Chorographie von Bern: der Grimsel und die Quelle der Aare

Thomas Schöpf

Einführung: Kevin Bovier (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.


Entstehungsdatum: vor 1577.

Handschrift: Inclytae Bernatum urbis, cum omni ditionis suae agro et provinciis, delineatio Chorographica, secundum cujusque loci justiorem et longitudinem et latitudinem coeti, libris duobus complexa, Zentralbibliothek Zürich, Ms J 259, 160-161.

Ausgabe: W. A. B. Coolidge, Josias Simler et les origines de l’alpinisme jusqu’en 1600, Grenoble, Allier, 1904, 254*-255* (Auszüge mit französischer Übersetzung).

 

Thomas Schöpf wurde 1520 in Breisach am Rhein (heute Baden-Württemberg) geboren. Er studierte in Basel die artes liberales (1541-1543). Nach Erlangung des Bakkalaureats verbrachte er zwei Jahre in Wittenberg, wo er zum Magister promoviert wurde. Nach seiner Heimkehr unterrichtete er an der Basler St. Peter-Schule und heiratete 1547 Anna Suracher, die älteste Tochter des Basler Gastwirts und Bürgers Stefan Suracher, der wie er aus Breisach stammte; aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. 1551, als die Pest wild um sich griff, begann Schöpf ein Medizinstudium in Basel. Er begab sich anschliessend zu dem gleichen Zweck nach Montpellier und erlangte in Valence den medizinischen Doktortitel (1553). Nach seiner Rückkehr im Jahr 1554 fand Schöpf eine Anstellung als Stadtarzt im mehrheitlich katholischen Colmar. Im gleichen Jahr wurde seine in Basel verbliebene Familie von der Pest befallen; nur seine älteste Tochter, Anna, überlebte die Krankheit. Zehn Jahre später lernte Schöpf eine Witwe kennen, Elsbeth Hoffmann, und gründete eine zweite Familie. 1565 erhielt er eine Anstellung als Arzt im reformierten Bern und übersiedelte dorthin mit Anna und seiner neuen Frau, die zwischen 1565 und 1576 vier Söhne zur Welt brachte. Anna heiratete 1569 den Schreiber Jakob Bucher. Der Arzt, der seit seinem Dienstantritt mit der Pest zu kämpfen hatte, beschwerte sich über die mangelnde Funktionstüchtigkeit des öffentlichen Gesundheitswesens in Bern, was soweit ging, dass er zusammen mit dem zweiten Stadtarzt, Stephan Kunz, eine Beschwerdeschrift beim Berner Rat einreichte. Diese Beschwerdeschrift verursachte eine Reform der Berner Spitäler, die 1575 ein neues Reglement erhielten. Am Ende fiel Thomas Schöpf bei der Ausübung seiner Dienstpflichten selbst der Pest zum Opfer und verstarb 1577.

Der Name des Thomas Schöpf wird mit einer Karte des Ortes Bern in Verbindung gebracht, die zwischen 1565 und 1578 erstellt wurde. In Wirklichkeit handelt es sich bei dieser Karte um das Ergebnis einer Gruppenarbeit, an der Schöpf sich beteiligt hatte, wobei es allerdings schwer ist, seine konkrete Rolle in dem Projekt zu bestimmen. Ausserdem daran beteiligt waren der Basler Verleger Adalbert Sauracker (Schöpfs Schwager), der Berner Ratsherr Niklaus Zurkinden, der Maler Martin Krumm (ein Berner Bürger) und der Berner Stadtschreiber Jakob Bucher (Schöpfs Schwiegersohn). Zurkinden beschaffte die Angaben zu den Distanzen zwischen den einzelnen Lokalitäten, Krumm fertigte Ortsskizzen an und Bucher stellte eine Kopie der Chorographica delineatio her, einem Kompendium des Berner Verwaltungs- und Verteidigungswesens. 1576 bat Schöpf den Grossen Rat, den Druck der geographischen Bildtafeln zu gestatten. Aufgrund der strategischen Bedeutung, die einem solchen Dokument zukam, überwachten die Berner Autoritäten die Arbeiten sorgfältig und schränkten den Zugang zu den Karten ein: So gewährten sie dem zur Verfertigung der Kupferstiche aus Deventer angereisten Johann Martin nur ein beschränktes Aufenthaltsrecht und untersagten dem Verleger, die Karte in der Oberrheingegend zu verkaufen. Am Ende erhielten nur die Stadt Lausanne und einige Berner Ratsherren die Erlaubnis, die Karte für sich zu erwerben. Die Druckplatten wurden in der Schatzkammer des Ratshauses unter Verschluss gehalten, und es dauerte fast ein Jahrhundert (1672), bis die Berner Behörden eine zweite Auflage der Karte gestatteten, eine Aufgabe, die dem obrigkeitlichen Drucker der Stadt anvertraut wurde.

Wir interessieren uns hier für die geographische Beschreibung von Bern (Bernatum urbis delineatio chorographica) und seinen Besitzungen; sie ist einer sorgfältig erstellten Karte dieser Region beigegeben, die eine «Meisterleistung der frühneuzeitlichen Kartografie» darstellt. Anders als die Karte wurde die delineatio niemals veröffentlicht und war auch niemals für eine Publikation vorgesehen, da sie für ein sehr eng begrenztes Publikum von hohen Berner Staatsbeamten bestimmt war. Im Vorwort der delineatio werden eine Reihe von Argumenten vorgebracht, die die Nützlichkeit einer solchen Arbeit belegen sollen; eines davon hat einen Bezug zu unserer übergeordneten Thematik:

Quid incolam et hominum pium magis recreat, quam videre pagos in summis alpibus et iugis montium altissimorum positos, ad quos intra dimidii anni spatium nullus accessus neque recessus patet, ad quos tamen pervenerit Evangelii vox?

Was kann einen Bewohner und frommen Mann wieder heiterer stimmen als der Anblick der auf den Gipfeln der Alpen und den Kämmen der höchsten Berge errichteten Dörfer, die zu erreichen (und von denen heimzukehren) man in sechs Monaten nicht schafft, und zu denen doch die Stimme des Evangeliums vorgedrungen ist?

Indem er die Alpen als eine entfernte und fast unerreichbare Stätte schildert, rechtfertigt Schöpf die Bernische Herrschaft unter dem Gesichtspunkt der Evangelisation, um nicht zu sagen der Zivilisation. Bern, das 1528 zum reformierten Lager überging, erweiterte tatsächlich zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert sein Territorium beträchtlich; zum Beispiel eroberte es 1536 das Waadtland. Dieses territoriale Gewicht verschaffe ihm de facto eine zentrale politische Rolle in der aus dreizehn Orten bestehenden Eidgenossenschaft.

In der delineatio chorographica wird die geographische Beschreibung des Berner Territoriums auf zwei Bücher aufgeteilt: das erste behandelt die deutschsprachigen Gebiete, das zweite die frankophonen. Der Geograph beginnt mit einer Beschreibung der Stadt Bern, ihrer Vorstädte und ihrer Umgebung, bevor er sein Interesse den Regionen in der Peripherie zuwendet. Unter den behandelten Stätten befindet sich auch die Grimselregion. In dieser Passage stellt man fest, dass der Autor nicht nur eine trockene Ortsbeschreibung liefert, sondern auch die Besonderheiten des Ortes angibt, wie die Existenz einer Schutzhütte. Am Ende äussert er seine Ansichten zur Lokalisierung der Quelle der Aare.

 

Bibliographie

Dubler, A.-M., «Leben und Sterben in Bern zur Zeit des Stadtarztes Thomas Schöpf (1520-1577): Ein Zeit- und Sittenbild aus dem reformierten Bern der Frühen Neuzeit», Berner Zeitschrift für Geschichte 82 (2020), 7-185.

Dubler, A.-M., «Schöpf, Thomas», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 24.09.2021, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025297/2021-09-24/.

Gubler, K., «Thomas Schöpf (1520–1577) im Kreise der Gelehrten seiner Zeit. Zugänge einer wissensbasierten Prosopographie», Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 170 (2022), 221-250.

Herzig, H. E., «Thomas Schoepfs ‘tabula arctographica’ als Beitrag zum bernischen Selbstverständnis», Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 54 (1992), 164-172.