Francesco Ciceri Brief an Hieronymus Frick über die Nachahmung Ciceros

Print Einführung: Sandra Clerc (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 20.01.2026

Entstehungsdatum: 15. Mai 1547.

Ausgaben: Francisci Cicereii epistolarum libri XII et orationes quatuor: M. Maphaei filii epistolarum liber singularis et aliorum varia quae omnia ex mss. codicibus nunc primum in lucem prodeunt adiectis illustrationibus et Francisci vita, cura et studio d. Pompeii Casati, Bd. 1, Mediolani, Typis imperialis monasterii S. Ambrosii Maioris, 1782, 132-143 (Text und Anmerkungen); Francesco Ciceri, Epistole e lettere (1544-1594), hg. von S. Clerc, Bd. 1, [Bellinzona], Edizioni dello Stato del Cantone Ticino, 2013, Nr. 110, 183-192 (Text und kritische Anmerkungen).

 

Francesco Ciceri (1527-Mailand, 1596) kam in Lugano als Sohn des aus der Provinz Como stammenden Maffeo und der Elisabetta, geborene Carentani, zur Welt und ist heute vor allem als leidenschaftlicher Sammler von Druckwerken und Manuskripten bekannt. Er baute eine wertvolle Privatbibliothek auf, die nach seinem Tod von Kardinal Federico Borromeo erworben wurde. Diese umfasste eine sehr grosse Anzahl gedruckter Ausgaben sowie mehr als zweihundert Manuskripte, manche davon besitzen herausragende Bedeutung: darunter die ältesten Zeugnisse der umfangreichen Sammlung der Cicero-Briefe, heute Ambr. E 14 inf. und E 15 inf., sowie das Manuskript E 153 sup., das für die Überlieferung der Abhandlung von Quintilian von wesentlicher Bedeutung ist.

Ciceri war Schulmeister im Tessin und später Rhetorikprofessor in Mailand. Er verfasste mehrere Werke, die grösstenteils unveröffentlicht geblieben sind: humanistische Kommentare zu griechischen und lateinischen Texten, Festreden und Arbeiten, die sein Interesse an Epigraphik und Altertümern belegen. Besonders erwähnenswert sind zwei Sammlungen antiker Inschriften, die in der Tradition anderer gelehrter Werke stehen, die für den lombardischen Humanismus des 16. Jahrhunderts charakteristisch sind. Hinzu kommen zahlreiche Briefe, die in der Ausgabe seiner umfangreichen Korrespondenz in lateinischer und volkssprachlicher Sprache zusammengestellt sind und knapp tausend Texte umfassen. Dieses Werk, das erstmals in einer zweibändigen Ausgabe der Reihe Testi per la storia della cultura della Svizzera italiana veröffentlicht und kommentiert wurde, umfasst die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, von Ciceris Niederlassung in Lonate Pozzolo im Jahr 1544 als Hauslehrer der Kinder des Grafen Giovanni Battista Visconti bis zum Vorabend seines Todes.

Der wichtigste Zeuge für die Korrespondenz in der Volkssprache ist die von Ciceri selbst zusammengestellte handschriftliche Sammlung, die heute unter der unter der Signatur ms 665 in der Biblioteca Trivulziana in Mailand aufbewahrt wird. Für die lateinischen Briefe muss man sich hingegen auf die im 18. Jahrhundert von Abbé Pompeo Casati veröffentlichte Ausgabe stützen. Einige von Ciceri verfasste oder an ihn gerichtete Briefe wurden ebenfalls in verschiedenen italienischen und europäischen Bibliotheken gefunden.

Neben rein familiären Briefen an Verwandte oder Freunde finden sich Empfehlungsschreiben, Verhandlungen über den Kauf von Büchern oder Immobilien, Ermahnungsbriefe, gelehrte humanistische Diskussionen sowie Texte, die mit seiner Rolle als Lehrer und Professor in Zusammenhang stehen. Im Allgemeinen zeichnen sich seine lateinischen Briefe durch eine ausgefeiltere Form und einen eleganteren Stil aus als die Briefe in der Volkssprache, unter denen sich jedoch auch einige befinden, die vom Autor lange überarbeitet und ausgefeilt wurden. Von dem gesamten für die Ausgabe ausgewählten Corpus ist ein Drittel der Briefe in Latein und zwei Drittel in der Volkssprache verfasst: ein bemerkenswertes Verhältnis in einer Zeit, in der sich der Brief in der Volkssprache endgültig durchgesetzt hatte. Diese Vorliebe für lateinische Epistolographie scheint jedoch selbst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts charakteristisch für kleinere Humanisten und Schulmeister zu sein.

Die Briefe liefern wertvolle biographische Informationen über den Autor, seine Beziehungen zu Lugano und der Lombardei, seine Kultur und seine pädagogische Tätigkeit: Fast alle, die zwischen dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts öffentliche Ämter in Mailand bekleideten, waren seine Schüler. Diese Dokumente veranschaulichen auch die wesentliche Rolle Ciceris als Vermittler zwischen der italienischen Kultur und der nordalpinen Welt und liefern neue Informationen über die Persönlichkeiten, mit denen er verbunden war: Gelehrte, Notabeln, Drucker, aber auch Künstler und Sammler. Unter ihnen befinden sich der Luganer Arzt Andrea Camozzi, Hieronymus Frick, Landvogt von Mendrisio (mit Sitz in Lugano), Marc-Antoine Majoragius, der sein Mentor war und ihn in die politische und gelehrte Elite Mailands einführte; die Drucker Paolo Manuzio in Venedig und Jean Oporin in Basel; sowie die lombardischen Adligen und Gelehrten Annibale della Croce, Ottaviano Ferrari und Bartolomeo Capra, seine Mäzene.

Die Kontakte zwischen Ciceri und Oporin sind besonders interessant, da es zum Teil dieser Verbindung – und einer geschickten Selbstvermarktung – zu verdanken ist, dass der junge Tessiner von Majoragius in Mailand als Lehrassistent eingestellt wurde, was ihm den Weg zu einer glänzenden Karriere ebnete.

Die Jahre, die Ciceri im Tessin verbrachte, boten ihm die Gelegenheit, Beziehungen zu knüpfen, die für seine weitere Laufbahn entscheidend waren. Laut Giuseppe Zoppi, emeritierter Professor für italienische Literatur an der ETH Zürich, gelang es ihm, «der Mann zu sein, an den sich alle [Luganeser] im Bereich des Studiums wandten, um Rat und Hilfe zu erhalten». In diesem Zusammenhang sind auch seine engen Beziehungen zum Berner Hieronymus Frick zu sehen, dem Vertreter der zwölf Orte in ihrer gemeinen Herrschaft (Vogtei) Mendrisio.

Ciceri wandte sich vermutlich dank Frick, der Verbindungen zum nordalpinen Verlagswesen unterhielt, an den Basler Drucker Oporin; Frick scheint übrigens ein Schüler Oporins gewesen zu sein, dessen Lehrtätigkeit gut dokumentiert ist. Die seit 1546 belegte Freundschaft mit dem Berner Hauptmann ermöglichte es Ciceri, seine Kenntnisse über die Werke der wichtigsten deutschsprachigen Humanisten zu vertiefen, wie die Verse zeigen, die er zu Ehren von Frick verfasste:

Clara ferax hominum est doctorum Helvetia tellus
Inclyta, felici sydere nacta polum.
Hinc lauro ornatus Glareanus, dulcia Phaebo
Qui canit ad latiam carmina multa chelyn;
Hinc quoque nunc floret natus Ceporinus olim,
Cui triplici lingua verba diserta sonat;
Hinc Frisius, valeat qui quantis artibus ipsa
Testantur cusit quae bene scripta modo.
Gesnerum peperit concors Helvetia, Chiron
Centaurus medica quo fuit arte minor.
Clauserii haec patria est, tantum cui sydera nota,
Haec Maiae quantum nota fuere patri.
Multos praeterea fama quam maxima tellus
Et pontus norunt astraque celsa poli,
Quos tulit Helvetia haec regio, praeclara sequentes
Castra laboratae Palladis [...].
Te tulit haec etiam doctis numerandus in illis,
Qui Frick es Bernae gloria, fama tuae:
Qui quoniam numeras me caros inter amicos
Vix dicam quantum gratuler ipse mihi.

Die Schweiz ist ein berühmtes Land, reich an Gelehrten,
Ruhmreich, sie hat unter einem günstigen Stern ihren Platz unter dem Himmel gefunden.
Aus ihr stammt der mit Lorbeer gekrönte Glarean, der dem Phöbus
So viele liebliche Lieder zum Klang der lateinischen Leier singt;
In ihr erblüht nun auch der einst in geboren Ceporin,
Dessen beredte Sprache in drei Sprachen erklingt;
Aus ihr stammt auch Frisius, dessen gut geschriebene Werke bezeugen,
In welchen Wissenschaften er sich auszeichnet;
Die harmonische Schweiz hat Gessner hervorgebracht, dem
Der Zentaur Chiron in der Heilkunst unterlegen war.
Sie ist die Heimat von Clauser, der die Sterne so gut kennt,
Wie sie dem Vater der Maia bekannt waren.
Das hoch ruhmreiche Land, das Meer, die hohen Sterne am Himmel
Haben viele andere Männer gekannt,
Die diese Schweizer Region hervorgebracht hat
Und die den illustren Heerscharen der fleissigen Pallas folgen […].
Dieses Land hat auch dich hervorgebracht, den man zu den Gelehrten zählen muss,
Der du, Frick, der Ruhm und das gute Ansehen deiner Heimatstadt Berns bist:
Da du mich zu deinen lieben Freunden zählst,
Kann ich kaum sagen, wie sehr ich mich darüber freue.

Über Frick erhielt Ciceri auch Zugang zu Erasmus’ Ciceronianus. In diesem Zusammenhang schickte er ihm seine eigene Stellungnahme zur Frage der Nachahmung, in der der Einfluss des niederländischen Humanisten offensichtlich ist, angefangen bei den – oft ironischen – Beispielen, mit denen er die Befürworter einer sklavischen Nachahmung der Sprache und des Stils Ciceros verspottet. Ciceri bekräftigt die Notwendigkeit, dem Vorbild Ciceros zu folgen, jedoch mit Mass, und schlägt eine lange Liste antiker und moderner Autoren vor, die es wert sind, ebenfalls berücksichtigt zu werden.

Die Gelegenheit zur Meinungsäusserung ergab sich für ihn auch aus einer Diskussion über die Lektüre der Decisiones des Majoragius, die als Antwort auf die Disquisitiones des Ferraresers Celio Calcagnini verfasst wurden. In diesem Brief-Traktat korrigiert Ciceri die Interpretation, die Frick für das Werk von Majoragius vorschlägt, indem er sich auf eine andere Schrift des Mailänders bezieht, die beide kannten: die Rede De mutatione nominis. Kurz darauf schickte er sie an Oporin und knüpfte so wieder Kontakte zu seinem Lehrer.

Ciceri, der 1548 nach Mailand gekommen war, blieb bis 1550 bei Majoragius, dem Jahr, in dem er eine eigene Schule mit angeschlossenem Internat zur Vorbereitung auf die universitären Studien eröffnete. Im Jahr 1561 wurde er zum öffentlichen Lektor für Rhetorik ernannt. Von diesem Zeitpunkt an bis zu seinem Tod widmete er sich offenbar erfolgreich dem öffentlichen und privaten Unterricht und erlangte dabei auch einen gewissen wirtschaftlichen Wohlstand, der sich vor allem in der Zusammenstellung seiner reichhaltigen Bibliothek widerspiegelt.

Der hier präsentierte Brief ist also eine lange humanistische Abhandlung, die sich in sechs Teile gliedern lässt. Um den Leserinnen und Lesern die Lektüre zu erleichtern, bieten wir eine kurze Zusammenfassung an.

1. Einführung: Hommage an Hieronymus Frick

Ciceri beginnt seinen Brief mit einem lobenden Wort für seinen Korrespondenzpartner, den Berner Juristen und Gelehrten Hieronymus Frick. Er preist dessen umfassende Bildung, seine Redegewandtheit und seine Güte. Dieser rhetorische Ton der Freundschaft und Bewunderung ist nicht nur reine Höflichkeit: Er stellt die Diskussion in den Rahmen eines humanistischen Dialogs, der auf dem Austausch von Wissen und der Suche nach der Wahrheit basiert.

2. Der Ausgangspunkt: eine Diskussion über Majoragius

Der Autor berichtet von einem Gespräch, in dem Frick den Stil und die Gelehrsamkeit von Marc-Antoine Majoragius lobte und gleichzeitig dessen These diskutierte: Laut Majoragius lassen sich die Reinheit und Eleganz des Lateinischen nur durch die Nachahmung Ciceros erlangen. Diese Idee dient als Ausgangspunkt für eine umfassendere Reflexion über die Nachahmung antiker Autoren und insbesondere über die einzigartige Stellung Ciceros als Vorbild für Beredsamkeit.

3. Das Cicero-Lob

Der Autor erkennt Cicero als das höchste Vorbild lateinischer Beredsamkeit an. Er stellt ihn über alle Alten und Modernen: Weder Caesar, noch Sallust, noch Vergil, noch irgendein Humanist (selbst Erasmus, Poliziano oder Budé) kann sich mit ihm messen. Cicero hat seiner Meinung nach die lateinische Sprache zur absoluten Vollendung gebracht, so als hätte die Natur selbst ihn als den Gipfel der Redekunst erschaffen.

4. Die Gefahr der sklavischen Nachahmung

Der Autor unterscheidet sich jedoch von den «extremistischen Ciceronianern». Er lehnt diejenigen ab, die nur mit den Worten Ciceros sprechen wollen und jeden Begriff oder jede Wendung ablehnen, die nicht bei ihm zu finden sind. Diese Nachahmer und Papageien verstehen nicht, dass echte Nachahmung nicht darin besteht, Worte zu kopieren, sondern den Geist, die Methode und das Taktgefühl des Autors zu verinnerlichen.

5. Die wahre Nachahmung: eine geistige Assimilierung

Für ihn bedeutet die Nachahmung Ciceros, sich von seinem Geist, seiner Denkweise und seiner stilistischen Harmonie durchdringen zu lassen; nicht seine Sätze abzuschreiben, sondern auf seine Weise zu denken und zu sprechen; seinen Stil an neue Themen anzupassen, die Cicero nicht gekannt hat. Er vergleicht dies mit einem Maler: Zeuxis, der Helena malen wollte, kopierte nicht eine einzige Frau, sondern nahm die Schönheiten mehrerer Frauen, um ein Idealbild zu schaffen. Ebenso muss der Redner aus mehreren antiken Autoren schöpfen, aber Cicero zu seinem Schwerpunkt machen. Dieses Bild veranschaulicht ein grundlegendes Prinzip des Humanismus: die kreative Nachahmung. Sie ist keine Reproduktion, sondern eine lebendige Aneignung der antiken Kultur. Es ist auch eine Reflexion über die Bildung des Geistes: Das Lesen der Alten formt das Urteilsvermögen und den Geschmack.

6. Die zwei Typen von «Ciceronianern»

Der Autor unterscheidet schliesslich zwei Kategorien: einerseits die «guten Ciceronianer», gebildet, gelehrt, in den Wissenschaften und Künsten ausgebildet, die den Stil Ciceros an ihre eigenen Gedanken anzupassen wissen und die geistigen Erben Ciceros sind; andererseits die «schlechten Ciceronianer», die unwissend sind, in ihrem Fanatismus Cicero wortwörtlich zitieren, seinen Stil ohne den dazugehörigen Inhalt verehren und nur «Spatzen und Papageien» ohne Urteilsvermögen und echte Beredsamkeit sind. Dieser Gegensatz fasst die gesamte Spannung der humanistischen Debatte zusammen: Form gegen Substanz, Tradition gegen Erfindung. Der Autor plädiert für eine intelligente, freie und kultivierte Nachahmung, die eher dem Geist Ciceros als seinem Wortlaut treu bleibt.

Der Text endet mit einer Rückkehr zu Frick, dem der Autor sein Urteil anvertrauen möchte, «nicht um zu lehren, sondern um (sich) korrigieren zu lassen». Er schliesst in einem zugleich liebevollen und gelehrten Tonfall, ganz im Stil humanistischer Korrespondenz. Der Schluss unterstreicht den dialogischen und freundschaftlichen Charakter des Briefes: Die Suche nach der Wahrheit ist ein gemeinsames Werk, das auf Diskussion und Bescheidenheit basiert.

Dieses Werk ist somit zugleich ein Manifest des rhetorischen Humanismus des 16. Jahrhunderts, eine Vermittlung zwischen dem Erasmianismus (flexible, universelle Nachahmung) und dem puristischen Ciceronianismus (ausschliessliche Nachahmung) sowie eine moralische Reflexion über wahre Bildung: Der gebildete Mensch kopiert nicht, er versteht und transformiert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Autor Cicero vor den Ciceronianern retten will: Er möchte sein lebendiges Genie vor denen bewahren, die es auf eine verbale Mechanik reduzieren.

 

Bibliographie

Ciceri, F., Epistole e lettere (1544-1594), hg. von S. Clerc, 2 Bde., [Bellinzona], Edizioni dello Stato del Cantone Ticino, 2013.