Celio Secondo Curione Todesahnungen des Johannes Oporinus

Print Einführung: David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 16.01.2026

Entstehungszeitraum: terminus ad quem ist die Publikation der Oratio de ortu, vita et obitu […] Oporini im Jahr 1569 (der Widmungsbrief datiert vom 12. März).

Ausgabe: Mortis Ioannis Oporini praesagia Coelius II Curio observavit et scripsit, dans Oratio de ortu, vita et obitu Ioannis Oporini Basiliensis, typographicorum Germaniae principis, recitata in Argentinensi Academia ab Ioanne Henrico Hainzelio Augustano, authore Andrea Iocisco Silesio, ethicorum in eadem Academia professore. Adiunximus librorum per Ioannem Oporinum excusorum catalogum, Strassburg, Theodor Rihel, 1569, fol. Cvro-Cvivo.

 

Celio Secondo Curione wird 1503 in Ciriè bei Turin in eine piemontesische Adelsfamilie hinein geboren. Er studiert in Turin die humanistischen Fächer und Jura; in dieser Zeit entdeckt er für sich die Schriften Luthers, Zwinglis und Melanchthons. Wegen seiner Sympathien für die Reformation wird er verhaftet und verfolgt. Zwischen 1536 und 1539 lehrt er in Pavia, das er aufgrund des Drucks der Inquisition verlassen muss. Seine Wanderungen führen ihn nach Venedig, Ferrara und Lucca, wo er italienische evangelische Kreise (Petrus Martyr Vermigli, Girolamo Zanchi) frequentiert. 1542 flüchtet er in die Schweiz, wo er zunächst in Lausanne als praefectus studiorum tätig ist; dann geht er nach Basel (1547), wo er 23 Jahre lang den Lehrstuhl für Rhetorik an der Universität innehat.

Als zentrale Figur unter den italienischen Exilanten und als Vertrauensmann der grossen Druckerverleger (Oporin, Froben, Perna) spielt Curione eine wichtige Rolle bei der Verbreitung humanistischer und reformatorischer Ideen. Sein von Toleranz geprägtes religiöses Denken kommt in kontroverstheologischen Schriften wie Pro vera et antiqua Ecclesiae Christi autoritate und De amplitudine beati regni Dei (1554) zum Ausdruck. Als produktiver Autor verfasste er humanistische Abhandlungen (De ingenuis artibus, De liberis pie educandis), satirische Dialoge (Pasquillus extaticus, Probus) und pädagogische Abhandlungen (Schola sive de perfecto grammatico, 1555). Er gibt Cicero, Seneca, Plautus und Aristoteles heraus und kommentiert sie, und er übersetzt die Historia des Guicciardini (1566) ins Lateinische, wodurch er zur Verbreitung der Klassiker und der italienischen Historiker in Europa beiträgt.

Zwischen 1564 und 1567 muss Curione den Verlust von fünf seiner sechs Kinder verkraften. Er stirbt am 24. November 1569 in Basel; im Gedächtnis der Nachwelt hinterlässt er von sich das Bild eines engagierten Humanisten, der philologische Gelehrsamkeit und religiöse Anliegen miteinander verband.

Wir präsentieren hier einen einzigartigen Text: die «Todesahnungen des Johannes Oporinus, beobachtet und aufgeschrieben von Celio Secundo Curione» (Mortis Ioannis Oporini praesagia Coelius II Curio observavit et scripsit), den kurzen Bericht über ein Gespräch über den Tod, das der Humanist Curione und sein Freund, der Drucker Johannes Oporinus, wenige Monate vor dem Tod des letzten geführt hatten. Dieser Text ist Teil eines Beiträge mehrerer Autoren in sich vereinenden Sammelwerkes zu Ehren des Oporinus, dessen Herzstück eine Oratio de ortu, vita et obitu […] Oporini […] recitata in Argentinensi Academia ab Ioanne Henrico Hainzelio Augustano, authore Andrea Iocisco Silesio, ethicorum in eadem Academia professore ist, verfasst von Andreas Iociscus, einer Persönlichkeit, über die wir kaum mehr wissen als das, was der Titel verrät, nämlich dass er aus Schlesien stammte und Professor für Ethik in Strassburg war. Die Rede wurde in der Akademie von Strassburg von «dem Augsburger Hans Heinrich Hainzel» (oder Haintzel) gehalten. Sie zeichnet die Geburt und Herkunft des Druckers, seine Jugend und sein Studium, seine Begegnung mit Paracelsus, sein Privatleben, seine Karriere als Drucker, seinen Charakter, seinen Tod und sein Vermächtnis nach. Der Rede geht ein Widmungsbrief voraus, den Andreas Iociscus am 12. März 1569 an Johannes Crato von Crafftheim, «Rat und Leibarzt Maximilians II.», richtete; auf die Rede folgt unser Text, und hierauf ein Katalog der von Oporinus gedruckten Werke sowie etwa zwanzig lateinische und griechische Gedichte, die verschiedene Freunde und Bekannte des Verstorbenen verfasst hatten.

Curiones Bericht, den wir hier veröffentlichen, ist zwar nur kurz und spielt in seinem Werk eher eine Nebenrolle, er ist aber dennoch von besonderem Interesse. Er gewährt einen seltenen Einblick in das Seelenleben und in die Spiritualität eines Humanisten, der vor allem für seine polemischen Schriften und seine philologischen Arbeiten bekannt ist. In diesem Gespräch mit Oporinus zeichnet sich eine persönliche Reflexion über den Tod ab, die von Curiones eigenen tragischen familiären Verlusterfahrungen und seiner gelassenen christlichen Sichtweise auf den Tod geprägt ist: Der Tod ist die ianua vitae, «die Tür zum Leben», zum wahren Leben, zum ewigen Leben, ein Ausdruck, der häufig in christlichen, insbesondere mittelalterlichen Grabinschriften zu finden ist. Dieser Text beleuchtet nicht nur die tiefe Beziehung zwischen Curione und seinem Freund, dem Drucker Oporinus, sondern auch die Art und Weise, wie die intellektuellen Eliten der Reformation in einem von Kriegen und Verfolgungen geprägten Jahrhundert mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens fertig wurden.

 

Bibliographie

Biondi, A., «Curione, Celio Secondo», Dizionario biografico degli Italiani 31 (1985), Onlineversion, https://www.treccani.it/enciclopedia/celio-secondo-curione_(Dizionario-Biografico)/.

Campi, E., «Curione, Celio Secondo», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 19.09.2005, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010573/2005-09-12/.

Kutter, M., Celio Secondo Curione: sein Leben und sein Werk (1503-1569), Basel, Helbing und Lichtenhahn, 1955.

Steinmann, M., Johannes Oporinus: ein Basler Buchdrucker um die Mitte des 16. Jahrhunderts, Basel, Helbing und Lichtenhahn, 1966.