Des Heinrich Glarean, Poeta Laureatus, Gedicht über die Schlacht der Schweizer Eidgenossen, die in Naefels geführt wurde gegen Leopold von Österreich, den Sohn des bei Sempach getöten Leopold I., im Jahre des Herrn 1388, am 9. April
Übersetzung (Deutsch)
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Ich will über die berühmten Kriege hochherziger Männer schreiben, | |
Aber die kastalischen Musen haben mir die göttliche Entzückung entzogen | |
Und die fliessenden Ströme, die aus der aonischen Felswand hervorströmen. | |
Deshalb bitte ich euch, ihr hellsten Himmelslichter, | |
Die ihr in der Ewigkeit an den Tischen der Himmlischen Platz genommen habt, | 5 |
Gewährt mir meine Wünsche, Fridolin, Führer des begrabenen | |
Eigentümers, und Hillarion, Patron der Kinder, derer man sich sehr zu schämen hat, | |
Ihr Herren und heiligen Penaten des Vaterlandes. | |
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Hier erschien einst, als die kraftlosen Götterbilder auf dem Erdkreis | |
Zerstört worden waren und die vielgefeierte und angenehme Religion Jesu | |
Erstrahlte – die mondleere Finsternis wich dem Licht –, | 40 |
Mars: Erschrocken ruft er alle seine Bündner | |
Zusammen, Flammen fliegen aus seinem Mund; während er seine Augen rollt, | |
Breitet sich der Strahl seines Blicks in der Luft als zitternder Funken aus. | |
Er war zornig: Du hättest sehen können, wie er mit seinen stinkenden Zähnen knirschte und sie zusammenbiss | |
Und seine schlüpfrige Zungenmuskel zitterten und seine Augen | 45 |
Sich verwirrt bald grünlich und bald dunkelblau färbten. | |
Die Eumeniden, die drei vom Gift der Gorgonen angeschwollen Monster, | |
Stürzen herbei und grüssen den Gott mit einem kreischenden Ruf. | |
Es war Nacht und der heitere Schlaf, der über den Erdkreis hinweg | |
Die Zügel der Lethe führte, besänftigte die Herzen der Sterblichen mit lieblicher | 50 |
Ruhe; die Erde war von Finsternis bedeckt | |
Und sah kaum die Sterne rötlich am Himmel strahlen. | |
Da rief Mars mit einem Seufzen aus: «Oh unsägliche Zeiten! | |
Oh Reich des Jupiter, du gleichst einer kleinen Hütte, die niemand grüsst, | |
Und die keine Herden mehr aufsuchen; seine Macht | 55 |
Gleicht sehr einem Irrweg und einem sehr kleinen Kreis! | |
Wir haben unsere Kraft verloren und sind auf Gyaros gefangen, wir werden vom Euros | |
Gepeinigt, und doch ist unsere Zusammenkunft um nichts geringer als sonst. | |
Ach, meine Gefährten, wir werden vom Schicksal übel mitgenommen; lasst uns, | |
Die ein hartes Problem bedrängt, versuchen, ein solches Unheil von uns abzuwehren!» | 60 |
Darauf antwortet die Tochter der Nacht dem Gott mit einer kurzen Rede: | |
«Ich werde Medikamente gegen die blassmachende Krankheit erfinden, | |
Ich bin in der Lage, dagegen verlässliche Heilmittel anzuwenden; | |
Zögere nicht: Ich erregte den Latiner Turnus, als Aeneas ankam, | |
Ich vermochte es, die Rutuler den Trojanern entgegenzustellen. | 65 |
Sag, wie oft die Erde von meinem Zorn erschüttert wurde | |
Und erglühte und das Meer mit römischem Blute vermischt | |
Dahinfloss, sei es im Bereich des Westwindes, sei es im Bereich des Ostwindes.» | |
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Sie lösen die Ratsversammlung auf, gehen weg und verlassen ihre Bündner. | |
Und schon fliegt Alecto von den rätischen Grenzen herab, | |
Sieht weithin das Reich von Noricum und umfasst mit ihrem Blick Vindeliciens Städte, | |
Steuerte die in ihrem ewigen Frost dastehenden Alpen an | 105 |
Und konnte schon die Quellen von Rhein und Donau sehen, | |
Und schliesslich betrat sie die Städte, die den Mauern der Schweizer am nächsten liegen. | |
Dass sie sich rächen sollen, rät und befiehlt sie, | |
Und flösst ihrem Innersten verborgenen Neid und Furiengift ein, | |
Poliert ihre Waffen und reicht den Männern Pfeile. | 110 |
Zorn und Wut verleiten den gierigen Geist in einem ungesunden Wirbel | |
Zu überstürzter Tat, es ist ihnen eine erfreuliche Vorstellung, die schweizerischen Brachäcker zu sehen. | |
Der junge Mann freut sich über sein Pferd, der Ältere erfreut sich an seinen strahlenden Waffen, | |
Und auch Alecto freut sich, dass sie die Jugend zu diesem Verbrechen überredet hat. | |
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Und schon näherten sie sich den Mauern. Pastillus hält von seinem hohen | |
Standpunkt aus Ausschau, er sieht die sich weit erstreckenden | |
Heerscharen, die einen ungeheuren Berg umstürzen könnten. | |
Xerxes trat nicht so mächtig auf in den hellespontischen Gefilden, | 550 |
Und auch Hannibal griff nicht mit so grossen Legionen die schneeweissen Alpen | |
An, kaum Dich, pelläischer Jüngling, Dareios. | |
Staunend merkte er, dass Loriti die Wahrheit gesprochen hatte. | |
Ach, und das allzusehr! – Sofort rief er Tschudi und Tolder | |
Und andere und fragte sie, welches Geschick den Massnahmen bevorstünde, die es nun zu ergreifen gelte. | 555 |
Die einen raten dazu, der monströsen Übermacht der Österreicher | |
Zu weichen, die anderen wollen kämpfen, | |
Zu welchem Ergebnis auch die Götter und die Himmelsmächte das wenden mögen, | |
Da ja nun einmal keine Rettungsmöglichkeit, wenn nicht einzig diese übrig sei. | |
Sie erheben sich sogleich, und dann ruft die Glocke mit ihrem Klöppel, «Tarantantera» | 560 |
Die Trommeln lassen ihren Laut bis hoch in den Himmel erschallen; nur eine kleine Schar | |
Kommt zusammen, aber die ist abgehärtet im Krieg und an Arbeit gewöhnt. | |
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Von den Assyrern schweige ich, von den Medern und den flüchtigen Parthern | |
Und den gierigen Persern. Wenn ich ihre Taten durchgehen soll, | |
Wenn es euch beliebt, euch Ihre Geschichten und ihre anstrengenden Mühen anzuhören, | |
Dann wird es Abend. Ich bitte euch, stellt euch unsere Vorfahren | |
Vor Augen, die weder die Welt noch das höchste Haupt der Welt | 615 |
Gefürchtet haben; ein Feind lässt sich als Zeuge heranziehen: | |
Julius berichtet, dass die Schweizer gegen ihn im Krieg so grosse Schlachten | |
Geschlagen haben und in zwei Schlachten | |
Mit dem wundenschlagenden Schwerte jeweils zwanzigtausend Soldaten | |
Erschlagen haben; Schild an Schild (eine wunderliche Sache), Mann an Mann | 620 |
Hingen sie unerschütterlich aneinander, hielten ihre Phalanx fest zusammen | |
Und die unerschütterte Schlachtreihe. Caesar erschrak vor diesem | |
Trotzigen Feind, der den ganzen Tag über ohne Ende wütete, | |
So dass er weder floh noch ihn um Vergebung bat, | |
Ihn, sage ich, den Herrn über Europa, Libyen und Asien. | 625 |
Lücke | |
Es wäre Schande, aus der Art zu schlagen, unsere Vorfahren zu verraten | |
Wäre schändlich: wir haben den gleichen Geist und auch dieselben Glieder. | |
Wir vollbringen etwas Lobwürdiges, wenn zu unseren Enkeln unser | |
Ruhm ebenso gelangt, wie er zu uns von unseren Vorfahren ungeheuer gross | |
Gekommen ist, wie er uns zu demselben Ereignis zwingt. | 630 |
Ungeheuer gross sind die Kraft des Vaterlandes und die Liebe zu ihm, welche die lebendige Tugend | |
Aufweckt und welche weder durch Wind noch durch irgendeinen Lufthauch verändert werden kann. | |
In dieser Situation gehen wir zugrunde oder vernichten gewaltsam den starken Feind, | |
Entweder er treibt uns fort oder wir strecken den Feind nieder. | |
Was auch geschehen mag, es wird uns vergönnt sein, auf die Götter zu hoffen.» | 635 |
Er hatte gesprochen; jene waren voller Begeisterung, weil ihre Furcht vertrieben worden war, | |
Sie waren begierig darauf, zu kämpfen, bereit dazu, ihre Geschosse zu werfen. | |
Für die Heimat zu sterben ist schön; eine brennende Kraft hatte ihre Gemüter entflammt, | |
Ihre Kräfte verdoppeln sich, als sie unter Waffen stehen. | |
Ihre Geschosse werden den Himmel verdecken und jeden Blick nach oben | 640 |
Unmöglich machen; sie wollen kämpfen und nicht ungerächt weichen. | |
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Diesem Wallen schauten die Mütter, die Jugendlichen und die keuschen Mädchen | 685 |
Schon lange von ferne, von der Bergspitze her, zu. | |
Ach, was sollten sie tun? Wohin sich wenden? Sie knien nieder | |
Und erhoben ihre beiden Hände schluchzend zu den Gestirnen empor. | |
«Allmächtiger Lenker und Vater der himmlischen Mächte, | |
Was für eine Untat konnte unser Volk vollbringen | 690 |
Und was habe unschuldige Männer anzustellen vermocht, die viele Sühnopfer darbringen liessen, | |
Über die dieses ungeheure Verderben hereinbricht? | |
O Vater des Himmels und der Erde, blicke wenigstens auf die unkriegerischen Mütter, | |
Auf die weinenden Knaben und die furchtsamen Mädchen! | |
Gib, wir bitten Dich, höchster König, dass wir das Ende unserer Leiden sehen! | 695 |
Es sei genug, dass neulich die ermordeten Gatten gefallen sind! | |
Du, Vater Fridolin, Du, grösster Bischof Hillarion, | |
Ihr Herren und heiligen Penaten des Vaterlandes, | |
Steht uns mit Gottes Hilfe fromm bei und seht das unsagbare Unglück, | |
Die Flut, in der dieser Euer Staat von Glarus versinkt.» | 700 |
Ihre Rede war beendet; der allmächtige Vater hatte sie vom Himmelspol her | |
Angehört. An ihn wendet sich Fridolin im klaren Himmel mit folgenden | |
Worten: «Was für einen Ausgang gewährst Du, König der Menschen und Götter, | |
Diesen Armen, was für einen ihren Angelegenheiten? | |
Ewiger Vater, der Du das Ewige mit einem ewigen Gesetz regierst, | 705 |
Schöpfer der Natur, dem alles gegenwärtig ist, | |
Hat nicht Deine grosse Macht mir dieses Tal | |
Zum Geschenk gemacht? Ist nicht etwa mir das steile Glarnerland | |
Geschenkt worden, als Du mir gewährtest die stinkenden Glieder | |
Des Herrn Ursus aus dem Grabe zu heben, als Du mir gewährtest, ihn als Zeugen | 710 |
Vor das Tribunal der Feinde zu holen, wo mich Unschuldigen die allzu verbrecherische Menge bedrängte | |
Und ausgelacht hätte, wenn ich mich nicht Deinem Schutz unterstellt hätte. | |
Gewähre, Schöpfer der Dinge, dass mein Volk endlich siegt! | |
Und Hillarion bittet um dasselbe; was nämlich wird uns Deine | |
Heilige Treue, diese höchst bedeutsame himmlische Gabe ihren Knechten, verweigern?» | 715 |
Darauf entgegnet gütig der allmächtige Vater: | |
«Lieber Fridolin, ich, dein Vater, habe dir nichts verweigert, | |
Und hat den Hillarion meine Milde nicht sogleich immer gehört | |
Oder nicht? Bemerke, dass der Vater nur zögert! | |
Es gefiel mir nicht ohne Grund, das kleine Völkchen auf die Probe zu stellen, | 720 |
Das sich vielen entgegenstellen muss, welches Vertrauen es zu mir hat, wenn es umzingelt ist. | |
Gehe rasch und gewähre dem kleinen Volk den Sieg! | |
Die stolzgeschwellten und gesetzlos hochmütigen Schwaben sollen zu Boden stürzen!» | |
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[...] Hierher wird die Schar der Glarner zuerst gedrängt | |
Durch die Gewalt der Schwaben. Fridolin ist da und der greise | |
Hillarion. Sie riefen: »Wir haben genug gesehen, dass die Männer dieses Völkchens | |
Standhaft sind und ihre Geisteshaltung treu ist: | 760 |
Wir helfen ihnen und die Macht, die wir allezeit verteidigen, | |
Die wollen wir auch nun ins Auge fassen: Steine als Waffen sollen | |
Den hochmütigen Schwaben zu Boden strecken.» Fridolin lässt vom heiligen Äther | |
Herab einen lauten Ruf ertönen und ruft seinem unerschütterlichen Völkchen zu: | |
«Siegt!» So ruft er: Die reissen rasch mit fliegenden Waffen | 765 |
Die Lage an sich, prasselnd stürzt ein Steinhagel hernieder. | |
Erst stutzte der Schwabe, dann wankt der waffenkräftige Ritter | |
Und die Phalanx der Österreicher wird ganz in ihre Teile | |
Auseinandergerissen; im Glarner Soldaten entbrannte die Tapferkeit. | |
Da erwachsen plötzlich in der mutigen Brust doppelte Kräfte, | 770 |
Der flüchtige Schwabe vermochte nicht dagegen zu halten, | |
Aber er drehte auch nicht um. Wie eine Menge einem schnaubenden Eber | |
Mit ihren Geschossen zusetzt, und jener, von Zornesglut und Wut entflammt, | |
Wild, mit bitterem Blick die leere Luft ganz mit seinen Zähnen | |
Zerreisst, fletschend sucht er ungerächt Rache zu üben, | 775 |
Dann stöhnte er besiegt auf und blieb auf dem weiten Acker liegen: | |
So wird der Schwabe, dem weder sein Schild hilft noch seine Rechte, die er | |
Vor seinem Helm übermütig bewegt, noch seine ungeheure Heeresmacht, so wird | |
Er von Steinen begraben und von den von allen Seiten auf ihn geworfenen Geschossen. | |
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Inzwischen wird der alte Konsul fröhlich von den Bündnern | |
Und der mutigen Heerschar auf den Burgberg von Glarus getragen. | |
Von ferne kamen am Gipfel des Berges die Mütter zusammen und klatschten | 885 |
Beifall, rings um sie standen Knaben und heilige Mädchen, | |
Und sie sangen Gott und ihren heiligen Penaten zusammen | |
Hymnen, eilen zu den Männern hin und singen Lieder. | |
Der Konsul aber, von einer ungeheuren Heerschar umgeben | |
Bemüht sich die Männer anzusprechen und dem Volke folgenden Ratschlag zu geben. | 890 |
Ein Herold gebietet den Schlaflosen tiefes Schweigen, | |
Und von seinem hohen Sitz lässt sich der Vater selbst vernehmen: | |
«Oh Vaterland, glücklicher als andere, welches das heilige Wirken der Heiligen | |
Begünstigt, und das ja hoch oben im Himmel über Fridolin und | |
Hillarion verfügt, das Du mit angemessener Gerechtigkeit die himmlischen Penaten | 895 |
Verehrst und von Deinen Mauern die Feinde abwehrst, | |
Die allzu sehr die wilde Herrschbegierde | |
Und die unterdrückte Gerechtigkeit mit sich reisst und die brennende Begierde | |
Nach unseren Müttern (das ist ein Frevel!) und unseren keuschen Mädchen. | |
Ach, wie viele Schreie erklangen in dem armen Land, | 900 |
Wir wagten kaum, mit den Zähnen zu knirschen, und vermögen nicht, dagegen einzuschreiten, | |
Die Macht Gottes hat den irdischen Kräften Verderben gebracht, | |
Himmlische Herren, nicht irdische Gefässe | |
Oder Leute mit geschwollenem Bauch oder unverständig Hochmütige, | |
Hat Gott uns gegeben. Wir wollen mithilfe der Kraft der Himmlischen danach streben | 905 |
Die begrabene Gerechtigkeit wiederherzustellen und die steil im hohen Äther gelegenen | |
Festungen ausrauben und die Burgen zerstören, die auf den Hügeln liegen. | |
Dies eine, mein Volk, jenes eine vor allem | |
Lege ich Euch ans Herz, wiederhole es wiederum und werde euch dazu ermahnen, weil es wahr ist: | |
Fürchte Gottes Gebote und verehre die heiligen Penaten!» | 910 |