Gessner-Biographie

Josias Simler

Einführung: Kevin Bovier (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.


Entstehungszeitraum: zwischen dem 13. Dezember 1565 (Gessners Todesdatum) und dem 24. Februar 1566 (Datum des Widmungsbriefs).

Ausgabe: Vita clarissimi philosophi et medici excellentissimi Conradi Gesneri Tigurini, Zürich, Froschauer, 1566, fol. 4ro-20ro, hier: fol. 16ro-vo.

 

Josias Simler, der seit 1564 als Scholarch am Grossmünster wirkte, verfasste als Reaktion auf den Tod seines Landsmanns Conrad Gessner (13. Dezember 1565) eine Biographie dieses grossen Gelehrten und Naturforschers. 1563 hatte Simler schon eine Biographie über Peter Martyr Vermigli (1499-1562) veröffentlichte, der als Professor für alttestamentliche Theologie in Zürich sein Vorgänger gewesen war. Etwa zehn Jahre nach der Vita Gesneri zeichnete er auch das Leben seines Schwiegervaters Heinrich Bullinger (1504-1575) nach. Die Gessner-Biographie unterscheidet sich von den beiden anderen genannten dadurch, dass der Naturforscher keine bedeutende Gestalt des Protestantismus gewesen war. Simler konzentrierte sich daher auf andere Aspekte wie Gessners Gelehrsamkeit und den exemplarischen Charakter seines Lebens. Tatsächlich hat der Biograph – wie Irena Backus zeigen konnte – derart einen pädagogisch ausgerichteten Text geschaffen, der den jungen Studenten seiner Zeit ein Beispiel für moralisches Verhalten vor Augen stellen sollte. In der vita wird diese Zielsetzung deutlich durch die häufig in den Text eingeschalteten Reflexionen darüber, auf welche Weise man sich am besten Kenntnisse erwerben und sich dabei von Gessner inspirieren lassen kann. Simler nennt darin auch kurz die wichtigsten Abhandlungen Gessners, wobei er einen besonderen Platz der Historia animalium zuweist, die er für Gessners Hauptwerk hält. Im Übrigen wird die Bedeutung der Naturwissenschaften (auch wenn dieser Begriff noch nicht existiert) vom Autor der vita besonders hervorgehoben; er weist nach, dass derartige Studien nicht nur für die Medizin und die Literatur, sondern auch für das Leben im Allgemeinen nützlich sind. Dagegen werden das Leben und die Laufbahn Gessners am Ende nur kurz angesprochen.

Die Vita Gesneri weist eine komplexe Gliederung auf, die hier nicht wiedergegeben werden kann; Froschauers Ausgabe ist indes mit zahlreichen Orientierung bietenden Randanmerkungen versehen, die sehr dabei helfen, sich in der Informationsmasse, die Simler bietet, zurechtzufinden. Der Auszug, den wir hier bieten, handelt von der Beziehung zwischen Gessners wissenschaftlicher Tätigkeit und seiner protestantischen Frömmigkeit. Simler präsentiert seinen Freund als Arzt und christlichen Gelehrten, der darauf bedacht ist, dass sein Werk der Kirche und den Theologen nützlich ist. Der Biograph bemüht sich, jede Einstellung, die Gessner zuschreibt, durch ein Beispiel zu illustrieren, selbst in dem moralisch ausgerichteten Teil seiner Darstellung: So beweist etwa der «gereinigte Martial» von 1544, dass sein Herausgeber ein grosses Moralbewusstsein besass. Es ist letztlich Gessners Polymathie, die in dieser Passage (und auch an deren Stellen der vita) besonders hervorgehoben wird; und dies immer im Hinblick darauf, dass sie der lernbegierigen Jugend als Beispiel dienen soll.

 

Bibliographie

Backus, I., Life Writing in Reformation Europe. Lives of Reformers by Friends, Disciples and Foes, Aldershot, Ashgate, 2008.

Schmid, B., «Simler, Josias», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 28.11.2011, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/015794/2011-11-28/.