Johann Jacob Grasser Idyll zum Lob der Schweiz
Entstehungszeitraum: vor November 1598 (Zeitpunkt der Veröffentlichung).
Ausgabe: J. J. Grasser, Eidyllion Helvetiae laudem complectens, in sacris palladiis Iohanni Svartzenbachio Ludereticensi t. dictum a I. Iacobo Grassero Basileense, Basel, Schröter, 1598.
Metrum: das erste Gedicht besteht aus Hexametern, das zweite aus elegischen Distichen.
Leben und Werk des Johann Jacob Grasser (1579-1627)
Johann Jacob Grasser wurde 1579 in Basel als Sohn des Pastors Jonas Grasser (1543-1588) und der Ursula von Reischach geboren. Seine Paten waren Johann Hannibal von Bärenfels (1535–1601), Herr von Hegenheim und zu Grenzach, und der Drucker Ambrosius Froben (1537–1602). Johann Jacob studierte Theologie in Basel. 1596 veröffentlichte er ein erstes (verlorenes) Werk über das Leben von Johannes Brandmüller, Professor und Pfarrer an der Theodorkirche. 1597 erwarb er sein Bakkalaureat und 1601 seinen Magister. In der Zwischenzeit veröffentlichte Grasser sein Eidyllion Helvetiae (1598), auf das wir unten noch genauer eingehen werden. Es folgten weitere poetische Schriften, und Grasser erhielt den Titel eines Poeta laureatus, ihm verliehen vom berühmten neulateinischen Dichter Paul Melissus Schedius (1539-1602), der auch Direktor der Bibliotheca Palatina in Heidelberg war. Nach dessen Tod würdigte Grasser ihn mit einer Gedenkschrift.
Zwischen 1603 und 1608 reiste Grasser durch die Schweiz und Europa. Nachdem er aufgrund eines Wagenunfalls gezwungen war, einen Winter in Genf zu verbringen, berichtet er in seinen Briefen von dort über die politische und militärische Lage dieser Stadt, ein Jahr nach der Escalade, sowie über ihre Persönlichkeiten, wie den alten Theodor Beza, der dabei war, sein Gedächtnis zu verlieren, oder Jacques Lect, der Grasser während seiner Genesung mit Lesestoff versorgte. Grasser selbst blieb nicht untätig und bereitete eine Solinus-Edition vor, die 1605 in Genf erschien.
Im Mai 1604 reiste Grasser nach Frankreich und machte dort Halt in Uzès, wo er einen Teil der Les trois Conformités des Pastors François de Croy ins Deutsche übersetzte. In Nîmes interessierte er sich so sehr für die lokalen Altertümer, dass er sogar ein Werk zu diesem Thema veröffentlichte. Der Anwalt Jean Chalas aus Nîmes verschaffte ihm ausserdem Zugang zu einer Statius-Handschrift; Grasser edierte einige Jahre später desse Werke. Die Einwohner von Nîmes verliehen ihm auch eine in ihren Details nicht greifbare dreijährige Regia Professio, aber Grasser machte sich bereits 1605 wieder auf den Weg und reiste mit den Studenten, für die er verantwortlich war, nach Italien. Im Jahr 1606 ist seine Anwesenheit nacheinander in London, Paris, Lyon und Basel belegt. 1607 reiste er nach Strassburg, Heidelberg, und dann erneut nach London. Anschliessend findet man ihn an der Universität Padua, wo er sich um das Amt des consiliarius der savoyischen Studenten bewarb. Während er seine Bewerbungsrede vor dem Gouverneur, dem Rat der Universität und den Studenten hielt, wurde er beinahe von einem zornigen Savoyarden erschossen, der seine Kandidatur für inakzeptabel hielt. Alors qu’il prononçait son discours de candidature devant le gouverneur, le Conseil de l’université et les étudiants, un Savoyard en colère, jugeant sa candidature inacceptable, faillit l’abattre d’un coup de feu. Am 14. Dezember 1607 erhielt er den Titel eines comes sacri palatii et consistorii imperialis, eques auratus et civis Romanus (kaiserlicher iHofpfalzgraf, Ritter vom Goldenen Sporn und römischer Bürger).
Die Verleihung dieses Titels brachte ihm später Schwierigkeiten ein: Als Grasser 1608 bei den Basler Kirchenbehörden um eine Stelle als Pfarrer nachsuchte, befanden diese, dass der mit dem Pfalzgrafenamt verbundene Habitus mit den Pflichten eines Pfarrers unvereinbar sei. Sie warfen ihm auch vor, drei Theologen verleumdet zu haben, was er jedoch bestritt. Grasser beschwerte sich beim Kleinen Rat, dem einige ihm nahestehende Mitglieder angehörten. Der Konflikt nahm viele Monate in Anspruch. In der Zwischenzeit blieb Grasser nicht untätig und arbeitete an einer geographischen Beschreibung Italiens, Frankreichs und Englands (Newe und volkommne Italianische, Frantzösische und Englische Schatzkamer), die 1609 erschien und dem Rat von Basel gewidmet war. Um sich in den Dienst der Kirche von Basel stellen zu können, verzichtete er die mit seinem Titel als Pfalzgraf verbundenen Funktionen. Im Januar 1610 ernannte der Kleine Rat Grasser zum Pfarrer von Bennwil und Hölstein, eine Entscheidung, die den Zorn der kirchlichen Behörden hervorrief. Grasser hatte bereits 1607 das Amt eines Helfers inne, hatte in dieser Zeit jedoch aufgrund seiner zahlreichen Reisen seine Pflichten nicht gerade mustergültig erfüllt. Zur gleichen Zeit heiratete Grasser Margreth Weitnauer, die Tochter von Johann Friedrich Weitnauer, dem Schultheiss von Kleinbasel.
Grasser und seine Familie liessen sich in Bennwil nieder, als die Pest Basel erreichte. Die Epidemie hielt bis ins erste Quartal des Jahres 1611 an. Der neue Pfarrer wirkte bis zum Herbst 1612 in Bennwil, Hölstein und Lampenberg. Seine Söhne Johann Jacob und Johann Friedrich wurden in dieser Zeit geboren. Er war weiterhin als Herausgeber tätig und veröffentlichte die Stratagemata Satanae des Iacopo Aconcio und die Epitheta des Jean Tixier, alias Johannes Ravisius Textor. 1611 erhielt er Besuch von Johann Valentin Andreae, einem deutschen lutherischen Theologen und Verfasser rosenkreuzerischer Schriften.
Im September 1612 kam Grasser nach Basel zurück und wurde Diakon der Theodorkirche, ein Posten, den er bis zu seinem Tod innehatte. In diesem Zeitraum nahm seine Herausgebertätigkeit einen kräftigen Aufschwung: Er veröffentlichte eine Sammlung lateinischer Gedichte, eine Horaz-Edition (basierend auf einem Manuskript, das der polnische Historiker und Bibliograph Jan Lasicki nach Basel gebracht hatte), das Kinder Spittal (eine Abhandlung, die Familien Hilfe bei Erkrankungen und vorzeitigem Tod ihrer Kinder bieten sollte), das Speculum theologiae mysticae und ein auf Deutsch verfasstes Werk über die Kometen.
Grasser wurde 1621 für kurze Zeit nach Biel «ausgeliehen», bevor er nach Basel zurückkehrte. Danach publizierte er fast ausschliesslich auf Deutsch, beispielsweise sein Schweitzerisch Heldenbuch (1624), in dem er die Geschichte der Schweiz von der Antike bis zum 16. Jahrhundert nachzeichnet und sich dabei auf die Schriften von Johannes Stumpf, Josias Simler und anderen Autoren stützt; dabei entdeckt er insbesondere die Ähnlichkeit zwischen den Legenden von Wilhelm Tell und dem Dänen Toko. Sein Itinerarium historico-politicum, das im selben Jahr erschien, ist hingegen in Latein verfasst: Es handelt sich um den Bericht über eine fiktive Reise von Frankfurt nach Italien (über die Schweiz), der sich im Wesentlichen auf die Berichte anderer Autoren stützt. Laut Weber veröffentlichte Grasser zu seinen Lebzeiten insgesamt 45 Werke. In seinen letzten Lebensjahren litt er an Gicht. Er starb am 20. März 1627.
Grassers Dichtung und das Eidyllion von 1598
Wie aus der vorstehenden biografischen Übersicht hervorgeht, war Grasser ein produktiver und vielseitiger Autor. Sein poetisches Werk in Latein und Deutsch ist im Wesentlichen der Gelegenheitslyrik zuzuordnen, einem literarischen Genre, das im späten 16. und 17. Jahrhundert sehr präsent war. Der Basler Dichter grüsst, ehrt oder dankt immer einem Adressaten, indem er Ereignisse oder Konzepte aus der Geschichte oder der antiken Mythologie, der Theologie oder der christlichen Ethik heranzieht. Seine Dichtung gleicht oft einer Improvisation: Er nimmt sich Freiheiten in der Prosodie, und seine Bezüge zur Antike sind nicht immer ganz leicht verständlich, aber das verleiht seinen Gedichten einen spontanen Charakter und zeigt, mit welcher Leichtigkeit er sie verfasste. Sein sehr bildhaftes Latein ist repräsentativ für den gewundenen und überschwänglichen Charakter des Manierismus jener Zeit. Grasser schrieb seine Gedichte vor allem während seines Studiums, wenngleich er damit auch während seines Pastorats nicht ganz aufhörte.
Während seines Studiums in Basel verfasste er auch das Eidyllion Helvetiae laudem complectens («Idyll zum Lob der Schweiz»). Der junge Grasser zeigte damals grosses Interesse an der Dichtkunst und nahm im März 1597 an einer Debatte über die Poesie unter der Leitung von Professor Jakob Zwinger teil. Er hinterliess auch einige handschriftliche lateinische Epigramme in einem Druckwerk und richtete Glückwünsche in lateinischen Versen an einen seiner Studienkameraden.
Das Eidyllion von 1598 enthält ein Gedicht mit 128 Versen und ein weiteres mit 8 Versen («Oktostichon»). Es ist zwei Personen gewidmet: Grassers Kameraden Johannes Schwarzenbach aus Thalwil, und dem Vikar der Basler Peterskirche, Georg Wildisen (1556-1602), der nach dem Tod des Jonas Grasser im Jahr 1588 für Johann Jacob wie ein zweiter Vater war.
Das erste Gedicht wird in der Widmung an Wildisen als «enkomiastische Ekloge» (eccloga ἐγκωμιαστική) bezeichnet, d. h. als ein lyrisches Lobgedicht, worin man ein Echo des Titels vernimmt. Im ersten Teil (V. 1-37) werden die kriegerischen Qualitäten der Schweizer hervorgehoben, im zweiten (V. 38-128) wird vom Frieden gesprochen, von humanistischer Bildungsbetätigung und dem Studium der Heiligen Schrift; kurz gesagt, eine translatio imperii geht einer translatio studii voraus. Grassers antike Quellen sind vielfältig (s. den apparatus fontium), doch eine Vorliebe für Vergil ist deutlich erkennbar. Das einzige nicht-antike Modell, das wir finden konnten, findet sich in Vers 20 (gens aquilas, ursos, saevos imitata leones), wo Grasser eine Passage aus der Helvetiae Descriptio Glareans imitiert (V. 5: gens aquilam, gens terribileis imitata leones). Das ist nicht überraschend, denn Glareans Gedicht, unter schweizerischen Humanisten wohlbekannt, ist eine Eloge auf die Schweiz, wie auch Grassers Gedicht eine ist. Die Hoffnung auf den Übergang der Schweiz von einer kriegerischen Kultur zu einem Hafen für die humanistischen Wissenschaften findet auch Ausdruck in dem Gedicht des Luzerners Johannes Xylotectus, das die Helvetiae Descriptio Glareans und den ihr beigegebenen Kommentar des Oswald Myconius preist; bei Xylotextus hat Grasser allerdings keine Anleihen genommen.
Zu Beginn des längeren Gedichts (V. 1-2) fragt der Dichter, ob die Schweiz ein Land sei, das dem Mars, also dem Krieg, verschrieben sei. Er weigert sich, den Lügen der Dichter zu glauben, wie denen von Vergil über Dido und Aeneas (V. 3-9), und wendet sich an Juno, die Mutter des Mars, die bestätigt, dass die Götter die Schweiz in diesem Bereich begünstigen (V. 10-31). Es folgt eine Aufzählung der Kriege, die die Schweizer im Laufe ihrer Geschichte geführt haben, von der Zeit der Helvetier über die Schlacht bei Sempach bis hin zu den jüngsten Kriegen in Italien (V. 32-37).
Was hingegen die Kultur angeht, so lässt Dichter durchblicken, dass der Ruf der Schweizer noch nicht gefestigt ist, dies aber in naher Zukunft der Fall sein wird (V. 38-44). Die Schweiz wird dann mit dem antiken Athen konkurrieren, indem sie grosse Gelehrte hervorbringt (V. 41-44) und die göttlichen Vertreter der Künste und Literatur beherbergt (45-47). Götter, Fabelwesen und Gelehrte werden alle von Griechenland in die fruchtbare und inspirierende Schweiz ziehen (V. 48-68). Der Kriegsgott Mars macht dann Platz für den personifizierten Frieden (V. 69-70 und 95-97). Die Waffen von einst werden zu Ackergeräten (V. 80-88). Nach einer Schmährede gegen die Mönche (89-94) ruft der Dichter dazu auf, die schönen Künste unter der Schirmherrschaft der Musen und Apollons zu pflegen (V. 95-109). Anschliessend wendet er sich an den Widmungsträger, den jungen Johannes Schwarzenbach, den Liebling Apollos (V. 110-117), und ermutigt ihn, sich der Dichtkunst zu widmen, die Natur zu beobachten und Tugend zu pflegen (V. 118-122). Schliesslich wird ihm das Studium der Heiligen Schrift ermöglichen, die papistischen Dogmen zu bekämpfen und die Ketzer zur Vernunft zu bringen (V. 122-128).
Die Aussage des Dichters ist nicht immer leicht zu verstehen, insbesondere weil der Aufbau des Gedichts recht ungeschickt ist und einige historische und mythologische Anspielungen unklar bleiben. Diese Mängel lassen sich zweifellos durch den improvisierten Charakter dieser Komposition und das junge Alter ihres Autors erklären (Grasser war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Werks neunzehn Jahre alt).
Das zweite, wesentlich kürzere Gedicht richtet sich an Gott und bittet ihn, die Schweiz und ihre religiösen und sozialen Werte zu schützen. Es ist auch eine Hommage an Ulrich Zwingli und sein reformatorisches Wirken.
Bibliographie
Marti-Weissenbach, K., «Grasser, Johann Jakob», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 05.12.2005, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025956/2005-12-05/.
Thomke, H., «Die Stellung Johann Jacob Grassers im Umkreis der oberrheinischen und schweizerischen Literatur», in: M. Bircher/W. Sparn/E. Weyrauch (Hgg.), Schweizerisch-deutsche Beziehungen im konfessionellen Zeitalter. Beiträge zur Kulturgeschichte 1580-1650, Wiesbaden, Harrassowitz, 1984, 119-134.
Weber, A. R., «Johann Jacob Grasser (1579-1627)», Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 89 (1989), 41-133 (mit Bibliographie).