Johannes Pedioneus Über berühmte Redner
Entstehungszeitraum: vermutlich im ersten Quartal 1546; terminus ante quem ist der 18. März 1546 (Datum des Widmungsbriefs); laut Widmungsbrief begann Pedioneus die Arbeit an dem Werk nach seiner nicht näher datierten Heimkehr vom Regensburger Reichstag (da dieser vom 27. Januar bis zum 10. März dauerte, dürfte er kaum erst am Ende abgereist sein).
Edition: Ioannis Pedionei Constantini ad Volphgangum Hungerum de claris oratoribus libri duo. Eiusdem elegiae II, Ingolstadt, Alexander Weissenhorn, 1546.
Metrum: elegische Distichen.
Warum ein «Liechtensteiner» auf Humanistica Helvetica?
Diese Frage ist berechtigt, denn die hier in Frage stehende Gebietseinheit (Grafschaft Vaduz und Herrschaft Schellenberg), die seit den 1430ern existiert und im 18. Jahrhundert an das Haus Liechtenstein gelangte und schliesslich seit 1719 als Fürstentum dessen Namen trägt, war in der Frühen Neuzeit kein Teil der Eidgenossenschaft und auch kein Zugewandter Ort. Und bei der heute so augenfälligen symbiotischen Beziehung des Fürstentums zur Schweiz handelt es sich unbestreitbar erst um eine Folge des Untergangs der k. u. k.-Monarchie im Ersten Weltkrieg, der Liechtenstein zu einer aussenpolitischen Neuorientierung zwang. Und doch gab es auch im 16. und 17. Jahrhundert schon unbestreitbar zahlreiche Berührungspunkte zwischen dem heutigen Liechtenstein und der aktuellen Schweiz: So unterstand das heutige Liechtensteiner Territorium in kirchlicher Hinsicht von frühester Zeit an bis zur Gründung des Erzbistums Vaduz im Jahr 1997 stets dem Bistum Chur, und die heute Liechtenstein genannte Gebietseinheit und ihre einzelne Teile waren seit dem Mittelalter kulturell und wirtschaftlich gerade auch mit ihren Nachbarn auf dem Gebiet der heutigen Schweiz eng verflochten (besonders mit den heutigen Kantonen St. Gallen und Graubünden). Dies scheint uns ebenso wie die heutige schweizerisch-liechtensteinische Freundschaft ein hinreichender Grund zu sein, dem wohl einzigen neulateinischen Autor, den dieses Territorium in der Frühen Neuzeit hervorgebracht hat, einen Platz auf unserem Portal einzuräumen.
Leben und Werk des Johannes Pedioneus
Johannes Pedioneus, der als Humanist bis 1546 den auf seine geographische Herkunft hindeutenden Beinamen Rhetus («Räter») führte, stammt gemäss der Forschungsergebnisse Karl Heinz Burmeisters, dem wir uns hier anschliessen, aus Triesen im heutigen Fürstentum Liechtenstein und wurde um 1515 bzw. um 1520 geboren. Er war Sohn eines katholischen Geistlichen und damit von illegitimer Abstammung. Sein Vater war vermutlich entweder der Kaplan Johannes Kindle (1480-nach 1522) oder der Kaplan Werner Kindle (1490-nach 1542). Pedioneus latinisierte den in Liechtenstein heute noch weit verbreiteten Vaternamen «Kindle» als Humanist zu Pedioneus (von griechisch παιδίον, d. h. «Kindlein»). Er besuchte vermutlich die Lateinschule von Feldkirch und verbrachte eine gewisse Zeit (bis Herbst 1540) in Italien. Ab Sommer 1541 hält er sich in Basel auf, wo er sich nicht an der Universität immatrikuliert, sondern kostenlosen Unterricht an der Lateinschule im früheren Dominikanerkloster besucht, die für junge Studenten offen stand, sowie in einer weiteren Lateinschule. Er besucht allerdings wohl auch Universitätsveranstaltungen und knüpft in seiner Basler Zeit Kontakte zu Intellektuellen wie Hieronymus Gunz (ehemaliger Assistent Zwinglis und Direktor der Schule im ehemaligen Dominikanerkloster), dem Gelehrten Johannes Basilius Herold (1514-1567) und dem berühmten Gräzisten Simon Grynaeus (1493-1541), sowie zu Bonifaz Amerbach (1495-1562), Oswald Myconius (1488-1552), Johannes Oporinus (1507-1568), Thomas Grynaeus (1512-1564) und anderen. Er erhält in dieser Zeit Stipendien aus der Erasmusstiftung, was für weitgehende Mittellosigkeit spricht. In dieser Zeit veröffentlicht er auch erste Gedichte. Eine geplante Reise nach Löwen wird durch Krankheit verunmöglicht; stattdessen hält er sich 1542 in Mainz, Worms und Speyer auf. Irgendwann in diesem Jahr erhält er die Krönung zum poeta laureatus; in welchem Rahmen, das ist nicht mehr feststellbar. 1543 ist er kurzzeitig Lehrer an der Lateinschule von Schlüchtern, dann studiert er von Frühjahr 1543 bis Herbst 1543 in Marburg und 1544 in Heidelberg, wo er vermutlich auch unterrichten darf (ein poeta laureatus war einem magister artium gleichgestellt). 1545 erhält er einen Lehrstuhl für Rhetorik und Poetik an der Universität Ingolstadt, wo er sich persönlich besonders an Juristen wie Wolfgang Hunger (1511-1555) anschliesst. 1547 erregt er mit seinem knapp 1000 Hexameter umfassenden Gedicht De bello Germanico, in dem er den Sieg Karls V. über die protestantischen Fürsten und Städte Deutschlands im Schmalkaldischen Krieg rühmt, reichsweite Aufmerksamkeit (auch in der vom Krieg nicht betroffenen Schweiz) und erntet feindselige Reaktionen aus dem evangelischen Lager. Der bekannte protestantische Dichter Thomas Naogeorg (1508-1563) widmete De bello Germanico sogar ein umfangreiches Gegengedicht in Hinkjamben (ein traditionell gerade für Satiren gerne gebrauchtes Versmass), in dem er Pedioneus’ Gedicht inhaltlich und als poetische Leistung lustvoll verreisst und verspottet.
Pedioneus stirbt am 30. November 1550 in Ingolstadt, offensichtlich plötzlich und unerwartet, und unter Hinterlassung beträchtlicher Schulden. Freundeshand stiftet ihm einen (mittlerweile verwitterten) Epitaph an der äusseren Chorwand der Frauenkirche. Verwittert ist im Laufe der Zeit auch sein Ruhm, obwohl die von katholischem Glaubenseifer und der Abwehr von Protestantismus und Unsittlichkeit geprägte Schul Ordnung der Fürstenthumb Obern und Nidern Bayerlands noch im Jahr 1569 – also 19 Jahre nach Pedioneus’ Tod – nicht nur seine Orationes explizit für den Rhetorikunterricht zulässt, sondern ihn auch unter jenen christlichen Poeten aufführt, die im Unterricht der Klöster und Stifte die für diese Institutionen gänzlich unerwünschten heidnischen Autoren ersetzen soll. Konkret wird dabei festgelegt, dass er zusammen mit den drei spätantiken christlichen Dichtern Prudentius, Iuvencus und Sedulius, sowie gemeinsam mit «Flaminius» (wohl Marcantonio Flaminio) an die Stelle des Horaz treten möge; der Lehrplan hat dabei also wohl Pedioneus’ Hymnen- und Odendichtung im Blick.
Ein umfangreiches Werkverzeichnis des Pedioneus bieten jeweils Karl Hans Burmeister und Stefan Tilg. Wir verweisen darauf und möchten unsererseits hier nur noch seinen Hymnorum liber und seinen separat publizierten In Divum Stephanum Hymnum als bemerkenswerte Leistungen hervorheben.
Das hier präsentierte Werk: De claris oratoribus
De claris oratoribus präsentiert sich als eine zwei Bücher umfassende Zusammenstellung von Gedichten in elegischen Distichen auf Redner der griechischen (Buch I) und römischen (Buch II) Antike. Dabei werden auch Personen berücksichtigt, die nach modernem Verständnis keine historischen Gestalten snd (Odysseus, Nestor, …). Die Länge der einzelnen Gedichte variiert stark, sie reicht von knappen epigrammartigen Schöpfungen bis zu ausführlichen Lobgedichten, die naturgemäss auch mehr Raum für Details aus der Vita des gerühmten Redners geben. Das ihm gespendete Lob muss sich nicht notwendig auf seine Eloquenz beschränken. Pedioneus bemüht sich sichtlich um Variation. Manchmal rühmt er den Redner selbst, manchmal überlässt er das fiktiv irgendeiner höheren Instanz wie den Musen, manchmal lässt er ihn selbst zu Wort kommen, wodurch ein scheinbar unmittelbarer Eindruck von der Persönlichkeit des Redners entsteht. Die poetische Qualität ist ungleich: erreicht Pedioneus in vielen Gedichten einen gewissen dichterischen Schwung (so in dem hier unter anderem ausgewählten Gedicht auf Cicero), so lesen sich andere wie mühsam versifizierte Prosa. Ungeschmälert bleibt von solchen Beobachtungen die Gelehrsamkeit, die Pedioneus in diesen Gedichten bekundet, denn sie machen mit ihrem Inhalt deutlich, dass er sich ein grosses Wissen über die vorgestellten Figuren erworben hat. Nachvollziehen lässt sich besonders im hier präsentierten Gedicht auf Dmosthenes, dass Pedioneus unter anderem mit den Viten des Plutarch vertraut gewesen sein muss. Mit dieser Gedichtsammlung «Über berühmte Redner» macht er somit auch deutlich, dass er nicht zu Unrecht in Ingolstadt einen Posten als Lehrer der Rhetorik und Poetik erhalten hat.
Wir haben für unsere Präsentation ausgewählt die Gedichte auf Solon, Sokrates, Isokrates, Demosthenes (sehr umfangreich), ein Gedicht auf Pompejus, Caesar und Brutus (in dem das Rednerische keine erkennbare Rolle spielt), das Gedicht auf Cato Uticensis (ein Monolog Catos, der dessen unbeugsame Opposition zu Caesar zum Ausdruck bringt und über seine Eloquenz nur insofern Auskunft gibt, als er hier scheinbar selbst zu Wort kommt) und das Gedicht auf Cicero, eines der längsten der Sammlung und eines, in dem der Dichter gewisse Einblicke in sein eigenes Fühlen und Wollen gibt. Zur grundlegenden Motivation für diese Sammlung äussert er sich im Prosa-Widmungsbrief an Wolfgang Hunger, der der Sammlung vorangestellt ist: Ein Gespräch mit Hunger über die rhetorischen Glanzleistungen der antiken Redner und dessen eigenes stilistisches Können hätten ihn dazu angeregt; sein Ziel sei es, den heutigen Juristen, die oft den eleganten sprachlichen Ausdruck ihrer Gedanken vernachlässigten und so das Fortleben ihrer Schriften und Gedanken gefährdeten, grosse rhetorische Vorbilder vor Augen zu halten. Auf den Widmungsbrief an Hunger folgt noch ein kurzes Gedicht (neun elegische Distichen), adressiert an Julius von Pflug, Bischof von Naumburg, der somit (wenn auch nicht im Titel der Schrift genannt) zu einem weiteren Widmungsempfänger wird.
Was es zu den einzelnen Gedichten zu sagen gibt, das findet man im Wesentlichen in den Anmerkungen der deutschen bzw. französischen Übersetzung des lateinischen Textes. Hier soll nur auf zwei bemerkenswerte Aspekte des Gedichts auf Cicero hingewiesen werden. Erstens verleiht Pedioneus in V. 19-25 seiner Absicht Ausdruck, vom Vorbild Ciceros befeuert seinen eigenen Caesar, d. h. Karl V., und dessen Taten zu verherrlichen. Es war dieser Entschluss, den er mit De bello Germanico im Folgejahr konkret umsetzen sollte. In V. 25-44 spricht er seine Absicht aus, seine Zeitgenossen moralisch und religiös zu bessern; wenn sie ihm nicht zuhören, will er sich in wissenschaftliche und poetische Studien versenken. In V. 45-50 lässt er schliesslich eine zu diesen Studien passende unmilitärische und an materiellem Reichtum nicht interessierte Lebenshaltung erkennen, die mit den uns greifbaren biographischen Fakten übereinstimmt. Freilich, was das Materielle angeht, wäre es Pedioneus, der einen kleinen Schuldenberg hinterliess, zu wünschen gewesen, er hätte seine idealistische Lebenshaltung (einen typischen tragikomischen Selbstbetrug mittelloser Geisteswissenschaftler aller Epochen) weniger konsequent umgesetzt. Vergessen wir aber nicht, dass er bei seinem Tod noch recht jung war. Mehr Lebenszeit hätte ihm hoffentlich noch grössere Klugheit in diesen Dingen geschenkt. Sie war ihm nicht vergönnt, und so steht er letztlich sowohl als Dichter als auch menschlich als Unvollendeter vor uns. Wir erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass ihm auch die Erfahrung von Ehe und Familie verwehrt blieb; sollte er lebensbereichernde Frauenliebe in anderer Form kennengelernt haben, hat sich das jedenfalls nicht in seiner Dichtung niedergeschlagen – oder anders ausgedrückt: im Gegensatz zu seinem rätischen Landsmann Simon Lemnius (1511-1550) hat Pedioneus keine erotische Poesie verfasst. Wie dieser hat er sich aber ebenfalls auf dem Gebiet des Epos versucht. Mit dem anderen rätischen Dichter auf diesem Portal, Marcus Tatius Alpinus (1509-1562), verbindet Pedioneus nicht nur seine erkennbare katholische Positionierung; wie jener, der es bis zum Kanzler des Freisinger Fürstbischofs brachte, endigte auch der Rhetoriker Pedioneus seine irdischen Lebenstage in Altbayern.
Bibliographie
Burmeister, K. H., «Die Herkunft des Dichters und Humanisten Johannes Pedioneus», Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 71 (1971), 101-112, Onlineversion, https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/image/000000453_71/106/LOG_0007/ (kein PDF) [=Burmeister 1971a].
Burmeister, K. H., «Johannes Pedioneus Rhetus (ca. 1520-1550). Biographie – Werkverzeichnis – Briefe», Humanistica Lovaniensia 20 (1971), 121-166 [=Burmeister 1971b].
Burmeister, K. H., «Johannes Pedioneus Rhetus (†1550) und sein dichterisches Werk», in: J. Ijsewijn/E. Kessler (Hgg.), Acta Conventus Neo-Latini Lovaniensis, München/Löwen, Wilhelm Fink/Leuven University Press, 1973, 125-132.
Burmeister, K. H., «Pedioneus, Johannes», Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein, Onlineversion vom 31.12.2011, https://historisches-lexikon.li/Pedioneus,_Johannes.
Dill, U., «Zu Johannes Pedioneus’ ‘Basler Zeit’ (1541-1542), in: U. Dill/B. R. Jenny (Hgg.), Aus der Werkstatt der Amerbach-Edition, Basel, Schwabe, 2000, 77-92.
Ellinger, G., Geschichte der neulateinischen Literatur Deutschlands im sechzehnten Jahrhundert, Bd. 2, Berlin, De Gruyter, 1929, hier: 198-203.
Tilg, S., «Pedioneus Rhaetus Johannes», Frühe Neuzeit in Deutschland 1520-1560. Verfasserlexikon 5 (2016), 32-38.
Welti, L., «Humanistisches Bildungsstreben in Vorarlberg», Montfort 17 (1965), 126-162, hier: 146-154.