Konrad Grebel Der Lebensweg eines Humanisten, der zum Wiedertäufer wurde, in sechs Briefen
Am 21. Januar 1525 vollzog Konrad Grebel (1498-1526) in Zürich die erste Erwachsenentaufe und begründete damit die aus der Zwinglianischen Reformation hervorgegangene Täuferbewegung. Der 500. Jahrestag dieses Ereignisses ist eine gute Gelegenheit, sich näher mit diesem ungewöhnlichen Humanisten zu befassen, dessen Leben kurz und bewegt war. Um die verschiedenen Etappen seines Werdegangs vom Humanismus zum Täufertum darzustellen, präsentieren wir hier sechs Briefe, die er an seine Vertrauten Ulrich Zwingli, Oswald Myconius und Joachim Vadian schrieb, die später alle zu seinen Gegnern wurden. Diese Briefe decken den Zeitraum von seinem Studium bis zu seinem vollständigen Bekenntnis zum Täufertum im Jahr 1525 ab.
Die Familie Grebel
Konrad Grebel stammt aus einer Junkerfamilie, die am Ende des 14. Jahrhunderts in das Zürcher Bürgertum aufstieg. Aus den Reihen dieser Patrizierfamilie gingen Vögte, Zunftvertreter und Mitglieder des Kleinen Rates hervor. Konrads Vater, Jakob Grebel, war ein im Eisenhandel tätiger Junker. Als Vertreter der Zunft der Konstaffel im Kleinen Rat war er auch Vogt und Delegierter in der Tagsatzung. Konrads Mutter, Dorothea Fries, war die Tochter von Johannes Fries, Kanzler und Landammann von Uri. Konrad war das dritte Kind in einer Geschwistergruppe aus vier Mädchen und zwei Jungen. Er wuchs auf der Burg Grüningen auf, wo sein Vater von 1499 bis 1511 Vogt war. Der junge Konrad besuchte von 1508 bis 1514 die Lateinschule in Zürich, bevor er seine Heimat verliess, um sein Studium fortzusetzen.
Eine stürmische Jugend und Studien ohne Abschluss
Im Herbst 1514 schrieb sich Grebel an der Universität Basel ein und wohnte im Internat des jungen Glarner Humanisten Heinrich Glarean. Er nahm wahrscheinlich Privatunterricht bei ihm und bewahrte noch fast drei Jahre später eine ausgezeichnete Erinnerung daran (Brief Nr. 1): «[Glarean] vermittelt eine solide Bildung und erfüllt alle Pflichten eines gebildeten, wohlwollenden und gewissenhaften Lehrers.» Leider schloss Glarean sein Internat Anfang 1515 und ging nach Italien. Grebel schloss sich daraufhin an der Universität Wien dem St. Galler Joachim Vadian an, der dort seit 1511/1512 als Professor tätig war und 1516-1517 das Amt des Rektors bekleidete.
Der Brief Nr. 1, der erste Brief Grebels, der uns erhalten geblieben ist, stammt aus dieser Zeit. Es handelt sich um eine Antwort auf einen (verlorenen) Brief von Ulrich Zwingli, dem damaligen Pfarrer von Einsiedeln, an Konrad und seinen Cousin Johann Leopold. Zwingli pflegte nämlich jungen Schweizer Studenten ermutigende Briefe zu schreiben. Grebel drückt in seiner Antwort seinen Respekt und seine Bewunderung für Zwingli aus. Der junge Student behandelt typisch humanistische Themen, wie die zuletzt erschienenen oder noch zu veröffentlichenden Werke. Er erwähnt auch sein Studium und seinen Lehrer Vadian, der leider zu sehr mit seinem eigenen Medizinstudium und seinen humanistischen Projekten beschäftigt sei, um sich um seine Studenten zu kümmern. Grebel würde so gerne nach Paris gehen, wo Glarean lehrt, dass er hofft, die Pest werde Wien erreichen, damit er einen Vorwand für seine Abreise habe! Ein Wunsch von tragischer Ironie, wenn man bedenkt, dass diese schreckliche Krankheit neun Jahre später seinen Tod verursachen wird.
Konrad war ein begabter Student, doch sein impulsives Temperament spielte ihm mehr als einmal einen Streich. In Wien geriet er in eine Schlägerei und wurde schwer verletzt. Dieses Missgeschick und die drohende Pest veranlassten Jakob Grebel, seinen Sohn nach Hause zurückzurufen. Konrad gehorchte, zumal auch Vadian sich darauf vorbereitete, nach St. Gallen zurückzukehren. Kurz nach ihrer Rückkehr in die Schweiz im August 1518 nahmen Vadian und Grebel an einer Wanderung auf den Pilatus teil, von der Vadian in seinem Kommentar zu Pomponius Mela berichtet. Trotz seines jungen Alters war Konrad bereits gut in den Kreis der Schweizer Humanisten integriert, zu dem neben Zwingli, Glarean und Vadian auch der Luzerner Oswald Myconius gehörte, auf den weiter unten noch genauer eingegangen wird.
Grebel blieb nicht lange in Zürich. Auf Empfehlung von Vadian und Myconius trat er im Oktober 1518 in das Internat von Glarean in Paris ein, diesmal dank eines Stipendiums des Königs von Frankreich, das erneut sein Vater für ihn erwirkt hatte. Dort studierte er Griechisch und Hebräisch. Leider verschlechterte sich sein Verhältnis zu Glarean so sehr, dass er das Internat bereits im Januar 1519 verliess. Der Lehrer warf dem Schüler seinen unbeständigen Charakter, seine Neigung, Mädchen nachzulaufen, und allgemein seinen undisziplinierten Lebensstil vor, der dem Studium nicht förderlich sei. Als ob das noch nicht genug wäre, war Grebel erneut in eine Schlägerei verwickelt, die diesmal zum Tod von zwei Franzosen führte. Auch wenn Konrad und seine Kameraden in Notwehr gehandelt hatten, brachte dieser Vorfall Glarean und die gesamte Gruppe der Schweizer Studenten in ernsthafte Schwierigkeiten. Grebel seinerseits war mit seiner Unterkunft unzufrieden und fand, dass sein Lehrer seinen Schülern gegenüber zu schroff war. Glarean verbot ihm schliesslich, weiter an seinem Unterricht teilzunehmen. Grebel geriet auch in finanzielle Schwierigkeiten, da er viel Geld ausgab, insbesondere für Bücher. Sein Vater war enttäuscht und verärgert darüber, dass Konrads Studium bei dem berühmten Glarean so schlecht verlief, und strich ihm einen Teil seiner Zuwendungen. Er weigerte sich, ihm Geld zu schicken, damit Konrad zur Hochzeit von Vadian mit seiner Schwester Martha Grebel reisen konnte. Zu allem Übel wurde Jakob Grebel in Zürich verdächtigt, gegen das Verbot der Pensionen verstossen zu haben, indem er für seinen Sohn Stipendien aus dem Ausland erhalten hatte – eine brisante Angelegenheit, die letztlich fatale Folgen haben sollte.
Zu diesen Schwierigkeiten kam bald die Pest hinzu, die Paris heimsuchte und Glareans Studenten zwang, sechs Monate in Melun zu verbringen. Bei seiner Rückkehr fand Grebel vorwurfsvolle Briefe seines Vaters, von Vadian und von Myconius vor und musste in seine Heimat zurückkehren. Damit war sein Studium beendet. Trotz allem wurde er im Juli 1520 dank der Vermittlung von Myconius von seiner Familie zu seiner grossen Erleichterung freundlich aufgenommen. Sein Vater wollte ein päpstliches Stipendium beantragen, damit sein Sohn in Pisa oder Bologna studieren konnte, aber Konrad wollte keine neuen Anschuldigungen wegen ausländischer Pensionen riskieren. Der junge Mann verliebte sich in eine gewisse Barbara, die er schliesslich am 6. Februar 1522 gegen den Willen seiner Eltern heiratete. Diese Barbara war möglicherweise Novizin im Kloster Oetenbach, wo Konrads Tante Agatha als Nonne lebte. Das Paar hatte drei Kinder: Theophil (1522), Josua (1523) und Rachel (1525).
Der Brief Nr. 2 vom 4. November 1521 stammt aus dieser Übergangszeit. Er ist an Myconius adressiert, den Grebel 1514-1515 in Basel kennengelernt hatte und der ebenfalls an der Pilatus-Expedition von 1518 teilgenommen hatte. Als Freund der Familie Grebel fungierte Myconius mehrmals als Vermittler zwischen Konrad und seinen Eltern. In seinem Brief beschreibt der junge Grebel seine leidenschaftliche Liebe mit einer «antikisierenden» Metapher, die seine humanistische Bildung offenbart. Seine Enttäuschungen im Ausland haben ihn jedoch tief geprägt; für den jungen Zürcher Patrizier kommt es nicht in Frage, erneut auf Reisen zu gehen. Dieser Brief von Grebel belegt auch die Existenz einer «Sodalität» (eines intellektuellen Kreises) in Zürich, die sich um Zwingli versammelt hatte und griechische (in diesem Fall Platon) und hebräische Texte las und studierte, wodurch sie den Weg für die kritische Auseinandersetzung mit biblischen Texten ebnete.
Ein unermüdliches Engagement für die Reformation
Nach seiner Ankunft im Grossmünster im Jahr 1519 hörte Zwingli auf, seine Predigten auf die Perikopen zu stützen, und begann, das Matthäusevangelium von Anfang bis Ende zu studieren, eine Methode, die er auch bei anderen Büchern der Bibel anwandte. Er predigte insbesondere gegen den Ablasshandel, den Heiligenkult und das Mönchtum. Der weitere Verlauf ist bekannt: 1522 brachen Bürger (darunter der Drucker Christoph Froschauer) das Fastengebot in der vorösterlichen Fastenzeit, und Zwingli verteidigte sie schriftlich. Der Bischof von Konstanz, dem Zürich unterstand, schaltete sich ein und forderte den Rat auf, der Kirche treu zu bleiben. Zwingli stellte in seinem an den Bischof gerichteten Apologeticus Archeteles die Bibel als einzige Autorität heraus. Der gemässigte Ton seiner Kritik steht im Gegensatz zu dem Grebels, der sich in dem Gedicht, das das Werk abschliesst, sehr offensiv zeigt:
Rumpant ilia episcopi universi
Qui sunt nomine, re lupi voraces,
Quod iam rursus in orbe veritatis
Lux Evangelicae vetus refulget,
Atque hoc, intrepidis trilinguibusque
missis Luciferis, deo magistro.
Imo (verus enim propheta dicam)
Quod horum imperium tyrannidemque,
Quod claves, canones, librum Simonis,
Parricidia conscientiarum,
Quod ista agmina mercium sacrarum,
Bullas, fulmina, Δεισιδαιμονίαν,
Verbum Evangelicum arduis triumphis
Ducit perpetuoque victa ducet,
Qui sunt nomine, re lupi voraces
Rumpant ilia Episcopi universi.Conradus Grebelius in gratiam
reducis Evangelii.
Die Eingeweide des ganzen Episkopats mögen zerbersten,
Jener Bischöfe, die es nur dem Namen nach, in Wahrheit aber gefrässige Wölfe sind,
Denn das alte Licht der evangelischen Wahrheit
Leuchtet nun wieder in der Welt,
Und das dank der unerschrockenen und dreisprachigen
Lichtbringe deren Lehrter Gott ist.
Denn ja (ich werde in der Tat als wahrer Prophet sprechen),
Ihr Reich und ihre Tyrannei,
Die Schlüssel, die Kanones, das Buch Simons,
Die Gewissenmorde,
Diese Scharen, die mit dem Heiligen Schacher treiben,
Die Bullen, die Donner, der Aberglaube,
Über all das wird das Wort des Evangeliums durch harterrungene Triumphe
Dauerhaft obsiegen.
Die Eingeweide des ganzen Episkopats mögen zerbersten,
Jener Bischöfe, die es nur dem Namen nach, in Wahrheit aber gefrässige Wölfe sind,Konrad Grebel, zu Ehren der Rückkehr des Evangeliums.
Grebel beteiligte sich aktiv an der Zürcher Reformation und schöpfte daraus nach einer schwierigen Studienzeit neuen persönlichen Elan. Ende Mai 1522 fand im Hause Grebel eine Versammlung statt, um eine Kundgebung zur Unterstützung Zwinglis zu organisieren, die jedoch von den Behörden verhindert wurde, um Unruhen in der Stadt zu vermeiden. Grebel wird auch im Protokoll des Kleinen Rates vom Juli 1522 erwähnt, weil er die Predigt zweier Augustinermönche über den Heiligenkult gestört hatte. In einer Ratssitzung beschuldigte ein Ratsherr Grebel und seine Gefährten, der Teufel in Person zu sein, worauf Grebel antwortete, indem er auf einen anderen Gegner Zwinglis im Rat zeigte, dass der Teufel schon seit langem auf der Ratsbank sitze. Er ging sogar so weit, den Ratsherren zu drohen, dass sie vernichtet würden, wenn sie das Fortschreiten des Evangeliums behinderten, und verliess mit diesen Worten die Sitzung, wobei er die Tür hinter sich zuschlug. Zusätzlich zu den internen Spannungen sahen sich die Zürcher Behörden dem Druck anderer Orte ausgesetzt, die befürchteten, dass eine Veränderung in Zürich die Einheit der Eidgenossenschaft gefährden könnte. Um eine Entscheidung zu treffen, organisierte der Rat im Januar 1523 eine Disputation, die zur offiziellen Anerkennung der Lehre Zwinglis führte.
In diesem Zusammenhang zeigt uns der Brief Nr. 3, der im November 1522 an Vadian geschrieben wurde, Grebels veränderte Geisteshaltung: Er äussert sich zum ersten Mal zu religiösen Angelegenheiten und zeigt einen für seine Zeit typischen Antiklerikalismus. Er bekundet auch seine Ungeduld darüber, dass sich niemand dazu entschliessen kann, gegen bestimmte Gegner der Reformation zu schreiben.
In dieser Zeit beantragten die Dörfer der Zürcher Landschaft ihre Befreiung vom Zehnten, den sie der Kirche schuldeten, da sie der Meinung waren, dass dieser nicht biblisch begründet sei. Die Prediger auf dem Land standen damals in Kontakt mit Zwingli und seinen Anhängern. Sie trafen sich manchmal in der Stadt, insbesondere im Haus des Buchhändlers Andreas Castelberger. Grebel knüpfte im Sommer 1522 Kontakte zu dieser Gruppe. Am 22. Juni 1523 lehnte der Rat jedoch die Forderungen der ländlichen Gemeinden ab. Grebel kritisierte diese Entscheidung in seinem Brief an Vadian vom 15. Juli 1523 scharf und bezeichnete die Ratsherren als Türken und Tyrannen.
Einige Anhänger Zwinglis begannen daran zu zweifeln, ob es sinnvoll sei, die Reformation in Zusammenarbeit mit den Behörden voranzutreiben, da diese ihrer Meinung nach biblisch begründete Forderungen ablehnten. Auch Zwingli war von diesem Misstrauen betroffen, da er in seiner Predigt über göttliche und menschliche Gerechtigkeit die Position der Behörden verteidigte. Die Abschaffung des Zehnten hätte zudem nicht nur der Kirche, sondern auch der Gemeinde Zürich wirtschaftliche Schwierigkeiten bereitet. Die Zehntfrage führte somit zu einer ersten Spaltung im Lager Zwinglis. Inspiriert von dieser ländlichen Reformation forderten Grebel und einige andere eine vollständige Neuordnung der Kirche und die Wahl eines neuen Rates.
Im September 1523 kam es nach Zwinglis Kritik an Bildern und liturgischen Ornamenten zu ersten Bilderstürmen in der Stadt und später auch auf dem Land. Viele Bilderstürmer waren an antiklerikalen Aktionen beteiligt und Anhänger Zwinglis. Grebel schloss sich ihnen im Herbst an. Er beklagte sich bei Vadian über Zwinglis mangelnde Unterstützung für die vor Gericht stehenden Bilderstürmer, obwohl er sie doch dringend brauchte, um seine Sache voranzubringen. Zwingli seinerseits missbilligte die Gewalt, die die Bilderstürmer angewendet hatten.
Eine Kommission des Rates, der auch Jakob Grebel angehörte, schlug eine zweite Disputation vor, die Ende Oktober 1523 stattfand. Der Rat wollte die gesamte Eidgenossenschaft in diese Disputation einbeziehen, aber die katholischen Orte und die Bischöfe antworteten, dass dies eine interne Angelegenheit Zürichs sei. So blieb es bei einer Zürcher Disputation, an der dennoch zwischen 800 und 900 Priester und Laien teilnahmen. Grebel berichtet in seinem Brief Nr. 4 vom 18. Dezember 1523 an Vadian über diesen Wendepunkt für die Zürcher Reformation. Die Reformierten erreichten ihr Ziel: die Abschaffung der Bilder und der Messe. Zwingli überliess es jedoch dem Rat, diese theologischen Entscheidungen umzusetzen, was Konrad Grebel und andere verärgerte, die der Meinung waren, dass die Messe unverzüglich abgeschafft werden sollte. Im reformierten Lager wurde die während der Auseinandersetzung um den Zehnten entstandene Kluft nun zu einer Spaltung. Zum ersten Mal in seiner Korrespondenz kritisiert Grebel offen das Vorgehen Zwinglis. Er wirft ihm vor, mit den Behörden einen Kompromiss in Bezug auf die Messe geschlossen zu haben, und urteilt, dass er sich nicht wie ein Hirte verhalten habe, wobei er auf eine Predigt anspielt, die Zwingli während der Disputation zu diesem Thema gehalten hatte und die 1524 veröffentlicht wurde. Auch Vadian bleibt von der Kritik nicht verschont, da er einer der Vorsitzenden dieser Disputation war.
Der Weg des Täufertums
In der ersten Hälfte des Jahres 1524 machten die Dissidenten jedoch noch nicht von sich reden. Wie er in seinem Brief Nr. 5 vom 3. September 1524 an Vadian andeutet, wartete Grebel vergeblich darauf, dass Zwingli die Reformation weiter vorantreiben würde. Also schritt er selbst zur Tat: Einerseits studierte er das Matthäusevangelium, möglicherweise im Kreis um Castelberger, andererseits erstellte er eine Konkordanz biblischer Stellen zum Glauben und zur Taufe. Diese Konkordanz wurde im April 1525 in Augsburg unter dem Namen Hans Krüsi veröffentlicht. Grebel suchte auch die Unterstützung von Reformatoren, die mit seinen Ideen übereinstimmten: Er war im Begriff, einen Brief von Andreas von Bodenstein aus Karlstadt zu beantworten und in Briefkontakt mit Thomas Münzer zu treten; er erwog auch, an Martin Luther zu schreiben. Er kommentierte seine Zeit mit zahlreichen Zitaten aus der Bibel und machte Zwingli versteckte Vorwürfe. Auf Vadians Vorschlag, nach St. Gallen zu kommen, den dieser ihm vielleicht in der Hoffnung machte, mit ihm zu diskutieren und ihn zur Vernunft zu bringen, antwortet Grebel, dass er nicht kommen könne, und führt dafür alle möglichen Ausreden an: Seine Frau wolle nicht, die Reise sei gefährlich, er sei bei schlechter Gesundheit und sehr beschäftigt.
Im Jahr 1524 kam ein weiterer Streitpunkt hinzu: die Taufe. Das Problem der Kindertaufe betraf nicht nur die Kirche, sondern auch den Staat, da sie die Loyalität der Bürger gegenüber ihren Behörden symbolisierte. Die Forderung nach einer Glaubenstaufe oder Erwachsenentaufe wurde daher als ziviler Ungehorsam angesehen.
Grebel und seine Freunde hatten Anfang 1524 mit Zwingli über die Taufe gesprochen. Da sie wussten, dass Zwingli zuvor die Kindertaufe kritisiert hatte, hofften sie, wieder einen konstruktiven Dialog mit ihm aufnehmen zu können. Grebel wandte sich auch an die St. Galler, doch Vadian schickte ihm als Antwort ein kurzes Schreiben (verloren gegangen), in dem er die Kindertaufe verteidigte, möglicherweise ein Entwurf seiner Schrift wider die Täufer von 1525 (ebenfalls verloren gegangen). Dieses Problem vergiftete ihre Beziehung zueinander.
Da die Gespräche mit Zwingli zu keinem Ergebnis führten, baten die Dissidenten den Rat, die Frage der Taufe während einer Disputation am 17. Januar 1525 zur Sprache zu bringen. Grebel war direkt betroffen, da seine am 6. Januar 1525 geborene Tochter Rachel noch nicht getauft worden war. Das Ergebnis der Disputation stand jedoch bereits bei der offiziellen Ankündigung fest, in der die Gegner der Kindertaufe von vornherein verurteilt wurden. Zwar wurde ihnen das Recht eingeräumt, ihre Argumente vorzubringen, doch Zwingli und die Ratsherren waren der Ansicht, dass die Kindertaufe anhand der Heiligen Schrift nicht widerlegt werden könne. Der Disput endete mit einem Mandat des Rates: Die Dissidenten mussten ihre Neugeborenen taufen lassen, sonst drohte ihnen die Ausweisung, und ihre Versammlungen zum Thema Taufe einstellen; Konrad Grebel und Felix Mantz mussten ihre Agitation einstellen; die ausländischen Gegner (darunter Castelberger) wurden ausgewiesen.
Am Abend des 21. Januar 1525, nach Erlass des Mandates, versammelten sich Grebel und seine Anhänger im Haus der Familie Mantz und hielten Rat. Dort vollzogen sie die ersten Erwachsenentaufen und begründeten damit die Täuferbewegung. Grebel und Mantz lasen die Bibel, brachen in Hausgottesdiensten das Brot und tauften eine grosse Anzahl von Mitbürgern. Innerhalb weniger Tage bildeten sich die ersten täuferischen Gemeinden. Grebel musste jedoch die Region Zürich verlassen, da er sich geweigert hatte, sich den Entscheidungen des Rates zu unterwerfen. Das war ein Glücksfall für ihn, denn die Zürcher Behörden liessen bald darauf die Anführer der Täufer verhaften, was jedoch weitere Erwachsenentaufen nicht verhindern konnte. Der Rat berief daraufhin am 20. März 1525 eine weitere Disputation ein, in der Hoffnung, der Bewegung dadurch ein Ende zu setzen. Doch diese Disputation, die eher ein Prozess gegen die Täufer war, konnte nicht verhindern, dass die Unruhen auf andere Regionen übergriffen, insbesondere auf Schaffhausen, St. Gallen, die Vogtei Grüningen und Waldshut. Grebel begab sich zunächst nach Schaffhausen, wo er Unterstützung vom Stadtpfarrer Sebastian Hofmeister erhielt.
Kurz vor Ostern 1525 tauchte Grebel wieder in St. Gallen auf und nahm Kontakt zu den Täufern der Region auf. Er taufte etwa dreihundert Menschen vor den Toren der Stadt und hielt in der Zunftstube der Weber eine Predigt über die Taufe. Die Anführer der Täufer wurden schliesslich vor den Rat von St. Gallen geladen. Grebel erschien nicht, schrieb aber einen Brief (verloren gegangen), um seine Glaubensgenossen zu unterstützen. Vadian antwortete darauf, indem er öffentlich seine Schrift wider die Täufer (ebenfalls verloren gegangen) verlas. Um den durch die Täufer ausgelösten Unruhen Einhalt zu gebieten, verbot der Rat ihnen, das Abendmahl zu feiern und Taufen in und vor der Stadt durchzuführen, unter Androhung von Gefängnis und der Vertreibung mit Frau und Kindern. Sie durften sich jedoch an Werktagen nachmittags in der Kirche St. Laurenzen versammeln, um die Bibel zu lesen.
Nach diesem Vorfall kehrte Grebel kurz nach Zürich zurück, um seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln und seine Bücher zu verkaufen, wahrscheinlich um sich auf ein Leben im Untergrund vorzubereiten. Am 30. Mai 1525 schrieb er ein letztes Mal an Vadian, um ihn von der «blutigen Partei Zwinglis» abzubringen (Brief Nr. 6). Er warf ihm vor, seine «unschuldigen» Brüder, die Täufer, zu verfolgen, und bat ihn, wenn er sich schon nicht den Täufern anschliessen wolle, sich zumindest öffentlich in dieser Frage zurückzuhalten.
Im Sommer 1525 wanderte Grebel durch das Zürcher Oberland, einen fruchtbaren Boden für seine Ideen. Denn wenige Monate zuvor hatte die lokale Bevölkerung das Prämonstratenserkloster in Rüti und das Haus des Johanniterordens in Bubikon angegriffen. Die Bauern wollten den Zehnten und andere als unerträglich empfundene Steuern abschaffen und die Erneuerung der Kirche selbst in die Hand nehmen. Sie wurden dabei von Predigern unterstützt, die den Geist der Reformation mit dem Streben nach kommunaler Autonomie verbanden. Es überrascht nicht, dass die Zürcher Behörden ihre Beschwerden zurückwiesen, was die Feindseligkeit der ländlichen Bevölkerung ihnen gegenüber noch verstärkte.
In diesem Zusammenhang wurde die Verweigerung der Kindertaufe zum Symbol des Widerstands gegen den Klerus und die Obrigkeit. Im Juli 1525 hörten sich grosse Menschenmengen Grebels Predigt in Hinwil und Bäretswil an. Wegen seiner Schmähungen gegen Zwinglis Taufbüchlein wurde Grebel vor den Rat von Zürich geladen, erschien jedoch nicht. Die Täufer fanden Zuflucht in der Bevölkerung und wurden vor der Verfolgung durch die Behörden geschützt.
Am 8. Oktober 1525 wurden Grebel und Blaurock jedoch denunziert, verhaftet und in Grüningen inhaftiert. Die Unruhen, die von den Sympathisanten der Täufer ausgelöst wurden, veranlassten den Rat, eine neue Disputation über die Taufe einzuberufen, die in Wirklichkeit einem Prozess glich. Er fand vom 6. bis 8. November 1525 in Zürich statt; die inhaftierten Anführer der Täufer wurden dorthin gebracht und mussten sich, da man einen Aufstand befürchtete, zunächst im Rathaus und dann im Grossmünster äussern. Grebel verteidigte sich, indem er wiederholte, dass die Kindertaufe keine biblische Grundlage habe und ein Werk des Teufels sei, und Zwingli beharrte darauf, die jüdische Beschneidung und die christliche Taufe in Beziehung zueinander zu setzen. Vadian gehörte zu den Vorsitzenden der Disputation. Unmittelbar nach dieser Disputation begannen die gerichtlichen Ermittlungen gegen die Inhaftierten. Grebel wurde mit Hofmeisters Aussage über seine Anwesenheit in Schaffhausen sowie mit den Beleidigungen gegen Zwingli konfrontiert. Am 18. November wurden Grebel, Mantz und Blaurock zu Wasser und Brot verurteilt und auf unbestimmte Zeit inhaftiert.
Anfang März 1526 wurden die Gefangenen erneut angehört, doch Grebels Überzeugungen waren unerschütterlich. Er bat darum, im Gefängnis schreiben zu dürfen, um Zwinglis Irrtum aufzuzeigen. Er versicherte seine Bereitschaft, den Behörden in weltlichen Angelegenheiten zu gehorchen. Nach dieser Anhörung wurde er jedoch zu Wasser und Brot verurteilt, von der Aussenwelt isoliert und bis zu seinem Tod inhaftiert. Der Rat beschloss ausserdem, dass die Täufer künftig mit dem Tod durch Ertränken bestraft werden sollten. Jakob Grebel, Konrads Vater, kritisierte die Härte dieses Urteils, doch seine Meinung war in der Minderheit. Die Behörden waren der Ansicht, dass nur drastische Massnahmen die Aktivitäten der Täufer beenden könnten. Die Täufer hatten jedoch das Gefühl, sich in derselben Situation wie die erste verfolgte christliche Gemeinde in der Apostelgeschichte zu befinden und somit die wahre Kirche auf Erden zu repräsentieren.
Zwei Wochen später flohen die Häftlinge durch ein offenes Fenster. Grebel begab sich nach Graubünden und Appenzell, um dort das Täufertum zu verbreiten. Von der Pest befallen, gelangte er nach Maienfeld nördlich von Chur, wo seine ältere Schwester Barbara ihn bis zu seinem Tod, der wahrscheinlich im August 1526 eintrat, pflegte.
Epilog: der Wiederaufstieg der Grebels und das Überleben des Täufertums
Zwei Monate nach dem Tod seines Sohnes wurde Jakob Grebel von der Affäre um die ausländischen Pensionen ereilt und zum Tode verurteilt. Trotz aller Schicksalsschläge ging es mit der Familie Grebel jedoch nicht bergab. 1528 heiratete die Witwe von Konrad Grebel erneut, diesmal einen Zürcher Bürgerlichen namens Jakob Ziegler. Das Schicksal der Tochter Rachel ist nicht bekannt. Die beiden Söhne Theophil und Josua Grebel wurden von Verwandten aufgenommen, die für die ordnungsgemässe Verwaltung ihres Erbes sorgten. Was aus Theophil nach 1541 wurde, ist nicht bekannt. Josua erlernte einen Handwerksberuf und starb 1589. Durch ihn wurde dieser Zweig der Familie Grebel fortgeführt: Sein Sohn Conrad (1561-1626) bekleidete zahlreiche führende Ämter in Zürich. Sein Sohn Hans Konrad Grebel (1615–1674) wurde 1669 sogar Bürgermeister von Zürich, knapp anderthalb Jahrhunderte nach dem Sturz und Tod seines Urgrossvaters.
Die Täuferbewegung überlebte den Tod ihrer ersten Anführer. Nach den ersten Erwachsenentaufen bei Mantz breitete sich die Bewegung rasch aus, zunächst in Zollikon, einem Nachbarort von Zürich, dann in den Gebieten von Basel, Bern, St. Gallen, Appenzell, Schaffhausen, Hallau und Waldshut, oft in Verbindung mit Bauernaufständen gegen Steuern und Abgaben. In doktrinärer Hinsicht spielte vor allem der Waldshuter Pfarrer Balthasar Hubmaier eine wichtige Rolle, indem er eine Art gedrucktes Täuferhandbuch herstellte. 1527 fand in Schleitheim eine Versammlung von Täufern statt, die ein Glaubensbekenntnis verabschiedete. Diese Gruppe, die als «Schweizer Brüder» bekannt war, wurde im 16. und 17. Jahrhundert verfolgt, was zur Verbreitung der Täuferbewegung in der Schweiz, in Europa und auf dem gesamten amerikanischen Kontinent führte. Im 16. Jahrhundert gab es neben den Schweizer Brüdern zwei weitere bedeutende Täufergemeinden in Europa: die Mennoniten in den Niederlanden und Norddeutschland, die sich ab 1536 um den niederländischen Prediger Menno Simons scharten, und die Hutterer, benannt nach ihrem Anführer Jakob Hutter, die 1528 aus Tirol flohen und sich in Mähren niederliessen. Im Jahr 1693 führten interne Konflikte zur Gründung der Amish-Gemeinschaft. Erst in der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution fanden die Täufer einen gewissen Frieden.
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