Epitaph auf Hieronymus Froben

Sebastian Castellio

Einführung: Andreas Ammann (traduction française: Kevin Bovier). Version: 10.02.2023.


Entstehungszeitraum: vermutlich März 1563.

Handschrift: Universitätsbibliothek Basel, AV 54 m (Nr. 1), fol. 10ro.

Metrum: elegisches Distichon.

 

Dieses Grabgedicht auf den Basler Drucker Hieronymus Froben (1501-1563) ist in einer Handschrift aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts überliefert, die heute in der UB Basel aufbewahrt wird. Da in dieser weder ein Titel noch ein Verfasser für das Epitaph angegeben werden, ist die Urheberschaft nicht ganz sicher zu klären. Man kann jedoch davon ausgehen, dass es sich um den Humanisten, Bibelübersetzer und religiösen Dissidenten Sebastian Castellio (1515-1563) handelt.

Der grösste Teil des Basler Manuskripts wird von Abschriften zweier Werke eingenommen, welche im Zuge von Castellios theologischer Auseinandersetzung mit seinem früheren Mentor Jean Calvin (1509-1564) entstanden sind: Auf fol. 1ro-10ro der Handschrift findet sich eine Abschrift von Castellios Kommentar zum 9. Kapitel des Römerbriefs, welcher deutliche Kritik an der Prädestinationslehre des Genfer Reformators enthält. Auf fol. 10vo-23vo folgt eine Kopie von Castellios Antwort auf eine Invektive, die Calvin gegen seinen ehemaligen Mitstreiter verfasst hatte. Das hier besprochene Epitaph auf Hieronymus Froben nimmt in der Handschrift eine Halbseite (fol. 10ro) zwischen diesen zwei längeren Texten ein – nicht weil es thematisch zu den anderen Schriften passt, sondern wohl nur, um die leer gebliebene Papierfläche nicht ungenutzt zu lassen.

Die Schriftanalyse zeigt, dass nicht Castellio selbst diese Abschriften angefertigt hat. Vielmehr scheinen alle drei Texte von einem anonymen, zeitgenössischen Schreiber kopiert worden zu sein. Da aber Castellios Autorschaft bei den zwei anderen Texten in diesem Manuskript zweifelsfrei feststeht, darf vermutet werden, dass auch dieses Trauergedicht ursprünglich aus seiner Feder stammte. Dies ist deshalb umso wahrscheinlicher, weil zumindest einer der anderen zwei Texte direkt aus Castellios Autograph abgeschrieben worden sein muss. Der Schreiber dieser Basler Handschrift hatte demnach Zugang zu Castellios Papieren und wird das Epitaph auf Froben vermutlich ebenfalls dort gefunden haben.

In Castellios spärlich erhaltener Korrespondenz findet sich zwar kein Brief an Hieronymus Froben, und auch seine Werke liess der streitbare Humanist bei anderen Basler Druckern veröffentlichen. Da Froben und seine Frau Barbara jedoch Paten mehrerer Kinder Castellios waren, ist ein persönlicher Umgang trotzdem anzunehmen. Auch die Tatsache, dass sich beide über viele Jahre in denselben Gelehrtenkreisen der Stadt bewegten, macht eine Bekanntschaft durchaus wahrscheinlich.

Diese milieubedingte Nähe setzte sich noch über den Tod hinaus fort, denn sowohl Froben als auch der nur wenige Monate später verstorbene Castellio wurden – wie dies für verdiente Buchdrucker und Professoren der Stadt üblich war – im Kreuzgang des Münsters begraben. Wenn man Castellio als Autor des Epitaphs annimmt, kann die Entstehung des Gedichts folglich auf den Zeitraum zwischen dem 13. März (Frobens Tod) und dem 29. Dezember (Tod Castellios) des Jahres 1563 eingegrenzt werden; eine Abfassung in der zweiten Märzhälfte dieses Jahres, also kurz nach Frobens Hinschied, scheint dabei am wahrscheinlichsten.

Dass Castellio tatsächlich der Verfasser dieses Epitaphs war, suggerieren nicht nur die oben erwähnten äusseren Gründe, sondern bei genauerer Betrachtung auch ein inhaltlicher Anhaltspunkt. Denn obwohl die Verse mehrheitlich aus den üblichen topoi humanistischer Grabgedichte (Charakterlob, Wunsch nach Aufnahme in den Himmel) zusammengesetzt sind, weisen die Distichen 5-8 dadurch einen weniger konventionellen Charakter auf, dass Frobens Geburts- und Sterbejahr jeweils mit einem spezifischen historischen Ereignis parallelisiert werden: Seine Geburt wird in diesem Epitaph mit dem Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft (1501) datiert (V. 5-6); sein Todesjahr wiederum wird – und dies ist für die Verfasserfrage besonders interessant – durch den 1. Hugenottenkrieg (1562-1563) markiert (V. 7-8).

Es ist belegt, dass der Castellio an der Lage in Frankreich, welches für ihn zeitlebens die geistige Heimat blieb, besonderen Anteil nahm. Bedeutendstes Zeugnis dafür ist sein Conseil à la France désolée, ein im Oktober 1562 anonym publizierter Aufruf zur politischen und religiösen Versöhnung zwischen Katholiken und Hugenotten. Die Tatsache, dass gerade der Ausbruch des Bürgerkrieges in Frankreich gewählt wurde, um das Todesdatum des verstorbenen Basler Druckers zu umschreiben, ist daher ein weiteres Indiz dafür, dass Castellio tatsächlich der Autor dieses Epitaphs auf Hieronymus Froben war.

 

Inhalt und Gliederung des Gedichts

1-2: Nennung des Verstorbenen

3-4: Lob seiner Eigenschaften

5-8: Mitteilung seiner Lebensdaten durch Anspielung auf historische Ereignisse

9-10: Wunsch nach ewiger Ruhe für den Verstorbenen

 

Bibliographie

Ammann, A., Josephus Frobenianus. Editions- und Rezeptionsgeschichte des Flavius Josephus im Basler Humanismus, Basel, Schwabe, 2021.

Guggisberg, H. R., «Castellio und der Ausbruch der Religionskriege in Frankreich. Eine Betrachtung zum Conseil à la France désolée», Archiv für Reformationsgeschichte 68 (1977), 253-267.

Guggisberg, H. R., Sebastian Castellio 1515-1563. Humanist und Verteidiger der religiösen Toleranz im konfessionellen Zeitalter, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1997.

Hindermann, J., «Johannes Atrocian und der Gelehrtenkreis um Erasmus von Rotterdam in Basel: zu den Epitaphien auf den Drucker Johann Froben und Kaiser Maximilian I. sowie Atrocians Freundschaft mit Glarean und Glotter», in: D. Amherdt (Hg.), La littérature latine des humanistes suisses au XVIe siècle. Actes du colloque des 30-31 janvier 2020 (Université de Fribourg), Camenae 26 (2020), Online, https://www.saprat.fr/media/02771ff01e9a721afcf263f4a48b75e3/camenae-26-12-hindermann-relu.pdf.

Sebastian Castellio, Annotationes in Pauli Epistulam ad Romanos ex. cap. IX. Critical Edition and English Translation by Michiel Op de Coul and Mirjam van Veen, Genf, Droz, 2020.

Wackernagel, R. (Hg.), Rechnungsbuch der Froben und Episcopius, Buchdrucker und Buchhändler zu Basel, 1557-1564, Basel, Schwabe, 1881.