Die Trauerekloge Orion

Johannes Fabricius Montanus

Einführung: David Amherdt (Deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.


Entstehungszeitraum: terminus a quo ist 1548, das Todesjahr der Katharina Stutz.

Ausgaben: Poemata, Zürich, Gessner, 1556, 17-21; A. Periander, Horti tres Amoris amoenissimi praestantissimorum poetarum nostri seculi, flosculis et plantulis odoriferis. Hortus Amorum secundus floribus illustrium Germanorum poetarum consitus, Frankfurt a. M., Lechler, 1567, fol. 232vo-234vo; Delitiae poetarum Germanorum huius superiorisque aevi illustrium, Bd. 3, hg. von J. Gruterus, Frankfurt a. M., Fischer, 1612, 101-104; Amherdt (2007), 31-33; Amherdt (2018), 98-109 (mit einer Studie und frz. Übs.).

Metrum: daktylischer Hexameter.

 

Montanus spricht im Gedicht Orion von seiner eigenen Gattin. Threne (V. 1) ist seine Gattin Katharina, geborene Stutz (ihre Heirat fand im Herbst 1547 statt). Der Vorname Threne, der hier für «Thrina» steht, ist ein Diminutiv für Katharina und erinnert zugleich passenderweise an das griechische Wort θρῆνος («Trauergesang»). Der Begriff Orion (abgeleitet von dem Adjektiv ὄρειος, «aus dem Gebirge») ist nichts anderes als die griechische Übersetzung von Montanus.

Das Gedicht gehört zur Gattung der ehelichen Trauerelegie, die in der Renaissance erscheint und die Gatten in einem bukolischen Rahmen darstellt. Die grossen Themen der ehelichen Liebe, die Montanus teuer sind (ein einfaches Leben und das traute Glück mit der Gattin, die an die Stelle der Mätresse oder Geliebten der antiken Dichtungen tritt), werden derart mit den grossen Themen der Bukolik vermischt: dem klagenden Hirte; der brennenden und nicht zu unterdrückenden Liebe; der Abwesenheit der (oder des) Geliebten, die alles mit Bitterkeit erfüllt; der Beschreibung typischer Hirtentätigkeiten etc.

Als Hauptmodell dient Vergil: Orion ist voll von textlichen und thematischen Anleihen beim Autor der Bukolika. Man kann vergleichsweise den Beginn des Gedichts, besonders den zweiten Vers, neben die zweite Ekloge Vergils stellen, von der Montanus übrigens die Grundstruktur seines Orion entleiht. Vergil erklärt zu Beginn seines Gedichts, dass der Hirte Corydon, der in hoffnungsloser Liebe für den schönen Alexis entbrannt ist, sinnlose und glühende Klagen an die Berge und Wälder (montibus et silvis) richtet; der Rest des Textes widmet sich den Klagen des Corydon. Montanus beginnt unser Gedicht ebenfalls, indem er beschreibt (V. 1-5, unser erster Auszug), wie der durch seinen Tod seiner Frau in Trauer gestürzte Orion das Wort an die Berge und Wälder richtet (V. 2: sylvae und montes), bevor er sich an die Wasser der Sihl wendet; der Rest des Gedichts widmet sich den Klagen des Orion (V. 5-99). Montanus macht auch Anleihen bei den Georgica und der Aeneis Vergils, sowie auch bei den Metamorphosen und den Heroides Ovids; vor allem auf diesen Dichter stützt er sich bei der Entfaltung der Liebesthematik, die in dem ganzen Gedicht gegenwärtig ist. Es zeigt auch den Einfluss der bukolischen Autoren der Renaissance, wobei besonders Baldassare Castiglione und Andrea Navagero zu nennen sind. Man kann zuletzt noch eine enge thematische Verwandtschaft zwischen unserem Gedicht und der Ekloge des Giovanni Pontano über den Tod seiner Gattin konstatieren; allerdings wird man dennoch nicht mit Gewissheit behaupten können, dass Montanus diesen Text gekannt hätte.

Montanus transformiert derart die traditionelle bukolische Dichtung zu einer ehelichen Bukolik, aber er versieht das Gedicht mit einer heidnischen Atmosphäre und belässt es so innerhalb der Gattungsgrenzen. So richtet Orion seine Klagen nicht an den christlichen Gott, sondern an die Gottheiten der Gewässer. In den Klagen des Hirten fehlt jeder Hinweis auf ein Leben nach dem Tod und wenn Orion in V. 38, Orion die verstorbene Threne anspricht, ruft er traurig: «Hat ein ewiger Schlaf deinen Blick begraben?» (Et tua perpetuus sepelivit lumina somnus?). Am Ende wollen wir festhalten, dass der Tonfall des Gedichts sehr pessimistisch ist: Montanus leidet an der Abwesenheit seiner Geliebten und wünscht sich den Tod, um von seinem Schmerz befreit zu werden.

Die Gliederung des Gedichts, das wir hier auszugsweise präsentieren, ist folgende. Der Hirte Orion wendet sich mit seinen trauervollen Klagen an die Wasser der Sihl (V. 4 und V. 101): Seine vielgeliebte Threne ist verstorben (V. 1-15). Während die Natur um ihn herum von Vegetation bedeckt ist und frische und schattige Plätze anbietet, brennt Orion vor Liebe zu Threne (V. 16-23). Wenn doch nur ein Arzneitrank ihn seine Liebe vergessen lassen könnte (V. 24-32)! Doch Liebe heilt man nicht mit Kräuterheilmitteln; er wird seine Geliebte nie wieder sehen (V. 33-42). Er erinnert sich: Er hatte diese Hirtin gesehen und sich gleich in sie verliebt; sie hatte nicht gezögert, sein ärmliches Leben mit ihm zu teilen; nun aber bleiben ihm nichts als Tränen (V. 43-63). Seit Threne tot ist, ist alles mit Bitterkeit erfüllt; selbst die Natur hat ihre Schönheit verloren und klagt (V. 64-77). Auch die Herde ist verlassen (V. 78-84). Orion wendet sich an die Schafe und bittet sie, das Gras zu verschonen, das auf dem Grab der Threne spriesst; er selbst hat jeden Geschmack am Leben verloren und wünscht sich, neben seiner Geliebten bestattet zu werden (V. 85-99). Die Klage Orions ist beendet; die Sihl stattet der Limmat davon Bericht ab, und die teilt es dem Rhein mit, der es seinerseits dem Ozean berichtet.

 

Bibliographie

Amherdt, D., «L’églogue funèbre “Orion” de l’humaniste zurichois Johannes Fabricius Montanus. Le poème bucolique d’un pasteur protestant sur la mort de son épouse», Neulateinisches Jahrbuch 9 (2007), 5-36.

Fabricius Montanus, Poèmes latins. Introduction, édition, traduction et commentaire, hg. von D. Amherdt, Basel, Schwabe, 2018.