Matthäus Schiner Brief an Adrian von Riedmatten
Entstehungsdatum: 21. August 1522.
Handschrift: Autograph, CH AEV, ABS, Tir. 102/39, vier Blatt Papier, 22x30 cm, Latein.
Edition: Albert Büchi, Korrespondenzen und Akten zur Geschichte des Kardinals Matth. Schiner. II. Band (von 1516 bis 1527), Basel, Geering, 1925, Nr. 841, 498-502.
Matthäus Schiners Biographie
Matthäus Schiner (1465–1522), Kardinal und Bischof von Sitten, geistliches und weltliches Oberhaupt des Wallis, spielte zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine wichtige politische Rolle auf europäischer Ebene. Er hat sich weder als Literat noch als Humanist einen Namen gemacht. Doch unterhielt er einen Briefwechsel mit den mächtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit, darunter König Heinrich VIII. von England, Kaiser Karl V. und die Päpste Julius II. und Leo X.
Der junge Matthäus Schiner stammt aus einer wohlhabenden Bauernfamilie aus dem Weiler Mühlebach bei Ernen im deutschsprachigen Oberwallis; er wird zu seinem Onkel Nikolaus Schiner geschickt, der damals Domherr in Sitten und Pfarrer in Ernen ist, um dort die Grundlagen des Lateinischen zu erlernen. Er setzt seine Studien in Sitten und Zürich fort, dann in Como, wo er Kenntnisse in Theologie, lateinischer Literatur und italienischer Sprache erwirbt. Bald übertrifft er seinen Lehrer Teodoro Lucino, der ihn manchmal bittet, ihn zu vertreten. Er zeichnet sich durch ein aussergewöhnliches Gedächtnis und eine bemerkenswerte Beredsamkeit aus. Nach seiner Rückkehr ins Wallis wird er zum Kaplan, Vikar und schliesslich zum Pfarrer von Ernen ernannt, einer sehr reichen und einflussreichen Pfarrei. Nach dem Tod des Bischofs Jost von Silenen wird sein Onkel Nikolaus Schiner dank der Unterstützung von Georg Supersaxo, dem Sohn von Bischof Walter Supersaxo, zum Bischof gewählt. Kurz darauf, im Jahr 1496, wird Matthäus Schiner zum Domherrn in Sitten ernannt und erhält bereits 1497 das Amt des Dekans von Valeria. Er beteiligt sich aktiv an der Verwaltung der Angelegenheiten des Sittener Domkapitels und vertritt immer häufiger seinen Onkel, den Bischof. Laut Josias Simler macht er sich als Pfarrer von Ernen einen Namen und wird geschätzt für sein umfangreiches theologisches, literarisches und juristisches Wissen, seine untadeligen, fast asketischen Lebensgewohnheiten (die so weit gehen, dass er auf dem Boden schläft, den Kopf auf ein Brett gebettet), und für seinen Gerechtigkeitssinn, dank dessen er Streitigkeiten unter den Dorfbewohnern schlichten kann. Dank seiner Qualitäten und der Unterstützung seines Onkels und von Georg Supersaxo gelingt es ihm, schnell die Stufen zum Bischofsamt zu erklimmen.
Bischof Nikolaus Schiner ist sich bewusst, dass ihm die nötige Energie fehlt, um die Rebellionen seiner Untertanen zu unterdrücken und den Intrigen des Königs von Frankreich entgegenzutreten, der die Walliser in sein am 16. März 1499 geschlossenes Bündnis mit den Eidgenossen einbeziehen will. Er tritt daher von seinem Amt zurück, d. h. er reicht beim Papst seinen Rücktritt ein. Dieser nimmt ihn an und ernennt daraufhin Nikolaus’ Neffen Matthäus zu seinem Nachfolger, ohne dass dieser zuvor die Zustimmung des Domkapitels von Sitten erhalten hat. Im Oktober 1499 wird Matthäus Schiner in der Basilika Santa Maria dell’Anima in Rom von Papst Alexander VI. zum Bischof geweiht. Sind es seine Beredsamkeit und Überzeugungskraft, die den Ausschlag geben, oder eher der Einfluss des Botschafters des Herzogs von Mailand beim Heiligen Vater? Währenddessen interveniert Georg Supersaxo im Wallis, um Schiners Rivalen, den Luzerner Peter von Hertenstein, den Neffen des Bischofs Jost von Silenen, zu zwingen, gegen eine finanzielle Entschädigung auf den Bischofssitz zu verzichten. Nach seiner Rückkehr aus Rom bezieht Schiner Ende Januar 1500 seine Bischofsresidenz in Sitten. Zu Beginn seines Episkopats engagiert er sich sehr für die Seelsorge im Wallis. Da er sich der Notwendigkeit einer Reform der Kirche voll bewusst ist, unternimmt er zwischen 1503 und 1505 sowie zwischen 1508 und 1509 mehrere Besuche in allen Pfarreien seiner Diözese. Bei dieser Gelegenheit spendet er das Sakrament der Firmung und bemüht sich, Verstösse und Missbräuche des Klerus energisch zu bekämpfen, indem er sehr genaue Anweisungen erteilt und für deren Umsetzung in jeder Pfarrei sorgt. Er ist auch ein Baumeister: 1505 ermöglicht er die Verlegung der Pfarrkirche von Raron auf den Hügel oberhalb des Dorfes, wo sich die Ruinen eines alten Turms befinden, den der Steinmetz, Architekt und Ingenieur Ulrich Ruffiner in eine Kirche umwandelt, deren Wände mit prächtigen Fresken geschmückt sind, die unter anderem das Jüngste Gericht darstellen. In Sitten fördert Schiner – zu seinem eigenen Ruhm und dem seines Onkels – die Fortsetzung der Wiederaufbauarbeiten an der Kirche St. Theodul, an der Stelle einer alten karolingischen Kirche, die abgerissen worden war. Auch diese Arbeiten werden unter der Leitung von Meister Ulrich Ruffiner durchgeführt. Schiner ermutigt Wohltäter, sich zu melden, und erhält zu diesem Zweck einen von 22 Kardinälen unterzeichneten Ablassbrief, laut dem alle Gläubigen, die sich bereit erklären, zum Bau oder zur Verschönerung des Gebäudes beizutragen, 100 Tage Ablass erhalten. Um diese Einnahmen zu ergänzen, schickt er Spendensammler durch seine gesamte Diözese. Die Kirche bleibt unvollendet und bis 1644 ohne Gewölbe, da die Arbeiten nach Schiners Gang ins Exil im Jahr 1517 eingestellt werden.
Papst Julius II. teilt mit Schiner eine gewisse Vorliebe für den Krieg. Er hofft, im angespannten Kontext der Italienischen Kriege auf ihn zählen zu können, um die militärische Unterstützung der Schweizer zu erhalten. Als Dank für die diplomatischen Dienste, die ihm der Bischof von Sitten erwiesen hat, insbesondere durch die Förderung Bündnisschlusses zwischen dem Papst, den Eidgenössischen Orten und dem Wallis (14. März 1510), verleiht er ihm 1511 die Kardinalswürde, mit Santa Pudenziana als Titelkirche (Schiner wird somit Kardinalpriester dieser Kirche). Durch seine rhetorische Überzeugungskraft gelingt es dem Kardinal, die Schweizer von einem neuen Bündnis mit dem König von Frankreich abzubringen, der 1513 in Novara von den zahlenmässig unterlegenen Schweizer Söldnern besiegt wird. Dank dieses Sieges werden die Franzosen aus Italien vertrieben, und das Herzogtum Mailand gelangt zurück an Maximilian Sforza, den Sohn Ludovico Sforzas. Dieser glänzende Sieg von Novara ist ein weiterer Erfolg für Schiner, und der Beweis, dass er das Vertrauen verdient, das Julius II. in ihn gesetzt hat. Zu diesem Zeitpunkt befindet er sich auf dem Höhepunkt seines Ansehens.
Georg Supersaxo, zunächst ein guter Freund von Matthäus Schiners, wird zu dessen erbittertstem Feind, als er während der Italienischen Kriege den König von Frankreich unterstützt. Schiner hingegen kämpft, zweifellos aus Angst, die Franzosen könnten durch das Herzogtum Mailand bis an die Grenzen des Wallis vordringen, unerbittlich gegen sie, um sie aus Italien zu vertreiben. Der eigentliche Grund für ihren Bruch ist genau genommen der Abschluss eines Bündnisses zwischen dem Wallis und dem französischen König Ludwig XII. im Jahr 1510, dessen Unterzeichnung die Anhänger von Supersaxo unter Waffengewalt und gegen den Willen von Bischof Matthäus Schiner vom Grossvogt erzwingen. Der Hass dieser beiden grossen Persönlichkeiten führt das Wallis, das in zwei Lager gespalten ist, an den Rand eines Bürgerkriegs; es kommt zu Inhaftierungen, Folterungen, Exkommunikationen, Hinrichtungen und verbaler wie körperlicher Gewalt. Mehrere Anhänger Supersaxos werden der Majestätsbeleidigung (gegenüber Schiner) und des Hochverrats beschuldigt, inhaftiert und vor Gericht gestellt, unter Folter verhört und zum Tode verurteilt.
Nach dem Tod von Julius II. wird Leo X. Papst, und nach dem Tod von Ludwig XII. wird Franz I. König von Frankreich. Diese Veränderungen haben direkte Auswirkungen auf Schiner, der sich mit diesen neuen Herrschern arrangieren muss. Bei der schrecklichen Niederlage von Marignano am 13. und 14. September 1515 verteidigen die Schweizer zusammen mit ihren Verbündeten, Papst Leo X. und Kaiser Maximilian I., die Mailänder gegen den französischen König Franz I. Schiner, damals Oberbefehlshaber der Schweizer Truppen und päpstlicher Legat, gibt sich nicht geschlagen. Er flüchtet nach Innsbruck zum Kaiser und versucht ihn zu überzeugen, einen neuen Feldzug zur Befreiung Mailands zu starten. Die Zahlungsschwierigkeiten der kaiserlichen Armee und die Uneinigkeit der Truppen führen jedoch im Frühjahr 1516 zum Scheitern des Vorhabens. Bereits zuvor, insbesondere aber im weiteren Verlauf des Jahres 1516, unternimmt Schiner intensive diplomatische Bemühungen, um ein neues Bündnis zwischen dem englischen König Heinrich VIII., Karl von Kastilien (dem späteren Karl V.), Kaiser Maximilian I. und dem Papst gegen den König von Frankreich zu schmieden. Gleichzeitig versucht Richard Pace, der englische Botschafter bei den Eidgenossen, diese daran zu hindern, einen Vertrag mit dem König von Frankreich abzuschliessen. Nach einem Treffen mit Kaiser Maximilian in Augsburg im September reiste Schiner inkognito und verkleidet nach England. Ab Mitte Oktober hält er sich bei König Heinrich VIII. auf, wo er mit grosser Hochachtung empfangen wird. Sein Einfluss ist zweifellos entscheidend für den erfolgreichen Bündnisabschluss am 29. Oktober 1516. In einem sehr scharfen Breve vom 19. November desselben Jahres macht Papst Leo X. Schiner jedoch heftige Vorwürfe: Weit davon entfernt, diesem Bündnis zuzustimmen, missbilligt er sogar die Vorgehensweise seines Kardinals, der allzu sehr dazu neigt, Kriege zwischen Christen zu fördern, Kriege, die dem Papst höchst ungelegen kommen... Er sieht eine Kluft zwischen seinem eigenen Denken, das «ganz auf Frieden und gemeinsame Eintracht ausgerichtet» ist, und Schiners Neigung, «sich nicht nur selbst in gottfeindliche Handlungen einzumischen, die dem Heil des gläubigen Volkes zuwiderlaufen», sondern auch ihn, den Papst, in dieselben kriegerischen Unternehmungen zu verwickeln, obwohl diese mit seiner Würde unvereinbar sind. Der Kardinal wage es sogar, den Namen und die Autorität des Papstes zu missbrauchen und seinen Ruf zu gefährden. Mit viel Eleganz im Ausdruck und grosser Entschiedenheit wendet sich der Papst gegen Schiner und seine kriegerischen Machenschaften: «Wie kannst Du, der Du doch genau weisst, dass Wir nichts dergleichen erwogen oder Dir mitgeteilt haben, Dich von einer solchen Lüge dazu bringen lassen, Deinen Treueeid zu brechen?»
Im Wallis kommt es bereits 1510 zu Spannungen zwischen Matthäus Schiner, einem entschiedenen Anhänger des Papstes, und Georg Supersaxo, einem bedingungslosen Unterstützer des französischen Königs, sowie zwischen ihren jeweiligen Anhängern. Schiner, damals Bischof, zögert nicht, Supersaxo unter Angabe von hundert Anklagepunkten zu exkommunizieren und ihn in Rom vor Gericht zu stellen. Im Jahr 1517 verschärfte sich die Lage. Die Anhänger von Supersaxo belagern die Burg von Martigny (Martinach), die sich in den Händen von Peter, dem Bruder Matthäus Schiners, befindet; ihm gelingt jedoch die Flucht. Zu diesem Zeitpunkt erhält der Offizial von Sitten, Jean Grand, am 22. Februar 1517 von Papst Leo X. eine Bulle, in der Supersaxo (obwohl dieser bereits exkommuniziert ist) und seine Anhänger mit der Exkommunikation bedroht werden, sollten sie nicht alle Güter und Rechte, einschliesslich der Burgen, an die Kirche von Sitten zurückgeben. Als das Breve veröffentlicht wird, sind die Übergabe der Burg und ihre Brandschatzung bereits erfolgt, sodass die Drohungen wirkungslos bleiben. Einige Monate später befiehlt der Papst unter dem Einfluss des Königs von Frankreich seinem Nuntius Pucci, die Exkommunikation für anderthalb Monate aufzuheben. Im Jahr 1518, anlässlich des Besuchs des apostolischen Nuntius Sigismund Dandolo, der mit der Untersuchung des Streits zwischen Kardinal Schiner und den Zenden und der Aufhebung der vom Kardinal verhängten kirchlichen Strafen beauftragt ist, leitet der Grossvogt Simon In-Albon den in Sitten versammelten Landtag. Er übergibt dem Nuntius eine in sehr heftigen Ausdrücken verfaste Denkschrift gegen Kardinal Schiner. In dieser Situation erhält Schiner im Juli 1519 von Papst Leo X. eine weitere Exkommunikationsbulle gegen Supersaxo und seine Anhänger, die diesmal eine 200 Personen umfassende Namensliste enthält, darunter Mitglieder des Klerus und Vertreter mächtiger Familien des Landes. Angesichts der auf ihn zurollenden Welle des Hasses beschliesst Schiner Ende 1517, sich einer internationalen Karriere zuzuwenden. Er verbringt seine letzte Nacht in Münster vom 30. auf den 31. August 1517 auf der Flucht nach Altdorf. Danach kehrt er nie wieder ins Wallis zurück.
Angetrieben von seinem Hass auf die Franzosen bemühte sich Schiner ab 1516 im Namen von Kaiser Maximilian I., im Voraus einen Nachfolger für ihn zu finden und um jeden Preis zu verhindern, dass der Kaiserthron an den französischen König Franz I. gelangt. Der englische König Heinrich VIII. wird mehrfach kontaktiert, insbesondere von Schiner, aber er ist misstrauisch und lehnt 1518 schliesslich das Angebot der Kaiserkrone ab, so verlockend es auch ist. Von da an versucht Schiner, die Kandidatur des 18-jährigen Karl von Kastilien bei allen Kanzleien Europas zu fördern. Der junge Mann wird tatsächlich am 28. Juni 1519 nach dem Tod Maximilians I. am 12. Januar 1519 zum römischen König gewählt. Schiner jubelt zweifellos, und die Anerkennung des neuen Herrschers lässt nicht lange auf sich warten. Der frisch gewählte Kaiser Karl V. gewährt Kardinal Schiner in einem Schreiben vom 1. Juni 1519 eine Belohnung: eine jährliche Rente von 2000 Gulden bis zum Erhalt eines versprochenen kirchlichen Einkommens von gleichem oder sogar höherem Wert. Der König würdigt die Verdienste und den unermüdlichen Eifer seines Dieners gegenüber seinem Vorgänger Maximilian I. und seiner eigenen Person. Später nimmt Schiner am 23. Oktober 1520 an der Krönung des jungen Herrschers im Aachener Dom teil. Er nimmt dort übrigens einen der besten Plätze in der Prozession ein, wenn man einem Zeugen Glauben schenken darf: «Dem Kaiser folgte der Reihenfolge nach zunächst der Botschafter von Böhmen, alleine, danach schritten die Kardinäle von Sitten, Salzburg und Toledo einher.» In der Folge begleitet er Karl V. sehr oft, wird sein Berater und eines der Mitglieder der Kommission, die den Text des Wormser Edikts zur Verurteilung Martin Luthers während des Reichstags zu Worms (1521) verfasst.
Die Schlacht von La Bicoque im Jahr 1522 ist Schiners letzter grosser Triumph und verschafft ihm die immense Genugtuung, die Franzosen endlich dauerhaft aus Italien vertrieben zu haben. Nach dem Tod Papst Leos X. tagt das Konklave in Rom, um einen Nachfolger zu wählen, und das vor dem Hintergrund verschärfter Spannungen zwischen den Kardinälen, die den König von Frankreich unterstützen, und denen, die Kaiser Karl V. favorisieren. Der Name Matthäus Schiner wird unter den Favoriten genannt. Die Wahl fäll jedoch auf einen anderen Kardinal, der vom Clan der «Kaiserlichen» unterstützt wird, Hadrian VI., der bis dahin Karls V. Stellvertreter in Spanien gewesen ist. Während der Vakanz wird die Kirche vom Kardinalskollegium geleitet, dem auch Schiner als erfahrener Mann und gewiefter Politiker angehörte. Kurz darauf, in der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1522, stirbt Matthäus Schiner in Rom. Obwohl es Gerüchte gibt, er sei vergiftet worden, ist es vielmehr die Pest, die ihm den Tod bringt.
Kommentar zum Brief
Die Auszüge, die wir hier veröffentlichen, stammen aus einem Brief vom 21. August 1522, dem letzten, den Kardinal Matthäus Schiner, Bischof von Sitten, an seinen Vertrauten Adrian I. von Riedmatten schrieb. Sein Korrespondenzpartner hatte in Köln und Paris studiert. Im Jahr 1495 wird er als Sittener Domherr erwähnt, ab 1503 als Rektor des St. Johann-Altars in der Marienkirche von Visp und 1515 als Pfarrer von Évolène im Val d’Hérens. Von 1510 bis 1522 tritt er in die Dienste Bischof Schiners und wird dessen Statthalter in der Markgrafschaft Vigevano. Am 14. Januar 1522 überträgt Schiner ihm die Regierungsgewalt, da er ihm volles Vertrauen schenkte:
Wir haben dir kürzlich geschrieben, um einen guten Mann an die Macht zu bringen, der die Gerechtigkeit liebt und saubere Hände hat, gemäss dem Rat treuer Freunde, und wir bleiben bei dieser guten Absicht.
Nach Schiners Tod erlaubt der Landtag Adrian I. von Riedmatten die Rückkehr in sein Heimatland. Später tritt er als Bischof von Sitten die Nachfolge seines ehemaligen Protektors an.
Aus diesem relativ langen Brief haben wir einige Passagen ausgewählt, die Schiners finanzielle und logistische Sorgen belegen: Schulden, die mit erdrückenden Zinsen zurückgezahlt werden müssen, die Einziehung verschiedener Geldbeträge, die er dringend für den Kauf von Getreide und die Versorgung der Pferde benötigt, sein Bedarf nach vertrauenswürdigen Männern. Er erwähnt die Namen mehrerer seiner Diener, Offiziere und Vertrauten, von denen viele schwer genau zu identifizieren sind. Aus historischer und biographischer Sicht gibt uns der Brief Aufschluss über Schiners Haltung und seine Absichten am Ende seines Lebens. Rom wartet auf die Ankunft des neu gewählten Papstes Hadrian VI., der sich zu diesem Zeitpunkt in Spanien aufhält, doch dieser verspätet sich, da sich ihm verschiedene Hindernisse in den Weg stellen. Schiner beschreibt das Programm seiner Krönungsfeierlichkeiten, das mit seiner Ankunft im Hafen von Ostia beginnen wird. In Erwartung seiner Ankunft hat das Kardinalskollegium ein Triumvirat von Kardinälen ernannt, zu dem auch Schiner gehört, um den Kirchenstaat und die Stadt Rom zu regieren. Seine Zusammensetzung sollte sich eigentlich jeden Monat ändern, aber es scheint, dass Schiner nicht ersetzt wurde. Seine Ernennung in diese Regierungskommission zwingt ihn zu einem längeren Aufenthalt in Rom. Deshalb lässt er seine Möbel, seine Kleidung und seinen Hofstaat aus Vigevano nach Rom bringen. Zu seinem engsten Umfeld gehören überwiegend Kanoniker, die an Universitäten ausgebildet wurden und Hochschulabschlüsse besitzen. In einer Passage des Briefes, die wir nicht berücksichtigt haben, wird Melchior Lang, Doktor der Rechtswissenschaften, apostolischer Protonotar aus der Diözese Novara, als einer seiner treuesten Freunde erwähnt. Dieser lebte seit dem 26. Mai 1503 in Sitten. Am 11. Februar 1504 wird er als Pfarrer von Saxon und Credentiarius (Kammerherr, Kammerdiener oder Schatzmeister) Bischof Schiners und als Domherr des Sittener Domkapitels (1509-1514) erwähnt. Im März 1516 wird er Sekretär von Kardinal Schiner und dessen Botschafter bei König Heinrich VIII. von England sowie auch sein Botschafter im Allgemeinen. Lang wird damit beauftragt, die Möbel, Kleider und den Hofstaat von Kardinal Schiner von Vigevano nach Rom zu bringen und so schnell wie möglich zu seinem Herrn zurückzukehren. Er gehört zu den Vertrauten des Kardinals und steht sogar an seinem Sterbebett.
Schiner hat sich also mit einem auf das Nötigste beschränkten Personal in Rom niedergelassen, erlaubt jedoch einer kleinen Anzahl seiner treuen Anhänger, deren Leben und Besitz im Wallis aufgrund ihrer politischen Zugehörigkeit bedroht ist, zu ihm nach Italien zu kommen, um ihm dort zu dienen, wobei ihre Zahl aus Sparsamkeitsgründen aber nicht zu gross werden darf, wie er präzisiert. Unter ihnen erwähnt er in seinem Brief seine Diener Hans Bantilion (Pantaleon), Severin Lubard und Christoph Greibier. So erwartet er auch die Ankunft eines gewissen Heinrich, der mit Heinrich Triebmann, seinem Kaplan und Steuereintreiber, identifiziert werden kann. Nur einige seiner Vertrauten und Diener bleiben bei seinem Gouverneur Adrian von Riedmatten in Vigevano. Die hier unveröffentlichten Teile des Briefes lassen erkennen, wie sehr der Geldmangel Schiner belastet und ihn zu einem sehr prekären Leben zwingt. Deshalb sorgt er sich um die «völlig übermässige Zahl» seiner Verwandten und Vertrauten, die er versorgen und «unterbringen» muss.
Dieser Brief ist auch aus anderen Gründen interessant. Er lässt verborgene Facetten von Schiners Persönlichkeit erkennen. Er empört sich und sorgt sich über die Exzesse seines Bruders, seiner Eltern und seiner Bediensteten, die im Wallis geblieben sind, in Bezug auf ihre Sprache und Essen und Trinken. Er schreibt ihnen mehrere Laster zu, die er aufzählt: impudentibus verbis et crapula ac otio. Zwei von Schiners Brüdern, Kaspar und Peter, geniessen in bedeutendem Masse seine Gunst, wie übrigens auch viele andere Verwandte und Freunde. Peter vertraut er das Amt des Grosskastlans von Martigny mit dem Besitz des Schlosses La Bâtiaz an, später auch das des Grosskastlans von Bagnes und das des Gouverneurs von Vigevano. Kaspar wird Grosskastlan von Anniviers und später Kastellan der bischöflichen Burgen Majoria und Tourbillon in Sitten. Der rasante Aufstieg der Familie Schiner weckt bereits vor 1510 Neid und Feindseligkeiten. Der Kardinal und seine Brüder Peter und Kaspar machen sich durch ihre Arroganz und Habgier äusserst unbeliebt. Nach 1510 verhärten sich die Fronten, und die Gegner der Schiner lassen ihre ganze Verachtung auf die Mitglieder der Familie niederprasseln. Die einen behaupten, die Schiner stammten aus einer Familie von Hexen und Ketzern, andere bezeichnen die Brüder des Kardinals als ungebildete Flegel. Diese Art von Angriffen scheint dem düsteren Bild zu entsprechen, das Schiner selbst in diesem Brief vom unverschämten Verhalten seines Bruders zeichnet. Nach der Belagerung, Einnahme und Zerstörung der Burg La Bâtiaz im Jahr 1517 wird der Grosskastlan Peter von den Dizains seines Amtes enthoben. Der seit Jahren aufgestaute Hass und die Unzufriedenheit führten 1517 zu einem Gewaltausbruch. Zwischen 1517 und 1524 werden nicht nur der Kardinal und seine Brüder ins Exil getrieben, sondern auch andere Verwandte und Anhänger Schiners, die im Saanenland, im Haslital, in Zürich und später in Vigevano und Konstanz Zuflucht suchen. Der Grosskastlan Peter Schiner überlebt seinen Sturz nicht lange und stirbt im Herbst 1519, wahrscheinlich in Zürich. Wir können daher davon ausgehen, dass Schiner in diesem Brief vom August 1522 dessen Laster anprangert, wie die Verwendung des Adverbialausdrucks quondam germanus noster nahelegt. Er ist sich des Hasses der Walliser Bevölkerung gegenüber seiner Familie aufgrund des schlechten Verhaltens seiner Brüder und Verwandten, das einen Schatten auf ihn selbst wirft, durchaus bewusst. Er hofft, dass die Bediensteten einen besseren Einfluss auf seinen Bruder Kaspar ausüben und ihn nicht zu übermässigem Essen und Trinken ermutigen. Da er selbst die italienische Sprache perfekt beherrscht, möchte der Kardinal, dass sein Bruder einen seriösen italienischen Sekretär in seinen Dienst nimmt, der ihm die Grundlagen dieser Sprache beibringt. Die Bedeutung des folgenden Absatzes ist nicht ganz klar. Er betrifft die wenig empfehlenswerten und ausschweifenden Personen, die sich um seine Brüder scharen und sich als seine Anhänger ausgeben. Schiner empört sich darüber, dass einige Diener, die vermutlich für seine Offiziere arbeiten, verbesserungsresistent sind. Er versucht, sie auf andere, weniger wichtige Posten zu versetzen, aber sie weigern sich, die Aufgabe zu übernehmen.
Die Beschreibung der Bussprozessionen offenbart einen Kardinal Schiner, der von einem glühenden, fast schon naiven Glauben beseelt ist. Tatsächlich berichtet er voller Emotionen von den Bussprozessionen, bei denen die Büsser in den Strassen Roms ein berühmtes Marienbild hochhielten und Kerzen und Fackeln trugen, die Mitglieder der «Barmherzigkeitsbruderschaft» sich geisselten und dabei von mehreren hundert fast nackten Kindern begleitet wurden. Er berichtet auch von den zahlreichen Wundern, die sich bei dieser Gelegenheit ereignet haben sollen: Heilungen von der Pest, ein junger Mann, der nach einem Büchsenschuss unverletzt blieb, und die Bekehrung einer jungen Jüdin allein durch den Anblick des Marienbilds.
In Rom gibt es mehrere berühmte und alte Bilder der Jungfrau Maria. Eines der ältesten, das den Beinamen Salus Populi Romani trägt, wird in der Basilika Santa Maria Maggiore aufbewahrt. Der Überlieferung zufolge wurde es vom Evangelisten Lukas gemalt und von Jerusalem nach Rom gebracht. Seit seiner ersten Erwähnungen in Rom (432-440 n. Chr.) gilt das Bild als wundertätig. Die Zuschreibung des Bildes an den Evangelisten geht auf Jacobus de Voragine (um 1265) zurück. Dieser Autor berichtet von der Bussprozession durch die Stadt, die Papst Gregor I. um 591 während der Justinianischen Pest eingeführt hatte. Bei dieser Gelegenheit wird das Bild von den Gläubigen getragen und verehrt. Um sie herum singen die Stimmen der Engel das Regina caeli, und nach ihrem Vorbeiziehen ist die Luft gereinigt und die Epidemie vollständig vorbei. Diese Prozession Papst Gregors ist der Urtyp aller Prozessionen gegen die Pest in Rom, eine Tradition, die sich bis in die Zeit Schiners und sogar darüber hinaus fortsetzt. Allerdings finden neben dem Marienbild von Santa Maria Maggiore auch andere Bilder Verwendung bei solchen kollektiven Bussprozessionen zu prophylaktischen Zwecken. Schiner erwähnt zwei Bilder der Jungfrau Maria, die in Prozessionen mitgeführt werden, eine in Sancto Augustino und die andere in Porticu. Das erstgenannte entspricht der sogenannten Virgo Virginum, die nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 nach Rom gebracht wurde, in der Kirche Sant’Agostino auf dem Marsfeld aufbewahrt und 1495 zur Bekämpfung einer Pestepidemie eingesetzt wurde; die zweite entspricht der sogenannten Romanae portus securitatis oder Santa Maria in Porticu, einer Emaille-Ikone, deren Verehrung im 15. Jahrhundert begann und im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Eine der ersten Erwähnungen dieser Ikone Santa Maria in Porticu findet sich in einer Abhandlung von Giovanni Baptista aus dem Jahr 1464, die eine Studie über die römischen Traditionen der Marienikone von Santa Maria Maggiore enthält.
Schiner scheint wirklich davon überzeugt zu sein, dass dank der Bussprozessionen oder vielleicht auch dank der Gesundheitsüberwachung der Stadt durch Kardinal Ferdinando Ponzetti die Pest aufgehört und die Heftigkeit der Epidemie nachgelassen hat. Er betont diesen Punkt besonders und wiederholt ihn mehrmals im Laufe des Briefes. Ist das eine Art, sich selbst zu beruhigen? Denn ironischerweise stirbt der Kardinal etwa einen Monat nach dem Verfassen dieses Briefes selbst an der Pest! Er scheint bereits am 12. September erkrankt zu sein. Auf jeden Fall beschäftigte ihn der Kampf gegen seinen erbitterten Feind Georg Supersaxo bis zu seinen letzten Augenblicken, wie die letzten Sätze seines Briefes zeigen.
Aus stilistischer und lexikalischer Sicht gibt dieser Brief Aufschluss über Schiners Persönlichkeit. Die kursive Schrift, die ausgelassenen Wörter, die Wiederholungen, und einige Rechtschreib- und Grammatikfehler zeigen, in welchem Masse seine Gedanken schneller sind als seine Feder. Sie lassen auch eine gewisse Müdigkeit erkennen. Die sehr langen Sätze mit mehreren Nebensätzen zeigen ebenfalls, wie viele Ideen und Gedanken in seinem Kopf herumschwirren. Da der Brief an einen Freund gerichtet ist und in Eile geschrieben wurde, legt der Verfasser wenig Wert auf Eleganz, und sein Latein ähnelt kaum dem der italienischen Humanisten. Er verwendet nur wenige Stilmittel wie Anapher, Parallelismus, Redundanz, Antithese oder Alliteration. Die Sprache umfasst eine Schicht des klassischen Lateins, bestehend aus zahlreichen Begriffen, die häufig von Plautus, Cicero, Caesar und Vergil verwendet wurden. Einige Begriffe stammen aus der kirchlichen Sprache, wie das Verb baptizare, die Begriffe processio, imago, Virgo Deipara, baptismatis fons, zelus fidei oder das Adjektiv seraphicum. Andere sind ausgesprochen moderne Alltagsausdrücke, wie sclopetum (Gewehr oder Flinte), cedula (Papier oder Schriftstück, eine Verballhornung des klassischen Wortes schedula), die Berufe portarius (Pförtner) und canaperius (Kellermeister). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diesses heterogene Vokabular den Lebensweg Schiners widerspiegelt: humanistische Ausbildung in Italien am Ende des 15. Jahrhunderts, vertiefte Studien in Rechtswissenschaften und Theologie, praktische Erfahrungen in Verwaltung, Finanzen und Politik sowie auf dem Schlachtfeld. Dieser Brief zeugt, wie auch der Rest seiner von Albert Büchi aufbewahrten und herausgegebenen Korrespondenz, nicht wirklich von einer humanistischen Ausrichtung. Der Inhalt, der sich vollständig auf religiöse, politische und administrative Fragen konzentriert, überwiegt trotz einiger Zitate klassischer Autoren bei weitem den ästhetischen und formalen Aspekt.
Abkürzungen
CH AEV: Archives de l’État du Valais/Staatsarchiv Wallis.
ABS, Tir.: Archives de la Bourgeoisie de Sion classées par tiroir (Archiv der Burgerschaft von Sitten, klassifiziert nach Schubladen).
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