Die enzyklopädische Literatur

Autor(en): David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 07.05.2026

Das Bestreben, Informationen – insbesondere solche aus der klassischen Antike – zu bewahren und zu ordnen, veranlasste zahlreiche Humanisten dazu, verschiedene Nachschlagewerke zu veröffentlichen: Kataloge, Wörterbücher, Anthologien, Sammlungen von loci communes, Indices etc. Man denke beispielsweise an die Cornucopiae (ab 1489) des Niccolò Perotti, ein wahres Lexikon der klassischen Antike; an die Adagia (1500-1536) des Erasmus, eine beeindruckende kommentierte Sammlung antiker Sprichwörter; an die Polyanthea (1503) des Nani Mirabelli, eine Enzyklopädie in Form einer Anthologie von Zitaten aus den unterschiedlichsten Bereichen; oder auch an die Adversaria (1564) des Adrien Turnèbe, eine enzyklopädische Sammlung seiner bei der Lektüre antiker Autoren gesammelten Lesefrüchte.

In der Schweiz darf das aussergewöhnliche Werk Theatrum vitae humanae («Das Theater des menschlichen Lebens»; Erstausgabe 1565) des Baslers Theodor Zwinger nicht unerwähnt bleiben, eine Art Enzyklopädie, deren Ziel es ist, Informationen zu allen Fragen des menschlichen Lebens zu liefern. Es handelt sich dabei um «eine der umfang- und erfolgreichsten Wissenssammlungen der frühen Neuzeit». Zwinger selbst bezeichnete es als «menschliche Naturgeschichte». Das Werk ist systematisch gegliedert – wie die zahlreichen Baumdiagramme und Tabellen belegen, in denen der Stoff fein hierarchisiert ist – und bietet eine Vielzahl von Auszügen aus antiken, mittelalterlichen und zeitgenössischen Autoren. Dank dieser ausgefeilten Struktur ist es für den Leser und insbesondere für den Schriftsteller relativ einfach, aus diesem riesigen Fundus an Anekdoten oder exempla zu schöpfen, um seinen Diskurs zu bereichern und seine Argumentation zu untermauern. Solche enzyklopädischen Werke tendieren übrigens dazu, immer umfangreicher zu werden. Während die erste Ausgabe des Theatrum (1565) etwa 1'400 Seiten umfasste, zählte die Ausgabe von 1585 bereits 4'500 Seiten; schliesslich legte Laurentius Beyerlinck 1631 eine überarbeitete und erheblich erweiterte Fassung unter dem Titel Magnum theatrum vitae humanae vor, die 7'468 Seiten umfasste, ergänzt durch einen 600 Seiten starken Index.

Ein weiteres Schweizer Beispiel für die Bewahrung antiken Wissens, wenn auch mit Blick auf ein enger gefasstes Thema, ist das enzyklopädische Werk von Johann Wilhelm Stucki (1542-1607) mit dem Titel Antiquitatum convivialium libri III («Drei Bücher über die Geschichte der Bankette in der Antike»). Es handelt sich um eine monumentale Untersuchung – über 800 Seiten in der endgültigen Ausgabe von 1597 – «über Ernährung und Mahlzeiten in all ihren sozialen und religiösen Dimensionen», vor allem in der hebräischen, griechischen und römischen Antike, aber auch zur Zeit des Autors. Der Stoff ist systematisch gegliedert, wie ein umfangreiches Inhaltsverzeichnis und ein etwa zwanzigseitiger Index rerum et verborum zeigen.

Diese beiden Werke zeugen von dem Bestreben nach einer möglichst umfassenden Wissenspräsentation. Dieser «enzyklopädische» Anspruch findet sich in verschiedenen Werken von Schweizer Humanisten wieder, die nicht unbedingt auf die blosse Thesaurierung antiken Materials abzielen, sondern vielmehr auf eine möglichst vollständige Darstellung von Informationen, die für den Gelehrten, den Schriftsteller oder den gebildeten Leser als nützlich erachtet werden (wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Beherrschung des Lateinischen auf eine Minderheit der Bevölkerung beschränkt blieb).

So listet Conrad Gessner in seiner Bibliotheca universalis (1545) – einem Werk von 1'264 Folios, das 5'031 alphabetisch geordnete Autoren verzeichnet – alle seit der Antike bis zu seiner Zeit auf Hebräisch, Griechisch und Latein verfassten Werke auf. Und der Zürcher Humanist gab sich damit nicht zufrieden: Es folgten zwei weitere Bände. Im Jahr 1548 ordnen die Pandectarum libri alle Werke des ersten Bandes nach Themen (loci), zu denen noch etwa 2'000 weitere Autoren hinzukommen. Im Jahr 1549 versammeln die Partitiones theologicae theologische Werke, die im Band von 1548 nicht berücksichtigt worden waren. Das Beispiel Gessners veranschaulicht ebenso wie das von Zwinger die Tendenz enzyklopädischen Wissens, fast unbegrenzt zu wachsen. Erwähnenswert sind auch die vier Bände von Gessners Historia animalium (1551-1558), in denen er systematisch (was unter anderem seine Originalität ausmacht) die gesamte literarische Tradition über Tiere auswertet, insbesondere die antike: zoologisches Wissen, Fabeln und Sprichwörter über Tiere, philologische Fragen (Etymologien von Tiernamen, deren Übersetzung in verschiedene Sprachen) etc. Derselbe Anspruch auf Vollständigkeit findet sich in seinen unvollendeten Forschungen über Pflanzen sowie in seinem Werk Mithridates (1555), in dem er die damals bekannten Sprachen beschreibt (er identifiziert 72). Schliesslich sei noch auf einen wesentlichen Aspekt der Methode des Universalgelehrten Gessner hingewiesen: Er ergänzt das antike Wissen regelmässig durch eigene Beobachtungen (Autopsie) und durch Informationen (Zeichnungen, Exemplare, Fossilien etc.), die ihm die zahlreichen Humanisten liefern, mit denen er in Briefkontakt steht.

Ein weiteres Beispiel für diese Art von «allumfassenden» Werken ist das monumentale biographische Sammlung des Baslers Heinrich Pantaleon mit dem Titel Prosopographia heroum atque illustrium virorum totius Germaniae(«Prosopographie der Helden und berühmten Männer des ganzen germanischen Raumes»), das rund 1'700 Einträge zu bedeutenden Persönlichkeiten des deutschen Sprachraums (darunter auch aus der Deutschschweiz) von der Antike bis zur Zeit des Autors umfasst. Das Werk erschien zwischen 1565 und 1566 in Basel in drei lateinischen Bänden und wurde anschliessend von Pantaleon selbst unter dem Titel Der Teutschen Nation wahrhaffte Helden ins Deutsche übersetzt (1567-1569). Das Ziel des Autors ist es, seinen Lesern positive Vorbilder zu liefern, die sie zur Tugendhaftigkeit anregen sollen. Einer der Reize dieses Werks liegt darin, dass für Pantaleon das Idealbild des deutschen «Helden» nicht der Adlige oder Mächtige ist, sondern der Mann, der seine Grösse dem Studium verdankt und sich in den Dienst der bürgerlichen oder religiösen Gemeinschaft stellt. Dieses Thema der vera nobilitas, die aus tugendhaftem Verhalten resultiert, kommt besonders im dritten Band zum Ausdruck, der dem 16. Jahrhundert, also der humanistischen Epoche, gewidmet ist. Abschliessend sei noch erwähnt, dass Pantaleon sich selbst in aller Bescheidenheit am Ende des Buches eine lange lobende Notiz widmet! Obwohl das Werk nicht den Anspruch erhebt, alle grossen deutschen Persönlichkeiten vorzustellen – ein unmögliches Unterfangen –, reiht es sich aufgrund seines monumentalen Charakters eindeutig in die Reihe der enzyklopädischen Werke ein.

Dieses Streben nach Universalität zeigt sich auch in historisch-geographischen Werken wie denen von Josias Simler (zum Beispiel seiner Vallesiae descriptio) oder von Durich Chiampell (Historia Rhaetica), die beide bestimmte Regionen in ihren geographischen, historischen und anthropologischen Dimensionen ausführlich beschreiben.

Schliesslich ist anzumerken, dass die meisten dieser enzyklopädischen Werke mit Tabellen, Indizes oder Gliederungen nach loci communes versehen sind, die es dem Leser ermöglichen, die gesuchten Informationen schnell zu finden; er entgeht so der Gefahr, den Überblick über einen mittlerweile immens angewachsenen Wissensstand zu verlieren.

Diese Werke sind jedoch von Lehrbüchern (wie beispielsweise denen Glareans) zu unterscheiden, die zwar ebenfalls darauf abzielen, einen Überblick über ein Phänomen zu vermitteln, deren schulischer Charakter jedoch sowohl quantitative (sie sind in der Regel recht kurz) als auch qualitative Grenzen setzt (es geht nicht darum, alles zu sagen, sondern eine geeignete Auswahl von Sachverhalten gut zu vermitteln, und zwar auf eine pädagogisch kluge Weise: non multa, sed multum).

 

Bibliographie

Blair, A., «Reading Strategies for Coping with Information Overload ca. 1500-1700, Journal of the History of Ideas 64 (2003), 11-28.

Blair, A., Too much to know: Managing Scholarly Information before the Modern Age, New Haven, Yale University Press, 2010.

Meier, C. (Hg.), Die Enzyklopädie im Wandel vom Hochmittelalter bis zur frühen Neuzeit, München, Fink, 2002.

Schierbaum, M. (Hg.), Enzyklopädistik 1500-1650. Typen und Transformationen von Wissensspeichern und Medialisierung des Wissens, Münster, Lit, 2009.