Studenten die Universität Basel und begaben sich an katholische Universitäten im Ausland. Luzern wurde seit der Gründung des Jesuitenkollegs (1577), das die Schüler auf das Universitätsstudium vorbereitete, zu einem beliebten Ziel. Das etwa zur gleichen Zeit gegründete Collegium Helveticum in Mailand stellte ebenfalls eine gute Alternative dar. Viele Absolventen kehrten anschliessend in ihre Heimat zurück, um eine Laufbahn im Priesteramt, im Lehramt oder in der Politik einzuschlagen.

Ein Urner Schreiber, Jost Schmid, war Schüler Zwinglis an der St.-Martins-Schule in Basel. Sein Sohn Jost Dietrich Schmid studierte in Freiburg im Breisgau (möglicherweise unter Anleitung durch Glarean) und war später unter anderem Landammann von Uri. Erwähnenswert ist auch Valentin Compar, Landschreiber und Schulmeister in Altdorf, der in einer (verloren gegangenen) Schrift den katholischen Glauben gegen Zwingli verteidigte, mit dem er in Briefkontakt stand. Das Urner Land war nicht gänzlich ohne schulische Strukturen, da 1472 in Altdorf ein Schulmeister belegt ist. Eine Schulordnung aus dem Jahr 1579 ist ebenfalls erhalten. Es gab dort Lateinunterricht.

Die Abtei Einsiedeln beherbergte einen der ersten Schweizer Humanisten, Albrecht von Bonstetten. Wenig später verbreitete Zwingli, der Pfarrer von Einsiedeln war, dort die Ideen der Reformation, doch die Behörden widersetzten sich dem, und der Ort blieb weitgehend dem alten Glauben treu. Die Abtei Einsiedeln wurde daraufhin zu einem wichtigen Zentrum der katholischen Kultur, insbesondere mit ihrem Skriptorium und ihrer Bibliothek (die im 17. Jahrhundert erweitert wurde). Im Jahr 1664 wurde dort eine Druckerei eingerichtet. Die Abtei spielte eine Rolle bei der Verbreitung der Barockkunst in der Zentralschweiz.

In der Abtei Engelberg, die über eine bedeutende Bibliothek verfügte, ist die Tätigkeit des humanistischen Abtes Barnabas Bürki (gebürtig aus Altstätten) hervorzuheben, der insbesondere mit den Amerbach in Basel korrespondierte.

Auch die Zuger beschlossen 1526, dem alten Glauben treu zu bleiben, obwohl einige Geistliche den neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen waren und mit Zwingli korrespondierten. Bevor im 17. Jahrhundert die Gymnasien gegründet wurden, gingen die jungen Zuger zum Studium nach Luzern oder Mailand. Die Stadt Zug verfügte bereits seit dem Ende des 15. Jahrhunderts über eine gut ausgestattete Pfarrbibliothek. Die Buchdruckerei hielt erst 1670 Einzug. Zu den Humanisten aus Zug zählen Peter Kolin (Cholinus) und Werner Steiner.

Glarus brachte mehrere bedeutende Humanisten hervor, darunter Arbogast Strub, Glarean, Valentin Tschudi und Aegidius Tschudi. Zwingli war dort zehn Jahre lang (1506-1516) Pfarrer und gründete 1510 eine Lateinschule, die jedoch Ende des 16. Jahrhunderts geschlossen und erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wiedereröffnet wurde. Die Reformation war in Glarus erfolgreicher als in den fünf Orten der Zentralschweiz (den vier zuvor genannten sowie Luzern). Der Konfessionalismus führte übrigens ab 1594 zu einer Spaltung im Schulwesen. Die katholischen Glarner, die ein Studium anstrebten, begaben sich wie ihre Glaubensgenossen nach Luzern oder Mailand; die Protestanten hingegen immatrikulierten sich oft am Carolinum in Zürich.

 

Luzern

Luzern blieb in den Glaubenswirren des 16. Jahrhunderts dem alten Glauben treu. Die überwiegende Mehrheit der Chorherren des Stifts St. Leodegar lehnte die protestantische Reform ab. Die Chorherren Johannes Xylotectus und Jodocus Kilchmeyer waren daher ebenso wie der Schulmeister Oswald Myconius gezwungen, Luzern zwischen 1522 und 1524 wegen ihrer Sympathien für die neue Lehre zu verlassen. Mit der Ankunft mehrerer neuer Orden (Jesuiten, Kapuziner, Ursulinen) verstärkte sich die Präsenz des katholischen Klerus wieder. Luzern, das sich in der Glaubensspaltung zu einer Hochburg des schweizerischen Katholizismus entwickelte, beherbergte seit 1586 eine ständige Nuntiatur des Heiligen Stuhles und seit 1595 auch eine spanische Botschaft.

Im 13. Jahrhundert sind Schulen belegt in der Propstei im Hof (aus der 1456 das Stift St. Leodegar wurde) und im Stift Beromünster. Auch das Franziskanerkloster umfasste eine Schule, die ursprünglich Ordensmitgliedern vorbehalten war; an deren Stelle trat 1543 eine öffentliche Lateinschule ersetzt, die ihrerseits 1577 durch das von den Jesuiten gegründete Kolleg ersetzt wurde. Letzteres bot einen humanistischen Unterricht für Laien und zukünftige Priester. Diese Grundausbildung dauerte vier Jahre und wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts um höhere Ausbildungselemente aus den Bereichen Philosophie und Theologie um drei Jahre ergänzt. Abgesehen von der Stadt Luzern, der Abtei St. Urban und dem Stift Beromünster (dessen Schule den Studienplan der Jesuiten übernahm) besassen nur die Städte Sursee und Willisau reguläre Schulen.

Humanistische Interessen kultivierte man der Schule von St. Leodegar (Myconius, Xylotectus), unter den Chorherren von Beromünster (Ludwig Carinus, Wilhelm Bletz, genannt Tryphaeus), an der Schule der Abtei St. Urban (wo Rudolf Ambühl studierte und unterrichtete); auch einige Patrizier taten dies (Ludwig zur Gilgen, Jost von Meggen).

In Beromünster erschien 1470 der erste datierte Druck der Schweiz, ein Werk mit dem Titel Mammotrectus (ein Wörterbuch für das Bibelstudium). Es war ein Produkt der Buchdruckerpresse des Chorherren Elias Elye, der noch weitere Werke erscheinen liess, aber seine Aktivitäten einige Jahre später wegen ausbleibenden Erfolgs einstellen musste. Alle weiteren Drucker liessen sich in der Stadt Luzern nieder. Der erste war hier der zwischen 1526 und 1529 im Franziskanerkloster tätige Elsässer Humanist Thomas Murner, der unter anderem die Akten der Disputation von Baden veröffentlichte.

Wie in Freiburg, so nahm auch in der Luzerner Kultur das Theater einen besonderen Platz ein. Eine Theatertradition (in deutscher Sprache) ist in Luzern schon im 15. Jahrhundert belegt (Fasnachts-, Mysterien- und Osterspiele). Sie fand ihre Fortsetzung und Ergänzung mit den Jesuiten, die durch ihre Schüler lateinische Stücke aufführen liessen, womit sie zugleich didaktische und moralische Ziele verfolgten; diese Aufführungen waren manchmal auch der Öffentlichkeit zugänglich.

 

St. Gallen

In der Renaissancezeit war St. Gallen eine für ihren Textilhandel (und besonders für ihre Leinwand). Es war eine Besonderheit St. Gallens, dass in seiner unmittelbaren Nähe eine Abtei lag, in der ein Fürstabt residierte, der selbst über weite Gebiete verfügte. Spannungen zwischen den städtischen Autoritäten und dem Abt konnten daher nicht ausbleiben; sie verschärften sich mit dem Ausbruch der Reformation. Diese Bewegung wurde von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt und führte in den 1520ern zu heftigen sozialen Veränderungen. Die Stadt blieb in der Folgezeit ausschliesslich katholisch, während bestimmte Regionen nach dem Friedensschluss von 1531 zum Katholizismus zurückkehrten. Joachim Vadian und Johannes Kessler waren die Urheber der St. Galler Reformation; 1524 wurde das Schriftprinzip eingeführt, und 1527 fand in der Kirche St. Laurenzen die erste Abendmahlsfeier statt. Vadian, der in seinem Kommentar zu Pomponius Mela einen Lobpreis auf St. Gallen anstimmt, spielte im Kulturleben eine zentrale Rolle mit seinen historischen Werken und der Schenkung seiner Bibliothek an die Stadt. Seine weit ausgreifende Gelehrsamkeit, seine politischen Verantwortlichkeiten und seine reformatorische Tätigkeit hatten einen tiefen Einfluss auf die kulturelle Landschaft St. Gallens im 16. Jahrhundert. Ihm lässt sich Johannes Kessler an die Seite stellen, der als Schulmeister an der Lateinschule arbeitete und nach dem Tod Vadians zum ersten Pfarrer von St. Gallen wurde. Er wurde vor allem für seine Reformationschronik (die Sabbata) bekannt, verfasste aber auch eine Biographie Vadians.

Auf dem Bildungssektor existierte schon seit dem 14. Jahrhundert eine Lateinschule; im 15. Jahrhundert sind eine deutsche Schule und eine Mädchenschule belegt. Das Gymnasium wurde erst 1598 auf Basis einer privaten Stiftung eingerichtet. Im 16. und 17. Jahrhundert waren Theateraufführungen erlaubt; man kann hier die lateinischen Stücke von David und die deutschen seines Sohnes Josua Wetter erwähnen (wobei auch letzterer antike Stoffe wie die Geschichte von den Horatiern und den Curiatiern behandelte). Der erste Drucker, Leonhardt Straub, liess sich 1578 in St. Galle nieder, wurde aber 1584 vertrieben.

Die 719 über dem Grab des heiligen Gallus errichtete Abtei genoss seit 1451 die Vorteile einer dauerhaften Allianz mit den Orten Zürich, Luzerne, Schwyz und Glarus. Diese Verbindung verstärkte sich 1479 unter Abt Ulrich Rösch (1463-1491), doch blieb die Abtei bis ins 17. Jahrhundert auch dem Reich eng verbunden (danach wurde sie nicht mehr in den Reichsmatrikeln geführt). Im Mittelalter wurde die Abteischule von den Mönchen, den Mitgliedern der herrschenden Laienklasse und dem hohen Weltklerus besucht. Nach einer langen Periode des Niedergangs (11.-15 Jahrhundert) stellte der energische Fürstabt Rösch, die monastische Disziplin wieder her. Er sorgte dafür, dass die jungen Mönche zum Studium an Universitäten geschickt wurden und dass die Bibliothek reorganisiert und erweitert wurde. Dank seiner Tätigkeit und der seiner Nachfolger widerstand die Abtei den grossen konfessionellen Turbulenzen. Nach den Kappeler Kriegen (1531) stellte der neue Abt Diethelm Blarer von Wartensee (1530-1564) seine Autorität wieder her und ermutigte die Katholische Reform. Er brachte die Abtei von Sankt Johann im Thurtal in seinen Besitz und machte sie zum Priorat; eine Dutzend Mönche unterhielten dort eine gut besuchte Schule, deren Schüler aus der ganzen Schweiz kamen. In Sankt Johann wurde auch zum ersten Mal auf dem Gebiet der Fürstabtei gedruckt. Blarer liess ausserem eine neue, zweistöckige Bibliothek errichten. Er wird als dritter Gründer der Abtei nach Otmar und Rösch betrachtet. Einer der gelehrtesten Mönche dieser Epoche war der Bibliothekar Mauritius Enck (gestorben 1575), der die lateinische, französische, hebräische, syrische und chaldäische Sprache beherrschte. Er verfasste zudem ein lateinisches Vorwort zu den polyphonischen Kompositionen des Manfredo Lupo Barbarino, eines italienischen Komponisten, der besonders auch die Helvetiae Descriptio Glareans in Töne gesetzt hat.

 

Appenzell

Obwohl die humanistische Bewegung die Region Appenzell kaum berührte, bereitete ihre Lateinschule, die bereits vor der Mitte des 15. Jahrhunderts belegt ist, die Schüler zumindest auf ein Hochschulstudium vor. Wer diesen Schritt wagte, ging nach Basel, Wien, Freiburg im Breisgau oder auch nach Heidelberg. Zu ihnen gehörte Johannes Dörig, ein reformierter Humanist, der in Basel studierte und mit Vadian korrespondierte.

 

Solothurn

In Solothurn gab es keine Voraussetzungen für die Entfaltung des Humanismus. Lediglich die Grundbildung wurde durch die Lateinschule des St.-Ursenstifts (seit 1208 belegt) gewährleistet, die zwar über eine Bibliothek verfügte, jedoch der deutschen Schule Konkurrenz machte. Die Gründung des Jesuitenkollegs im Jahr 1646 führte zu ihrem Niedergang. Die Solothurner mussten daher ins Ausland gehen, um eine weiterführende Ausbildung zu absolvieren. So studierten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Johannes Aal, Hanns Wagner und Hans Jakob vom Staal der Ältere bei Glarean, bevor sie nach Solothurn zurückkehrten. Erwähnenswert ist auch Nicolaus Hagaeus, der Schulleiter in Luzern wurde. Von 1590 bis 1595 war der Freiburger Franz Guillimann Rektor der Lateinschule in Solothurn und wurde sogar Solothurner Bürger, bevor er wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Rat ausgewiesen wurde. Die Stadt beherbergte die Druckerei von Samuel Apiarius (1530-1590) nach dessen Vertreibung aus Bern, allerdings nur für kurze Zeit (1564-1566). Erst 1658 wurde eine weitere Druckerei gegründet; dort veröffentlichte Franz Haffner 1666 seine Solothurner Chronik in deutscher Sprache, deren antiquarischer Charakter sich in der Zusammenstellung biblischer und antiker Texte zeigt.

 

Schaffhausen

Bereits im Mittelalter gab es in Schaffhausen Bibliotheken, sei es in der Benediktinerabtei Allerheiligen, im Franziskanerkloster oder in der Pfarrkirche St. Johann. Nach der Reformation im Jahr 1529 wurden die Klöster säkularisiert und die Bücher in die Sakristei der St.-Johann-Kirche überführt. Diese Sammlung wuchs nach und nach und bildete den Grundstock der «liberey» oder «Bibliotheca publica» (so um 1540 bezeichnet), die eigentlich vor allem für den Klerus bestimmt war. Etwas später, im Jahr 1636, gründeten Bürger eine Bibliothek (Bürgerbibliothek), aus der später die Stadtbibliothek hervorging).

Die Abtei Allerheiligen beherbergte im Mittelalter ebenfalls eine Schule. Am Ende dieser Epoche richtete der Rat eine städtische Schule und eine Lateinschule ein, 1534 folgte eine Mädchenschule. Von grösserer Bedeutung für den Humanismus war das Collegium humanitatis, das bereits in den 1570er Jahren gegründet wurde, um auf das Universitätsstudium vorzubereiten: Dort wurden insbesondere alte Sprachen und Rhetorik unterrichtet. Ein Scholarchenrat, der für die Kirchen und Schulen zuständig war, verwaltete einen Fonds aus säkularisierten Klostergütern, der zur Finanzierung des Studiums junger Schaffhauser bestimmt war. Johann Conrad Ulmer (1519-1600), eine bedeutende Persönlichkeit der Stadt im 16. Jahrhundert, war Mitglied dieses Rates. Er war ab 1569 Stadtpfarrer und verfasste die Kirchenordnungen von 1592 und 1596, die die Grundlagen für die lokale reformierte Kirche schufen.  Auch der Pfarrer und Historiker Johann Jakob Rüeger (1548-1606) war Mitglied des Schulrats; er interessierte sich für antike Inschriften und die lokale Geschichte.

Schaffhausen blickte ebenfalls auf eine Theatertradition zurück, die bis ins Mittelalter zurückreichte und sich nach der Reformation mit biblischen Themen fortsetzte. Demgegenüber war der Buchdruck vor der Mitte des 17. Jahrhunderts eher wenig verbreitet. Der Schaffhauser Drucker Konrad von Waldkirch (1549-1615) war hauptsächlich in Basel tätig und nur für einige Monate (1591-1592) in Schaffhausen. Erst 1655 eröffnete der Zürcher Johann Kaspar Suter auf Wunsch des Rates eine Druckerei in der Stadt.

 

Wallis

Im Mittelalter gab es in Sitten und Saint-Maurice renommierte Schulen (die des Domkapitels bzw. die der Abtei), deren Unterricht jedoch nicht besonders fortgeschritten war. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts setzten immer mehr Walliser ihre Ausbildung an Akademien und Universitäten in der Schweiz und in Europa fort. Thomas Platter, der vom Ziegenhirten zum Schulmeister und Buchdrucker aufstieg, ist ein symbolträchtiges Beispiel dafür; in seiner Schule in Basel führte er zahlreiche junge Walliser in die humanistischen Wissenschaften ein. Im Laufe des 16. Jahrhunderts beschloss die Walliser Tagsatzung, in Saint-Maurice eine Schule zu gründen, um das lokale Bildungsniveau zu verbessern und zu verhindern, dass die Walliser an protestantischen Schulen studierten. Im Oberwallis wurde in Brig ab 1662 ein Jesuitenkolleg gegründet. Der Buchdruck hielt erst 1644 in Sitten Einzug.

Man kann also nicht wirklich behaupten, dass das Wallis, das bis 1815 Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, eine Hochburg der humanistischen Wissenschaften war. Es zählte dennoch eine Reihe von Humanisten, von denen Anne Andenmatten mehrere auf diesem Portal vorstellt. Dabei zeigt sich, dass viele von ihnen aus verschiedenen Gründen «verhinderte» Humanisten waren: Matthäus Schiner war ein talentierter junger Lehrer und ein bekannter Redner, doch seine bewegte Karriere erlaubte es ihm nicht, intellektuelle Höhen zu erreichen; Simon In-Albon, der ein brillanter Humanist und Lehrer hätte sein können, liess sich ebenfalls in die politischen Turbulenzen des Wallis hineinziehen; was die anderen betrifft (Chorherren, Notare, Apotheker oder Schulmeister), so schufen sie Werke (Gedichte, Abhandlungen, Chroniken), deren humanistischer Charakter nicht immer offensichtlich ist.

 

  1. Französischsprachige Schweiz

Genf

In den 1520er Jahren löste sich Genf nach und nach von Savoyen und der bischöflichen Herrschaft und näherte sich den Eidgenossen an, insbesondere Bern und Freiburg, mit denen 1526 ein Bündnisvertrag geschlossen wurde. Der Wandel war zunächst politischer und nicht religiöser Natur. Erst mit den Predigten von Guillaume Farel ab 1532 setzten sich die reformierten Ideen in Genf durch, und dies mit dem Segen der Berner (Freiburg dagegen trat 1534 aus dem Bündnis aus). Nach dem Verbot der Messe im Jahr 1535 wurde am 21. Mai 1536 die Reformation eingeführt, ebenso wie die Schulpflicht für Kinder. Von da an war der Wandel sowohl politischer, gesellschaftlicher als auch religiöser Natur, und es kam zur Errichtung einer reformierten, souveränen (und somit vom Bischof unabhängigen) Republik. Johannes Calvin veröffentlichte 1536 seine berühmte Institutio Christianae Religionis. Obwohl Farel und Calvin 1538 verbannt worden waren, wurden sie 1541 zurückgerufen. Calvin blieb dort bis zu seinem Tod, und sein Wirken, das durch das von Theodor Beza fortgesetzt wurde, prägte die Genfer Gesellschaft nachhaltig. Was das geistige Leben betrifft, ist insbesondere die Rolle der 1541 gegründeten Compagnie des pasteurs hervorzuheben, der ab 1559 auch die Professoren der Akademie angehörten: Sie war vor allem an der Zensur von Druckwerken beteiligt, schlug den Magistraten Pastoren und Professoren vor und war für den Gottesdienst und den Unterricht zuständig.

Genf wurde zu dieser Zeit zur Bastion des Humanismus in der Romandie, auch wenn Calvin und die Genfer Pastoren den humanistischen Ideen ambivalent gegenüberstanden (man bedenke, dass Calvin vor seiner Genfer Zeit einen Kommentar zu Senecas De clementia veröffentlicht hatte). Der Humanismus in Genf verdankte seine Existenz jedoch vor allem den französischen, italienischen, englischen und schottischen Flüchtlingen. Die Gründung der Akademie im Jahr 1559, die vor allem der Ausbildung von Pastoren und Magistraten diente, ermöglichte es zahlreichen Schülern, Latein und Griechisch zu erlernen. Calvin war der Initiator dieser Einrichtung und Beza ihr erster Rektor. Buchdrucker wie Jean Crespin, die Estienne und Conrad Badius spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung nicht nur der Schriften der Reformation, sondern auch der Werke zu den griechischen und lateinischen Klassikern. Als Beispiel sei die 1578 von Henri Estienne herausgegebene Gesamtausgabe der Werke Platons genannt, deren Einteilung in Seiten und Abschnitte (a, b, c, d, e) bis heute gebräuchlich ist. Hinzu kommen wertvolle Hilfsmittel für die Humanisten, wie der berühmte Thesaurus Graecae linguae desselben Estienne.

Die Vertreter des Humanismus in Genf waren recht zahlreich: Neben den oben erwähnten (mit besonderer Erwähnung von Henri II. Estienne) ist François Bonivard (aus Seyssel in Savoyen) zu nennen, der erste Chronist Genfs und ein ausgezeichneter Kenner alter und moderner Sprachen; Jacques Lect, «seul grand auteur de souche genevoise» («einziger grosser Autor genferischer Herkunft») jener Zeit, Dichter und Herausgeber insbesondere antiker Autoren; Isaac Casaubon, Herausgeber und Kommentator griechischer und lateinischer Texte, Verfasser eines Tagebuchs in lateinischer Sprache (die Éphémérides); oder auch Simon Goulart, Pfarrer, Polygraph und Übersetzer antiker Werke. Schliesslich seien noch Denys und Jacques Godefroy erwähnt, Genfer Vertreter des juristischen Humanismus.

 

Waadt

Das Waadtland stand lange Zeit unter savoyischer Herrschaft, bevor es 1536 von Bern erobert wurde. Zu den Folgen dieses Herrschaftswechsels zählten die Einführung der Reformation (die Messe wurde im Oktober 1536 abgeschafft) und die Gründung der Akademie von Lausanne im Jahr 1537. Der Unterricht an dieser Hochschule war bis 1616 von humanistischen Grundsätzen geprägt; in diesem Jahr wurden die heidnischen Klassiker aus dem Lehrplan verbannt. Die Akademie beherbergte renommierte Professoren wie Pierre Viret, Mathurin Cordier, Conrad Gessner, Theodor Beza, Celio Secondo Curione oder auch François Hotman. Im Jahr 1559 versetzte der massenhafte Weggang der Professoren, die gegen die Einmischung Berns in kirchliche Angelegenheiten protestierten, der Institution einen schweren Schlag. In der Region gab es weitere Bildungseinrichtungen: Nyon verfügte über ein Gymnasium in einem 1559 erworbenen Gebäude; in Morges ist bereits im 15. Jahrhundert eine schola grammaticalis belegt, und das Gymnasium von Couvaloup wurde 1574 gegründet.

Der Buchdruck war im Waadtland weitaus weniger verbreitet als in Genf: 1493 gab es mit Jean Belot einen ersten Wanderdrucker, der das einzige im 15. Jahrhundert in Lausanne gedruckte Buch (ein Messbuch) veröffentlichte. Die Hugenotten Jean und François Le Preux, die sich zunächst in Genf niedergelassen hatten, kamen 1569 nach Lausanne (Jean lebte von 1579 bis 1585 in Morges), bevor sie in den 1580er Jahren nach Genf zurückkehrten.

 

Neuenburg

Das Gebiet von Neuenburg gehörte bis zur Reformation zu den Diözesen Lausanne und Besançon. Die Grafen von Neuenburg hatten Städtebündnisse mit den Städten Freiburg, Biel und Bern geschlossen. Während der Italienischen Kriege (1512-1529) besetzten die eidgenössischen Orte die Grafschaft aus Besorgnis über den dortigen französischen Einfluss. Die herrschaftliche Autorität ging aus dieser Episode geschwächt hervor, während die Bürger an Autonomie gewannen. In dieser Zeit predigte in Neuenburg der aus Gap in der Dauphiné stammende Guillaume Farel; am 4. November 1530 trat Neuenburg zur Reformation über (zunächst betraf dies nur die Stadt). Antoine Marcourt war von 1531 bis 1538 der erste Pfarrer der Stadt. Im Jahr 1537 wurde nach dem Vorbild von Bern und Waadt die Vénérable Classe des pasteurs gegründet. Farel selbst wurde zu Ostern 1538 erster Pfarrer von Neuenburg und blieb dies bis zu seinem Tod im Jahr 1565.

Neuenburg war dank der Anwesenheit des französischen Druckers Pierre de Vingle ab 1533 auch ein Zentrum für die Verbreitung polemischer reformatorischer Schriften. Aus seinen Druckpressen gingen insbesondere Le livre des marchans von Marcourt (eine Satire auf den Klerus), das berühmte Plakat, das die nicht minder berühmte «Placards-Affäre» (Affaire des Placards) von 1534 auslöste, und schliesslich die Bibel von Pierre Robert Olivétan (Juni 1535) hervor, die erste protestantische Bibel in französischer Sprache. Die Druckerei schloss jedoch nach dem Erscheinen dieses Werks, was die Entwicklung einer lokalen Literaturkultur verhinderte. Der von den Behörden missbilligte Buchdruck kehrte erst Ende des 17. Jahrhunderts nach Neuenburg zurück.

Obwohl die Existenz eines Schulmeisters bereits im 14. und 15. Jahrhundert belegt ist, entwickelte sich ein Schulsystem erst seit der Reformation. Die Schulen befanden sich zunächst an der Küste und in den Tälern und erreichten die Berggebiete erst im 17. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert wurde ein Gymnasium gegründet, um die Schüler auf ein Hochschulstudium vorzubereiten. Für ein solches Studium musste man an die Schweizer Akademien (Lausanne, Genf, Zürich), an die Universität Basel oder ins Ausland gehen. Neuenburg war damals eher ein Ort der Frömmigkeit als der Kultur. Das Fehlen humanistischer Persönlichkeiten und Institutionen trug zweifellos dazu bei. Eine Ausnahme bildet Blaise Hory (1528/1529-1595), ein in Neuenburg geborener neulateinischer Dichter (er schrieb auch Gedichte auf Französisch und Deutsch), der in Strassburg studierte und als Pfarrer in Bern, Grafenried, Murten, Cerlier und schliesslich in Ligerz tätig war. Hory kritisierte in französischen Versen andere Dichter aus der Region Neuenburg, über die man leider nicht viel weiss. Insgesamt muss man bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts warten, um Spuren einer intellektuellen Aktivität zu finden, die insbesondere mit der Entwicklung des Gymnasiums zusammenhängt.

 

Jura

Der Kanton Jura existiert formal erst seit 1974. Im 16. Jahrhundert unterstanden die Jura-Gebiete weltlich dem Fürstbischof von Basel und geistlich der Diözese Besançon. In der Praxis wurde nur der nördliche Teil der Region (die Ajoie bzw. der Pruntruter Zipfel, Delémont/Delsberg, Saint-Ursanne mit den Freibergen, das Laufental) vom Fürstbischof regiert; der Süden (Moutier-Grandval, Erguël, La Neuveville, die Montagne de Diesse und Biel) unterhielt Bündnisverträge mit Freiburg, Bern oder Solothurn. Die Reformation fasste in diesem südlichen Teil festere Wurzeln als im Norden, wo sie schliesslich 1580 zurückgedrängt wurde.

Der Humanismus hatte im Jura nur begrenzten Einfluss. Zu nennen ist hier höchstens der Pfarrer von Vinelz, Guillaume Grimaître bzw. Wilhelm Graumeister (um 1346-1519), Magister Artium der Universität Basel. In der Stadt Porrentruy (Pruntrut) im Ajoul bildete sich im 16. Jahrhundert jedoch ein kleiner intellektueller Mittelpunkt heraus. Dazu gehörten die Pfarrer Thiébaut Biétry (1483-zwischen 1527 und 1531), Georges Ferriot (gest. 1530/1531) und Hugues Jussel (gest. 1538), die mit Erasmus von Rotterdam in Kontakt standen. Insbesondere Biétry erhielt von ihm im Jahr 1523 den Text einer Messe für Unsere Liebe Frau von Loretto, in der Erasmus als christlicher Humanist die Gläubigen dazu auffordert, Maria zu ehren, indem sie ihr Leben und ihre Tugenden nachahmen. Im folgenden Jahr begleiteten Biétry und Ferriot Erasmus auf seiner Reise nach Besançon.

Sobald Basel 1528 die Reformation angenommen hatte, empfing Porrentruy den Basler Fürstbischof Christoph von Utenheim und seinen Hofstaat. In den folgenden Jahrzehnten versuchten die Reformierten, sich dort niederzulassen, hatten jedoch nur begrenzten Erfolg. Ab 1580 setzte das Wirken des Fürstbischofs Jakob Christoph Blarer von Wartensee der reformierten Präsenz in Porrentruy ein Ende. Blarer, der in Freiburg im Breisgau Schüler von Glarean gewesen war, war entschlossen, die Beschlüsse des Konzils von Trient umzusetzen, und wusste, dass die Priester eine solide Ausbildung benötigten, um dieses Ziel zu erreichen. Er war der Initiator der Ansiedlung der Jesuiten in Porrentruy und der Gründung des Kollegs im Jahr 1591. Der Lehrplan des Kollegs sah die Lektüre antiker Autoren wie Isokrates, Cicero und Vergil vor. Auch das Theater war Teil des Studiums, wobei die Themen der Stücke meist religiöser Natur waren. Das Kolleg verfügte zudem über eine Bibliothek mit unterrichtstauglichen Werken, darunter Ausgaben klassischer Autoren. Sie stand ausschliesslich den Lehrern zur Verfügung; die Schüler mussten sich mit den Werken begnügen, die sie selbst besassen, oder mit denen, die in den Bibliotheken der Kongregationen oder in der sogenannten «Armenbibliothek» («bibliothèque des pauvres») standen, die vor 1620 am Kollegium eingerichtet worden war. Zeitgleich mit der Gründung des Gymnasiums liess sich ein Drucker nieder, Johann Schmidt (auf Französisch auch Jean Faibvre und auf Lateinisch Iohannes Faber genannt), der den Lehrplan sowie die am Gymnasium behandelten Werke veröffentlichte. Schmidts Erben übernahmen sein Geschäft und verkauften es später an den Sachsen Christoph Crakow. Die Druckerei wurde zwischen 1623 und 1635 vom Freiburger Guillaume Darbellay geleitet; danach kam der Druckbetrieb aufgrund des Dreissigjährigen Krieges zum Erliegen und wurde erst 1656 wieder aufgenommen.

 

  1. Italienische und rätoromanische Schweiz

Freistaat der Drei Bünde (heute Graubünden)

Joachim Vadian und sein protestantischer Kreis beeinflussten die Ostschweiz. Vadians Lehrtätigkeit in Wien (zwischen 1510 und 1518) beeindruckte die jungen Bündner, die dorthin zum Studium gekommen waren. Unter den Repräsentanten des Humanismus findet man im Bündnerland Simon Lemnius und Johannes Fabricius Montanus, aber auch die Schöpfer der rätoromanischen Literatursprache, Jachiam Bifrun und Johann Travers; man muss auch noch einige italienische Flüchtlinge wie Paolo Vergerio und Franciscus Niger hinzufügen. Bei den Bündnern kam es auch Verfasser lateinischer Chroniken (Ulrich Campell, Fortunat Sprecher von Bernegg und Fortunat von Juvalta).

Das Bündnerland und seine Geschichte hatten schon die Aufmerksamkeit auswärtiger Gelehreter auf sich gezogen, darunter Michael Hummelberg, der Elsässer Beatus Rhenanus, Johannes Choler (oder Koler) aus Augsburg, der Propst des Churer Domkapitels, der antike Inschriften sammelte, sowie Aegidius Tschudi und Joachim Vadian. Der Letztgenannte interessierte sich für die Geschichte des Prämonstratenserklosters (St. Luzi) und des Hochstifts Chur.

Die Reformation tangierte das Territorium der Drei Bünde in sehr unterschiedlicher Weise; zahlreiche Gemeinden blieben katholisch. Chur war das Zentrum der reformierten Bewegung, die sich zwischen 1523 und 1527 dank des Pastors Johannes Comander, eines Briefpartners Vadians, durchsetzte. Zahlreiche Gemeinden im Zehngerichtenbund und im Grauen Bund schlossen sich in den 1520ern und 1530ern der Reformation an. Die Glaubensbewegung brauchte länger, um das Engadin und seine Nachbartäler zu erreichen; erst am Ende des 16. und am Anfang des Jahrhunderts gelangte sie in den Norden des Gebietes des Gotteshausbunds. Diese regionalen Unterschiede sorgten dafür, das sich im Bündnerland keine einheitliche reformierte Kirche ausbildete und sorgte für konfessionelle Streitigkeiten gefördert, wie die Querele, bei der sich von 1545 bis ungefähr 1571 die von Bullinger repräsentierten Anhänger der reformierten Orthodoxie und die geflüchteten italienischen Wiedertäufer bzw. Antitrinitarier in Chiavenna gegenüberstanden. Die Anfänge der Bündner Synode reichen bis 1537 zurück, aber die Confessio Raetica (die die erste Synodalordnung enthält) datiert erst aus dem Jahr 1553. In den 1570ern kam es zu einer institutionellen Stärkung: man setzte eine calvinistisch inspirierte kirchliche Disziplin durch, ferner installierte man ein Organ, das imstande war, die Kirche zu leiten und gegenüber den weltlichen Autoritäten zu vertreten. Diese protestantische Orthodoxie spielte besonders im Werk Ulrich Campells eine grosse Rolle.

Auf dem Schulsektor konzentrierten sich die Bemühungen im katholischen ebenso wie im reformierten Lager auf die religiöse Kultur der Gläubigen (systematische Katechese) und auf die Qualität der Klerusausbildung. Mit Blick auf die höhere Bildung versuchte der Bundstag mehrfach, eine Landesschule einzurichten, die aus Kirchengütern finanziert werden sollte; zwei derartige Projekte scheiterten etwa in Sondrio (1584 und 1618-1619). Den Bischöfen gelang es nicht, ein diözesanes Priesterseminar gemäss den tridentinischen Reformen zu etablieren. Unter den wichtigsten Personen des Bündner Bildungsbetriebs kann man Jakob Salzmann erwähnen, Schulmeister an der Nikolaischule in Chur, der lateinische Grammatik, Rhetorik und lateinische Dialektik unterrichte. Auf lokaler Ebene unterhielt er Beziehungen zu den Chorherren von Chur und den Äbten von St. Luzi, Pfäfers und Churwalden; er stand aber auch in Kontakt mit Erasmus zu der Zeit, als dieser sich in Basel aufhielt.

 

Tessin

Das Tessin wurde erst 1803 zu einem Schweizer Kanton. Nachdem es im 14. und 15. Jahrhundert zum Herzogtum Mailand gehört hatte, wurde es in acht Vogteien aufgeteilt, die von den eidgenössischen Orten verwaltet wurden. Die Tessiner Pfarreien gehörten zu den Diözesen Como und Mailand. Die Reformation konnte sich aufgrund des Eingreifens der katholischen Kantone nicht dauerhaft etablieren: So musste die protestantische Gemeinde von Locarno 1555 ins Exil gehen.

Bereits im Mittelalter veranlassten die häufigen Kontakte zum Herzogtum Mailand die Städte Lugano, Bellinzona und Locarno dazu, Männer auszubilden, die Latein schreiben konnten. In Bellinzona unterrichteten im 14. und 15. Jahrhundert weltliche Lehrer Grammatik, humanistische Wissenschaften und Rhetorik. Dieser etwa zehnjährige Lehrgang ermöglichte es den Schülern (auch denen aus ländlichen Gebieten), später in der Verwaltung, im Notariat oder im Handel zu arbeiten oder sogar eine priesterliche oder politische Laufbahn einzuschlagen. Viele waren in der lombardischen Verwaltung tätig. Auch Locarno besass eine Lateinschule, die unter anderem von Giovanni Beccaria geleitet wurde, der später reformierter Prediger wurde. Franciscus Niger stand an der Spitze einer Privatschule in Chiavenna, wo er Latein und Griechisch unterrichtete.

Im 15. Jahrhundert begann die Volkssprache, dem Latein in Politik, Verwaltung und Diplomatie Konkurrenz zu machen. Im 16. Jahrhundert wurden Verwaltungs- und Gerichtsdokumente sowie bestimmte notarielle Urkunden fortan auf Italienisch verfasst. Dennoch war Latein weiterhin präsent, insbesondere in der Korrespondenz unter Gelehrten.

Ende des 16. Jahrhunderts ermöglichte die katholische Reform, die von den Mailänder Erzbischöfen Carlo Borromeo (Karl Borromäus) und seinem Cousin Federico Borromeo vorangetrieben wurde, dank der Gründung von Pfarrschulen auch in abgelegenen Regionen Fortschritte bei der Alphabetisierung. Ordensgemeinschaften gründeten Institute zur Ausbildung junger Adliger und angehender Geistlicher. So entstanden Ende des 16. und im 17. Jahrhundert Kollegien in Ascona, Bellinzona oder auch in Mendrisio. Diese Einrichtungen verfügten ebenso wie die Klöster über umfangreiche Bibliotheken. Das Hochschulstudium wurde jedoch ausserhalb der Tessiner Vogteien absolviert, manchmal in deutschschweizerischen oder deutschen Städten, vor allem aber in der Lombardei. Das 1579 gegründete Collegium Helveticum in Mailand war einer der wichtigsten Studienorte für Tessiner Geistliche. Laien hingegen besuchten eher die Universität von Pavia. Im Allgemeinen wandten sich die Tessiner Gelehrten also eher Norditalien zu als anderen Schweizer Regionen.

Zu denjenigen, die enge Verbindungen zum Rest der Schweiz unterhielten, gehörten der aus Lugano stammende Francesco Ciceri, der zunächst als Lehrer im Tessin und später als Professor für Rhetorik in Mailand tätig war und unter anderem mit dem Basler Oporin korrespondierte, sowie der aus Locarno stammende Arzt Taddeo Duno, der aus religiösen Gründen nach Zürich geflohen war. Schliesslich ist noch der Arzt und Humanist Andrea Camuzio aus Lugano zu nennen, der in konfessioneller Hinsicht ein Gegner von Duno und Beccaria war.

 

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