Anmerkungen zu den zwölf Büchern des Quintus Curtius: «Kritisches Urteil über die Bucheinteilung bei Quintus Curtius» und «Anmerkung Nr. 92»

Traduction (Allemand)

Traduction: Clemens Schlip (französischer Originaltext der Anmerkungen von Lucie Claire)


Kritisches Urteil Glareans über die Bucheinteilung bei Quintus Curtius

Als Quintus Curtius seine Alexandergeschichte verfasste, scheint er griechischen Autoren und darunter besonders Arrian und Diodorus Siculus gefolgt zu sein. Diodorus hat die Taten Alexanders über eine Dauer von zwölf Jahren hinweg geschildert. So hat auch Curtius über einen Zeitraum von zwölf Jahren berichtet. Aber weil die Taten in den einzelnen Jahren unterschiedlich umfangreich waren, so ist bei Diodorus auch der Bericht über die einzelnen Jahre jeweils unterschiedlich umfangreich. Curtius aber scheint extra Sorge getragen zu haben,  dass seine Bücher alle die gleiche Länge hätten und nichtsdestoweniger den Jahren Alexanders entsprächen. Daher hat er in den hinteren Büchern einiges, was in früheren Jahren geschehen war, in die Bücher für das jeweils folgende Jahr verlegt, wie er selbst zu Beginn des sechsten Buches in unserer Einteilung bezeugt, wo er begründet, warum er einige Geschehnisse aus dem sechsten Jahr Alexanders in das siebte Jahr verlegt hat.

Im ganzen Geschichtswerk wird dennoch (so sehr folgt Curtius dem Diodorus) auf eine gleichmässige Buchlänge geachtet, so dass es geradezu beschämend ist, dass bisher keiner bemerkt hat, dass das vierte Buch hier doppelt so lange wie die anderen ist und (was noch mehr stört) die Geschichte zweier Jahre enthält, während die übrigen Bücher jeweils nur über ein einziges Jahr berichten. Der gleiche Irrtum tritt in dem allgemein als das zehnte bezeichneten Buch auf, während es in Wirklichkeit das elfte und zwölfte ist. Und vom elften ist kaum ein Drittel übrig; vom zwölften kaum die Hälfte. Vom elften fehlt der Schluss; vom zwölften der Anfang.

Das ist mein kritisches Urteil über diese Bücher; und jeder wird es für zutreffend befinden, wenn er die Alexandergeschichte gründlich betrachtet hat.  Denn mit anderen Leuten halte ich mich gar nicht auf. Und ich werde mit niemandem gerne über eine Tatsache streiten, die zum einen klar zu Tage liegt, und zum anderen gar nicht besonders wichtig ist.

 

92. Zwei Arme brechen gleichsam in der Mitte dieses Landes empor

Es wird aus dieser Stelle heraus deutlich, wie die Autoren diesen Teil des Nordens allzu eng bemessen haben, womit sie Herodot gefolgt sind. Hyrkanien alleine nämlich vollzieht nicht diesen Bogen in Halbmondform. Und die Völker, die er hier aufzählt, leben nicht nördlich dieses Meeres, sondern westlich und sehr weit voneinander entfernt, vor allem aber die Kerketen und Leukosyrer, von denen die einen im Bosporusgebiet, die anderen bei Themiskyra wohnen; mit Bezug auf diese Stadt wird der Autor wenig später auch die Amazonen beschreiben. Die Chalyben leben bei Pharnakia, wie Strabo in seinem zwölften Buche sagt. Ptolemaios verortet die Wohnstätte der Amazonen in der Gegend oberhalb der Alexandersäulen beim Flusse Rha, der heute bei den Ruthenen bzw. Moskowitern Wolga, bei den Tartaren Edel heisst. Südlich von ihnen hat er die Türken (Turcos) verortet, auch wenn wir in den griechischen und lateinischen Büchern diesen Namen korrumpiert als Tusken (Tuscos) lesen. Das Moschische Gebirge verortet Ptolemaios südlich der Iberer und Albaner. Es grenzt aber an das Kaspische Meer. Strabo sagt im elften Buch: Moschia ist dreigeteilt: denn einen Teil bewohnen die Kolcher, einen Teil die Iberer, einen Teil die Armenier. Über die Ausdehnung des Moskowiterreiches, der heute am meisten ausgedehnte Region, könnte hier ein Kommentator viel sagen, aber nicht ein Annotator.