Johann Wilhelm Stucki

Print Autor(en): Anne Andenmatten (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version du 11.09.2026.
Werke

Johann Wilhelm Stucki wird am 21. Mai 1542 in Töss, in der heutigen Gemeinde Winterthur, als Sohn des Hans Rudolf, dem Amman von Töss und Kappel sowie Vogt von Laufen, und der Martha von Fulach, Tochter des Johann Wilhelm Fulach (gebürtig aus Schaffhausen und Herr von Laufen) geboren. Er erhält den Vornamen seines Grossvaters mütterlicherseits. In seiner Kindheit wird er nach Basel zu seiner Tante Ursula von Fulach, einer Nonne im Kloster Klingental, geschickt, um dort bis zum Alter von etwa acht Jahren die ersten Grundkenntnisse zu erwerben. Anschliessend geht er ins Kloster Kappel am Albis, wo Simlers Vater die Knabenschule leitet, und kehrt kurz darauf nach Zürich zurück, wo er unter die Obhut seines Taufpaten Ludwig Lavater gestellt wird. Im Jahr 1557, im Alter von 15 Jahren, schicken ihn seine Eltern zur Fortsetzung seiner Ausbildung an die Akademie von Lausanne, wo er zwei Jahre lang neben Latein und Griechisch auch die französische Sprache erlernt. Anschliessend begibt er sich nach Strassburg, nach Paris an das Collège de France und nach Tübingen, wo er seine Kenntnisse in den drei klassischen Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch vertieft, indem er den Unterricht der berühmtesten Humanisten seiner Zeit besucht. Nach seinem Studium tritt er im Auftrag des Stadtrats von Zürich in den Dienst von Peter Martyr Vermigli und fungiert 1561 beim Religionsgespräch von Poissy als dessen Sekretär und Dolmetscher. Schliesslich begibt er sich nach Pavia, wo er seine Kenntnisse in den Sprachen und Disziplinen, die er bereits erlernt hat, weiter vertieft. Unter der Anleitung des jüdischen Rabbiners Menachem lernt er darüber hinaus Italienisch sowie Aramäisch und Syrisch. Er verbringt mehr als ein Jahr in Venedig. Dieser Aufenthalt in Italien ermöglichte es ihm zweifellos, sich mit der Kunst und der Literatur vertraut zu machen, viel mehr als es ihm zuvor möglich gewesen war. Während dieser langen Studienjahre widmete er sich intensiv, neben den klassischen und modernen Sprachen, der Geschichte und – was für die damalige Zeit äusserst selten ist – der Archäologie.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat im Jahr 1568 tritt er bereits im September die Nachfolge von Johann Jakob Ammann, dem Rektor des Carolinum in Zürich, als Professor für Logik und Rhetorik an. Einige Monate später wird er Vizerektor dieser Einrichtung. Nach dem Tod von Theodor Bibliander wird er zum Professor für das Alte Testament am Carolinum ernannt und ist damit Kollege von Josias Simler (Februar 1571). Sein Biograph hebt hervor, dass sich sein Unterricht insbesondere auf die zwölf kleinen Propheten, die er vollständig kommentierte, und auf das Buch der Sprüche bezog. Er beschreibt seine Methode: Stucki erläutert den hebräischen und aramäischen Originaltext und bietet eine der Verdeutlichung des Sinns dienende deutsche Übersetzung; ausserdem stellt er mehrere für den Unterricht nützlicher Passagen zusammen. Deren Inhalt wird anschliessend auf das Leben und die Sitten seiner Zuhörer bezogen, und zwar in einer klaren und eleganten Sprache. Seine philologischen und theologischen Fähigkeiten bringen ihm 1571 die Ernennung zum Chorherrn am Grossmünsters ein. Er wird zweimal, 1576 und 1584, zum Scholarchen gewählt. Bis zu seinem Lebensende bleibt er am Carolinum tätig.

Caspar Waser, der Verfasser seiner 1608 erschienenen Biographie, stellt ihn als «Säule der Kirche, Zierde des Vaterlandes und der schönen Künste, strahlendes Juwel der Tugend» dar. Wie es bei Biographen üblich ist, schreibt er ihm alle möglichen Tugenden zu: Er sei bescheiden, genügsam, freundlich, sanftmütig, zutiefst menschlich, grosszügig gegenüber den Armen, Waisen, Witwen und Verbannten, ohne jegliche Arroganz oder Prahlerei. Er betont, dass er einhellig geschätzt werde und zahlreiche Freunde habe. Er schreibt ihm dieselben schönen Eigenschaften zu, die Stucki selbst Josias Simler in der von ihm verfassten Vita zuweist.

Johann Wilhelm Stucki verfasst mehrere Biographien «berühmter» Zürcher, Reformatoren und/oder Professoren, mit denen er in Kontakt steht: Johannes Wolff, Heinrich Bullinger, sein Pate Ludwig Lavater und Josias Simler, dessen Vita wir hier präsentieren. Zu seinen weiteren Werken zählen die Scholien zum Periplus des Schwarzen Meeres von Arrian und zum Periplus des Roten Meeres eines anonymen Autors, der zu jener Zeit dem Arrian zugeschrieben wird. Diese beiden Arbeiten zeigen, dass Stucki mit Josias Simler das Interesse an Philologie, Geographie und Toponymie teilt. Er verfasst zudem die Glückwünsche der Helvetier an Gallien für König Heinrich IV. von Frankreich und Navarra, eine Abhandlung mit dem Titel De angelis angelicoque hominum praesidio atque custodia meditatio sowie ein Werk über die Zeremonien und Opfer der Heiden, die Sacrorum sacrificorumque gentilium brevis et accurata descriptio.

Sein enzyklopädisches Werk zur Kulturgeschichte der Antike mit dem Titel Antiquitatum convivialium libri III (was frei übersetzt Drei Bücher über die Geschichte der Bankette in der Antike bedeutet) ist zweifellos sein erfolgreichstes Werk. Es umfasst mehr als 800 Seiten und erscheint in vier Auflagen, wobei die letzte im Jahr 1695 veröffentlicht wird. Dem Werk gehen ein Widmungsbrief an die Notabeln der Stadt Schaffhausen und ein Vorwort an den Leser voraus. Stucki «wirkt als Ethnograf, indem er die mit dem Bankett verbundenen Riten und Bräuche in den antiken Zivilisationen miteinander vergleicht, vor allem bei den Hebräern, Griechen und Römern». Er geht auf zeitgenössische Bräuche in der Schweiz, in anderen Regionen Europas und sogar in Afrika, Asien und Amerika ein. Er stützt sich dabei auf eine äusserst umfangreiche und vielfältige Quellenbasis (biblische, antike, mittelalterliche und zeitgenössische Quellen). Zu den auf diesem Portal vertretenen und von Stucki zitierten Autoren zählen Erasmus, Conrad Gessner, Benedikt Aretius, Theodor Zwinger und Henri Estienne. Der lateinische Text ist mit zahlreichen Passagen in Griechisch, Hebräisch und Deutsch durchsetzt.

Neben diesem monumentalen und facettenreichen Werk ist Stucki – ebenso wie Josias Simler – in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in theologische Kontroversen verwickelt, insbesondere über die Eucharistie, und zwar sowohl in Kontroversen zwischen Katholiken und Protestanten als auch in Kontroversen zwischen den verschiedenen Strömungen des Protestantismus. Im Jahr 1588 beteiligt er sich innerhalb der Berner Kirche an dem von Samuel Huber, einem lutherisch orientierten Pfarrer, ausgelösten Streit über die Prädestination. Die Synode von Bern verurteilt Huber, weil er die Lehre von der absoluten Prädestination angegriffen und behauptet hatte, dass alle Menschen von Gott und durch Christus zur Erlösung auserwählt seien. Im Jahr zuvor, 1587, hatte der Professor Claude Aubery, ein reformierter französischer Humanist, Hellenist und Arzt mit theologischen Interessen, der als Professor für Philosophie an der Akademie von Lausanne tätig war, in Lausanne bei Jean Chiquelle mehrere Reden drucken lassen, die er unter dem Titel De fide catholica apostolica romana, contra apostatas omnes, qui ab illa ipsa fide defecerunt, orationes apodicticae zusammenfasste. In diesem Werk, einer Art Kommentar zum Römerbrief, äussert er heterodoxe Theorien zur Rechtfertigung, die in der ganzen Schweiz für Aufruhr sorgen. Sein Buch wird insbesondere von Theodor von Beza zensiert, und 1588 wird Stucki auf der gleichen Synode in Bern als Vertreter der Zürcher Kirche eingeladen, sein Urteil sowohl über Huber als auch über Aubery abzugeben.

Stucki heiratet viermal: beim ersten Mal im Jahr 1568 die Elisabetha Röist, Tochter des Jakob Röist, Mitglied des Zürcher Rates, und Enkelin des Diethelm Röist, Bürgermeister von Zürich von 1525 bis 1544, mit der zusammen er einen früh verstorbenen Sohn und drei Töchter hat, von denen die zweite, Cleopha, im Jahr 1600 Rodolf Simler, einen Arzt und Professor und Sohn des Josias Simler, heiratet; in zweiter Ehe im Jahr 1577 die Maria Stockar, Tochter des Hans Stockar aus Schaffhausen, mit der zusammen er vier Söhne hat; in dritter Ehe im Jahr 1593 die Katharina Burgauer, Tochter des Benedikt Burgauer, des Stadtarztes von Schaffhausen; und schliesslich im Jahr 1595 die Maria Magdalena von Oftringen, die ihn überlebt.

Stucki ist durch enge berufliche, familiäre und freundschaftliche Bande mit zahlreichen Zürcher Reformatoren und Humanisten verbunden: mit Josias Simler, dessen hier präsentierte Biographie er verfasst, aber auch mit seinem Paten Ludwig Lavater, dem er das diesem Werk vorangestellte Widmungsgedicht widmet. Lavater heiratet die Margareta Bullinger, eine Tochter des Heinrich Bullinger, der seit Zwinglis Tod an der Spitze der reformierten Kirche von Zürich steht. Diese Ehe bringt ihn dieser bedeutenden Persönlichkeit der Zürcher Reformation näher, ebenso wie Josias Simler, dem Gegenstand der vorliegenden Vita von Stucki, da Simler 1551 Elisabetha, eine weitere Tochter desselben Bullingers, geheiratet hatte.

Im Alter von 65 Jahren, stirbt Stucki am 3. September 1607, nach seiner Rückkehr aus den Bädern von Baden, in Zürich im Kreise seiner Angehörigen. Seine Beisetzung findet am 5. September statt, und er wird im Kreuzgang des Zürcher Münsters neben den berühmten Reformatoren, Professoren und Humanisten, seinen Freunden Heinrich Bullinger, Peter Martyr Vermigli, Conrad Gessner, Kaspar Wolff und Josias Simler, beigesetzt. Seine von Caspar Waser verfasste, ihn lobpreisende Biographie erscheint schon kurz darauf, am 22. Oktober 1607.

 

Bibliographie

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