Jean Ribit Brief an Conrad Gessner
Entstehungsdatum: 1. Oktober 1547.
Handschriftlicher Originalentwurf: Paris, BNF, Latin 8641, fol. 9vo.
Der Savoyarde Jean Ribit studierte in Paris und unterrichtete hierauf wahrscheinlich am Collège de Guyenne in Bordeaux. Danach war er Lehrer in Vevey, bevor er die Nachfolge von Conrad Gessner als Griechischprofessor (1541-1547) an der Akademie von Lausanne antrat. Dort wirkte er anschliessend als Professor für Theologie (1547-1559) sowie zwischen 1549 und 1551 als Rektor. 1559 liess sich Ribit in Genf nieder, dann in Orléans (1562), wo er bis zu seinem Tod 1564 Theologie lehrte.
Ribit arbeitete an einer lateinischen Übersetzung der Werke von Xenophon (Basel, Isengrin, 1545) mit, gab die gesammelten Werke des Lukian von Samosata (Basel, Isengrin, 1545) heraus und veröffentlichte in Basel verschiedene kleinere Werke zur Bibelexegese. Unter der Leitung von Conrad Gessner war er auch an der Übersetzung der dem Maximus Confessor zugeschriebenen Loci communes und der einem Mönch namens Antonius zugeschriebenen Melissa(Zürich, Froschauer, 1546) beteiligt.
Der hier präsentierte Brief ist Teil der Handschrift Latin 8641 der Bibliothèque nationale de France. Diese Handschrift, ein über 200 Seiten starkes Notizbuch aus Ribits Besitz, das den Zeitraum von 1547 bis 1555 abdeckt, enthält dessen handschriftliche Notizen zu einer Vielzahl von Themen (oft hängen sie mit der Akademie zusammen) sowie Briefentwürfe. Unter letzteren befinden sich fünf an Conrad Gessner adressierte Briefe, die zwischen 1547 und 1554 geschrieben wurden. Sie behandeln verschiedene Themen, darunter zoologische Fragen (wie der hier vorgestellte), aber auch botanische und religiöse Fragen.
In diesem Brief antwortet Ribit auf eine Anfrage von Gessner und schickt ihm die Zeichnung eines Fisches aus dem Genfer See – höchst wahrscheinlich eines Seesaiblings –, den er genau beschreibt. Er erwähnt auch die Arbeit des Zeichners, der die Illustration angefertigt hat, und stellt ihn Gessner vor.

Bild eines Seesaiblings, in: Conrad Gessner, Historia animalium, Bd. IV, Zürich, Froschauer, 1558, p. 1201 (Zentralbibliothek Zürich, NNN 48 | F; https://doi.org/10.3931/e-rara-16853)
Dieses Dokument zeugt von dem sich über ganz Europa ausdehnenden wissenschaftlichen Korrespondentennetzwerk, das Gessner aufgebaut hatte, um sein Werk Historia animalium fortzuführen. Der vierte Band dieses monumentalen Werks, der den Fischen gewidmet ist, erschien erst 1558, also lange nach dem hier vorgestellten Briefwechsel. In seiner Aufzählung der Gelehrten, die ihm bei der Abfassung des Werks in irgendeiner Weise behilflich gewesen waren, erwähnt Gessner auch Ribit als «sehr getreuen Professor für Heilige Schrift in Lausanne». Im Kapitel über die verschiedenen Seesaiblingsarten erwähnt Gessner jedoch weder die Zeichnung noch die Beschreibung seines Freundes, die er offenbar beide nicht verwendet hat. Wie dem auch sei, der Brief veranschaulicht dennoch, wie lokale naturkundliche Beiträge und Beobachtungen zirkulierten und in ein gross angelegtes enzyklopädisches Projekt integriert werden konnten.
Bibliographie
Crousaz, K., L’Académie de Lausanne entre Humanisme et Réforme (ca. 1537-1560), Leiden/Boston, Brill, 2012.