Graeca
Autor(en): David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 30.09.2025Das Neualtgriechische
Das Portal Humanistica Helvetica zeugt deutlich vom Interesse der Humanisten an der lateinischen Sprache. Aber nicht nur die Kenntnis des Lateinischen, sondern auch die des Altgriechischen war eine wesentliche Kompetenz, um als vollendeter Humanist gelten zu können: Wie hätte man von sich behaupten können, man kehre zu den antiken und biblischen Quellen zurück, wenn man diese Sprache nicht beherrschte? Daher ist es angebracht, hier eine kurze Einführung in die Beschäftigung der Schweizer Humanisten mit dem Griechischen zu bieten und einige von ihnen verfasste altgriechische – das heisst: neualtgriechische – Texte zu präsentieren.
Im 16. Jahrhundert unterrichteten überall in Europa Institutionen wie das Collegium Trilingue in Löwen (ab 1517) oder das Collège royal in Paris (ab 1530) die drei heiligen Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch, was verdeutlicht, welchen Aufschwung das Griechischstudium genommen hatte. Die Schweiz bildete dabei keine Ausnahme. Bereits 1519 rühmte Johannes Xylotectus in einem sapphischen Gedicht, das in die Ausgabe der Descriptio Helvetiae Glareans aufgenommen wurde, eine helvetische Jugend, die, obwohl sie «die Musen noch nicht verehrt hatte», nun «die prächtige Minerva mit Mars» miteinander verbindet und «sowohl das griechische Wissen / als auch das hebräische und lateinische Wissen beherrscht». In seiner Abhandlung Wie man edle junge Leute erziehen soll (1523) betont Ulrich Zwingli, wie wichtig das Erlernen der drei Sprachen für das richtige Verständnis der Heiligen Schrift ist.
In dieser Epoche wird Griechisch in den Schulen unterrichtet, wenn auch weniger intensiv und mit weniger Erfolg als Latein. Zwei Beispiele – neben vielen anderen – zeugen von der Lebendigkeit dieses Unterrichts. Am 1. Januar 1531 wurde Aristophanes’ Komödie Ploutos in Zürich in der Originalsprache aufgeführt, mit Conrad Gessner und Johannes Fries unter den Schauspielern und einer eigens von Ulrich Zwingli (der wenige Monate später in Kappel sterben sollte) komponierten Musik. Deutlich später, im Jahr 1582, schrieb der vierzehnjährige Jakob Zwinger, der spätere Universitätsprofessor für Griechisch wurde, seinem Vater Theodor Briefe auf Griechisch, um ihm seine sprachlichen Fortschritte zu beweisen. Darüber hinaus werden in der Schweiz mehrere Lehrbücher und Grammatiken veröffentlicht, um das Erlernen der griechischen Sprache zu erleichtern, wie beispielsweise die Grammatik von Jacob Ceporin (Basel, 1522), die mehrfach neu aufgelegt wird, oder die Lateinischen und griechischen Konversationsformeln von Alban Thorer (Basel, 1541).
Die Reformation begünstigte die Gründung mehrerer Akademien bzw. Hochschulen: in Zürich (1523), Bern (1528), Basel (1532), Lausanne (1547) und Genf (1559). Dabei handeltes es sich um protestantische Einrichtungen, während junge Katholiken ihr Studium im Ausland fortsetzten, insbesondere in Paris, Köln, Freiburg i. Br. (wo Glarean lehrte), Wien oder später in Dillingen, der berühmten Jesuitenhochschule. Diese intellektuelle Blütezeit spiegelt sich auch in der intensiven Tätigkeit der Drucker wider, die zahlreiche lateinische und griechische Texte veröffentlichten: In Basel (bei Oporin und Episcopius), in Genf (bei Henri II. Estienne und Jean Crespin), aber auch in Zürich (bei Froschauer) wurden besonders viele griechische Texte gedruckt.
Humanisten wie der Deutsche Joachim Camerarius und der Franzose Guillaume Budé erreichten eine bemerkenswerte Meisterschaft im Griechischen. In der Schweiz sticht Conrad Gessner besonders hervor: In einem Brief an Heinrich Bullinger (1558) schreibt er: «[…] was das Verständnis der griechischen Sprache angeht […], ist es nicht leicht, jemanden zu finden, der mir überlegen ist, denn ich beherrsche diese Sprache nicht weniger gut als meine Muttersprache, sei es schriftlich oder mündlich». Derselbe Gessner verfasste übrigens einen Text zum Ruhm des Griechischen mit dem Titel Über die Nützlichkeit und Exzellenz der griechischen Sprache (1543). Überlegungen zum Nutzen des Griechischen finden sich auch in Benedikt Aretius’ Examen theologicum (1578), der ein Kapitel der Frage Quare Graeca utilis est? («Warum ist Griechisch nützlich?») widmet.
Wie bereits erwähnt, ist die Beherrschung des Griechischen unter den Humanisten deutlich weniger verbreitet als die des Lateinischen. Viele von ihnen bedauern dies und bemühen sich, griechische Texte ins Lateinische zu übersetzen, wodurch die Übersetzung zu einem grundlegenden Mittel bei der Verbreitung der griechischen Literatur wird. Dies gilt insbesondere für Conrad Gessner, der zahlreiche Übersetzungen angefertigt hat. Doch wenn schon Leser, die Griechisch verstehen, selten sind, so sind diejenigen, die über die notwendigen Kenntnisse verfügen, um in dieser Sprache zu schreiben, noch seltener.
Im Folgenden bieten wir einige Beispiele. Die folgende Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll vielmehr einen Überblick über die Vielfalt der griechischen Produktion bieten und Ausgangspunkte für zukünftige Forschungen liefern.
Prosaschriften
Was griechische Prosatexte betrifft, so sind vor allem Briefe erhalten geblieben. Neben den bereits erwähnten Briefen des jungen Jacob Zwinger sind auch die griechischen Briefe zu nennen, die im Manuskript C50a der Zentralbibliothek Zürich («Schriften von Konrad Gessner») aufbewahrt werden. Diese Sammlung von 434 Folios, hauptsächlich Schriften von Gessners, enthält insbesondere zwei eigenhändige Briefe von Gessner an Henri Estienne und zwei eigenhändige Briefe von Estienne an Gessner aus den Jahren 1548-1551 (drei davon mit griechischen Versen) sowie einen eigenhändigen Brief von Gessner an Johannes Pontisella III. vom 7. August 1562.
Derselbe Gessner verfasste auch mehrere Vorworte in griechischer Sprache. Das berühmteste davon ist das an Anton von Werthern gerichtete Vorwort zur editio princeps der Selbstbetrachtungen des Mark Aurel, die er zusammen mit einer Übersetzung des deutschen Humanisten Wilhelm Xylander herausgab. Im Jahr 1562 verfasste er für die griechische Ausgabe der Naturales et medicinales quaestiones des Iathrosophisten Cassius ein weiteres Vorwort in griechischer Sprache, das an Anton Schneeberger adressiert war. Schliesslich widmete er 1565 Johannes Crato von Krafftheim eine Vorrede zur griechischen medizinischen Abhandlung Ἐυπόριστα [Gebräuchliche Heilmittel], De curationibus morborum […] von Pedanius Dioskurides.
Vergleichbar damit sind die in den von Henri Estienne in Genf veröffentlichten Editionen enthaltenen zahlreichen griechischen Paratexte, sowohl in Prosa als auch in Versform. Damit kommen wir zu der auf Griechisch verfassten Poesie.
Poetische Texte
Beim Grossteil der auf Griechisch verfassten Werke der Schweizer Humanisten handelt es sich um Gedichte. Während viele dieser Gedichte Paratexte sind, die in Sammlungen anlässlich von Todesfällen veröffentlicht wurden, feiern andere diverse Ereignisse wie Hochzeiten oder wichtige Momente im Universitätsleben. Je mehr die Humanisten ihre Fertigkeiten in der griechischen Poesie vertieften, entstanden auch biblisch inspirierte Texte (Psalmenparaphrasen, Heiligenviten), insbesondere in Basel und Genf, sowie, ebenfalls in Genf, pindarische Oden, die stark vom Einfluss Henri II. Estiennes geprägt waren. Form und Länge dieser Gedichte variieren erheblich. Während in den ersten Jahrzehnten Hexameter und elegische Distichen dominierten, tauchten nach und nach komplexere Metren wie der sapphische Vers auf.
Den Biographien protestantischer Würdenträger sind oft Gedichte in Latein, Griechisch oder sogar Hebräisch beigegeben, die von ihren Kollegen und Freunden verfasst wurden. So folgen auf die von Josias Simler verfasste Narratio […] de Vitaüber Heinrich Bullinger etwa 35 Trauergedichte, darunter fünf in Griechisch (eines davon von Rudolf Gwalther) und eines in Hebräisch. Ebenso wurden nach dem Tod von Conrad Gessner mehrere griechische Gedichte im Anhang seiner ebenfalls von Simler verfassten Biographie (1566) veröffentlicht. Ein halbes Jahrhundert später waren der Vita Johannis Wilhelmi Stuckii von Kaspar Waser (1608) mehrere griechische Gedichten beigegeben, die dem Verstorbenen gewidmet waren.
Einige Trauergedichte erscheinen in anderen Veröffentlichungen. So verfasste Johannes Rhellicanus ein Gedicht anlässlich des Todes des Oekolampad, das in Christian Wurstisens Epitome Historiae Basiliensis veröffentlicht wurde. Ein von Johannes Hartung verfasstes Trauergedicht zu Ehren von Glarean findet man in Heinrich Pantaleons Prosopographia Heroum. Erwähnenswert ist auch das Gedicht von Jacob Ceporin (19 Verse) auf Maximilian I., das 1519 von Philipp Gundelius in einer Sammlung von Epitaphien für den verstorbenen Kaiser veröffentlicht wurde.
Abgesehen von Trauergedichten findet man griechische Gedichte auch am Anfang oder am Rand verschiedener gedruckter Werke. Zu nennen ist beispielsweise ein aus vier elegischen Distichen bestehendes Lobgedicht von Johannes Rhellicanus auf die Bibliothek der Hochschule Bern; dieser Text folgt auf ein längeres lateinisches Gedicht zum gleichen Thema, das in Kaspar Meganders Kommentar zum Galaterbrief aus dem Jahr 1533 enthalten ist. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel: Der bereits erwähnte Conrad Gessner setzt einen elegischen Zweizeiler Ad lectorem als Frontispiz in seinen Libellus de lacte (1541), verwendet jambische Verse als Einleitung zu seiner Stobaios-Edition (1543) und veröffentlicht ein 47 Verse umfassendes griechisches Gedicht mit dem Titel In Aelianum et universam philosophiam, praesertim contemplatricem in den Paratexten seiner Aelian-Ausgabe (1556). Wir haben oben bereits die zahlreichen Paratexte in griechischen Versen erwähnt, die Henri Estienne in seinen Editionen publiziert hat.
Schliesslich sei noch ein anonymes Gedicht mit dem Titel Εἰς Ἰωάννην τὸν Φαβρίκιον («An Johannes Fabricius») erwähnt, das am Anfang eines polemischen Werkes von Johannes Fabricius Montanus steht, das sich gegen zwei katholische Anhänger des Konzils von Trient richtet. Griechische Gedichte finden sich jedoch auch in anderen Veröffentlichungen. Um nur zwei kleine Beispiele anzuführen: Guillaume de Leymarie, ein Genfer Drucker, veröffentlichte ein 53 Verse umfassendes Lobgedicht auf die griechische Sprache als Vorwort zu seinem 1583 herausgegebenen Lexicon Graecolatinum; Isaac Casaubon, ein bedeutender Hellenist, verfasste mehrere griechische Epigramme, die er in seinen Ephemerides (1597-1614) veröffentlichte – auf diesem Portal präsentieren wir ausserdem seine griechische Übersetzung eines Gedichts aus dem Cento Censorius christianus des Theodor Beza.
Die griechische Poesie mit biblischen Inhalten nimmt einen bedeutenden Platz ein. So veröffentlichte Sebastian Castellio 1545 in Basel ein langes Epyllion (51 Seiten) über das Leben des Heiligen Johannes des Täufers als Anhang zu seiner lateinischen Paraphrase des Buches Jona. In Genf veröffentlichte Henri II. Estienne 1566 griechische Paraphrasen der Psalmen in verschiedenen Versmassen, die von seinen Schülern und ihm selbst verfasst worden waren, darunter mehrere in pindarischen Metren (die pindarische Ode wurde übrigens von Henri II. Estienne auch dadurch geehrt, dass er 1560 und 1566 Pindar-Ausgaben herausbrachte). Im Jahr 1568 übersetzte er die Psalmen Davids in anakreontischen und sapphischen Metren. Im Jahr 1581 veröffentlichte Aemilius Portus in Basel seine griechischen Psalmenparaphrasen in Hexametern.
Eine gründliche kritische Studie zu der griechischen Poesie, die in der Schweiz am Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden ist, steht noch aus. Als Vorgeschmack darauf sei hier ein griechisches Gedicht in Form eines Kelches erwähnt, das David Wetter für Sebastian Schobinger verfasste und mitsamt seiner Sangallas veröffentlichte.
Als wichtige Sprache für das Bibelstudium wurde Hebräisch in der Schweiz zur Zeit des Humanismus zwar unterrichtet, doch waren gute Hebräischkenntnisse noch rarer gesät als Griechischkenntnisse. Das Interesse an dieser Sprache wurde durch den Druck hebräischer Werke insbesondere in Basel (bei Johannes Froben und Heinrich Petri) und in Zürich (bei Christoph Froschauer) gefördert. Dennoch gab es in der Schweiz einige anerkannte Spezialisten: Conrad Pellican (1478-1556), Verfasser einer hebräischen Grammatik und Professor in Zürich, und Theodor Bibliander (1504-1564), ebenfalls Lehrer in Zürich, der mehrere Werke über die hebräische Sprache und Literatur veröffentlichte. Hebräische Poesie spielt in der Textproduktion der Humanisten zwar nur eine Randrolle, fehlt aber nicht vollständig. Man findet sie insbesondere in Sammlungen von Trauergedichten neben lateinischen und griechischen Texten. Um nur ein bedeutendes Beispiel zu nennen: Im Anschluss an die von Josias Simler verfasste Biographie von Heinrich Bullinger findet man ein Gedicht in hebräischer Sprache, ein seltenes, aber wertvolles Zeugnis für die Präsenz dieser Sprache in der literarischen Kultur der Schweiz des 16. Jahrhunderts.
Bibliographie
Päll, J./Steinrück, M., Kap. «Switzerland», in: F. Pontani/S. Weise (Hgg.), The Hellenizing Muse. A European Anthology of Poetry in Ancient Greek from the Renaissance to the Present, Berlin/Boston, De Gruyter, 2022, 307-357.