Sebastian Castellio Prodromos (griechisches Epyllion über Johannes den Täufer in drei Gesängen)
Entstehungszeit: vor September 1545 (Datum des Drucks laut Kolophon), vielleicht noch 1539 in Lyon (?).
Ausgabe: ΠΡΟΔΡΟΜΟΣ, in: S. Castellio, Ionas Propheta heroico carmine Latino descriptus […], Basel, Oporinus, 34-84.
Metrum: Hexameter.
Einführung
Der Savoyarde Sebastian Castellio, der seit 1541 in der Schweiz lebte und wirkte, ist vor allem durch seine Auseinandersetzung mit Jean Calvin um die Hinrichtung des Arztes Michel Servet bekannt. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) hat diese Auseinandersetzung in seinem 1936 erschienenen Buch «Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt» literarisch gestaltet. Nicht erwähnt hat Zweig in seiner Darstellung ein kleines 1545 erschienenes Bändchen mit zwei längeren Gedichten: einem lateinischen Jonas-Epyllion und einem griechischen Johannes-Epyllion, dem Prodromos («Vorläufer»; bei Zitationen im Folgenden Prod.).
Der heute kaum beachtete Band hat zu seiner Zeit allerdings durchaus internationale Wirkung entfaltet. So hat Michael Neander (1525-1595) in der praefatio zu seinen 1565 bei Johannes Oporinus in Basel gedruckten Graecae linguae erotemata einen Abschnitt zu neuzeitlichen Dichtern, die die altgriechische Sprache verwenden, mit Sebastian Castellio gleichsam als Archegeten eröffnet:
Von den neueren Dichtern, die ich bisher zu sehen bekommen habe und deren Bemühung in dieser Gattung erfolgreich und deren Versuche lobenswert und nützlich sind, sind zu nennen: Sebastian Castellio, Professor der Sprachen an der Universität Basel, von dem der ‘Prodromos oder Leben Johannes des Täufers’ existiert, beschrieben in drei Büchern in einem äusserst lieblichen Gedicht, wobei nicht nur Worte, Phrasen, Halbverse und Beiwörter, sondern beinahe ganze Seiten aus Homer und Hesiod, den Fürsten der Dichter, abgeschrieben und an die vorliegende Erzählung angepasst sind.
In der Tat scheint Castellios Prodromos nach dem Neander offensichtlich unbekannten Epyllion Τὸ καθ’ Ἑλένην καὶ Ἀλέξανδρον von Demetrios Moschos, welches 1501 erschien, das erste grössere griechische Gedicht der Neuzeit zu sein, das wir kennen, zumindest das erste, welches drei Bücher bzw. Rhapsodien umfasst. Es stellt damit den Auftakt zu einer ganzen Reihe von griechischen Bibelepen und -paraphrasen dar, die im Laufe des 16. Jahrhunderts erschienen sind. Jüngst ist diese Gattung eingehender von Filippomaria Pontani und Janika Päll vorgestellt und diskutiert worden.
Proöm und Aufbau
Der Prodromos ist nicht selbstständig, sondern gleichsam als Anhang zu einer lateinischen Paraphrase der alttestamentlichen Jonas-Geschichte veröffentlicht worden. Die Titelseite lautet in Übersetzung:
Der Prophet Jonas, in einem lateinischen Hexametergedicht beschrieben von Sebastian Castalio als Verfasser. Ebenso Prodromos oder Vorläufer, d.h. Leben Johannes des Täufers in einem griechischen Hexametergedicht in drei Büchern so elegant wiedergegeben, dass es für diejenigen, die die griechische Sprache und Frömmigkeit gleichermassen studieren, nichts Angenehmeres zu lesen geben kann.
Schaut man sich die quantitativen Verhältnisse an, dann ist die lateinische Jonas-Paraphrase wesentlich kürzer als der Prodromos, auf dem offensichtlich das Schwergewicht der Publikation liegen soll, während der lateinische Jonas wohl eher als Icebreaker fungieren soll: Die Jonas-Paraphrase umfasst die Seiten 3-29 (= 27 Seiten); ihr folgt noch auf S. 29-33 (= 5 Seiten) ein ebenfalls hexametrischer lateinischer Hymnus in Deum sowie ein «Lied des Moses, welches die Israeliten sangen, als sie aus dem Roten Meer entkommen waren» (Mosis carmen, quod cecinerunt Israelitae, ubi ex mari rubro evaserunt) in sapphischen Strophen. Der Prodromos nimmt danach die Seiten 34 bis 84, also 51 Seiten ein, und ist damit fast doppelt so lang wie das lateinische Jonas-Gedicht.
Der unterschiedlichen Länge entspricht auch die schon auf dem Titelblatt aufwändigere Inszenierung, mit griechischem Titel und lateinischem Doppeltitel, drei Büchern und schliesslich noch einem stilistischen Lob mit Hinweis auf das insinuierte Publikum. Dem feierlichen Rahmen mit drei «Rhapsodien» genannten Abschnitten entspricht das feierliche Proöm, in dem Castellio sich an Pindars erste Olympische Ode anlehnt (1,1-20).
Schon hier zeigt ein erster Blick auf das Griechische, das Castellio die Sprache im Ganzen zwar gut und souverän beherrscht, jedoch ein paar Unsicherheiten im Umgang mit der Metrik hat: Bei V. 3 ist die erste Silbe von βρυάζων eigentlich kurz, obwohl man eine Länge erwarten würde, in V. 4 wird dagegen die erste Silbe von ᾄδειν kurz gemessen, obwohl sie lang ist; zweimal wird ferner σύ am Versanfang als Länge behandelt (falls Castellio nicht von einem akephalen Vers ausgehen möchte). Stark ist Castellio dabei offensichtlich vom homerischen Stil beeinflusst: Schon in den ersten 20 Versen gibt es zwei Verse mit spondeischer Klausel (θηλαζόντων und κουφίσειας), die allerdings sinnverstärkend und betonend eingesetzt worden sind. Im letzten Vers geht es etwa um das Leichtmachen der Last, die schwer bleibt, wenn Gott sie nicht erleichtert (Prod. 1,20: τἄχθος, ὅ τε μὴ σύ γε κουφίσειας).
Die folgende Erzählung verteilt sich wie folgt auf die drei Rhapsodien: Die Geburtsgeschichte von Johannes aus Lukas 1 mit dem Besuch Marias bei Elisabeth wird in der ersten Rhapsodie (S. 34-53 = 20 S.) geschildert. Die zweite Rhapsodie (S. 53-69 = 17 S.) hat Johannes’ öffentliches Wirken als Täufer mit der Taufe Jesu zum Gegenstand. In der dritten und letzten Rhapsodie (S. 70-84 = 15 S.) geht es um die Gefangennahme und Hinrichtung von Johannes. Die Seitenzahlen zeigen an, dass die Länge der einzelnen Rhapsodien abnimmt, so dass das erzählerische Hauptgewicht zunächst auf der Geburtsgeschichte zu liegen scheint.
Umgestaltung der biblischen Vorlage
Hauptquelle für die Gestaltung sind die Kapitel 1 und 3 aus dem Lukas-Evangelium, Kapitel 1 und 3 aus dem Johannes-Evangelium sowie für die Hinrichtung vor allem Kapitel 6 aus dem Markus-Evangelium. Für die Beziehung zwischen Herodes und Herodias hat Castellio ferner auf Flavius Josephus‘ Antiquitates Iudaicae zurückgegriffen.
Castellio beginnt seine Erzählung zunächst mit einem nicht biblischen Monolog Gottes, der im Angesicht der in den Hades ziehenden Sterblichen zunächst einen Seher (μάντις) und danach seinen Sohn schicken möchte, um den Sterblichen das Verderben abzuwehren, sie aus den Häusern der Titanen zu befreien und in den Himmel zu führen. Er ruft danach Gabriel und erteilt ihm den Auftrag, zu Zacharias zu gehen. Erst als Gabriel aufgebrochen ist, beginnt Castellio den bekannten lukanischen Bericht (Kap. 1,5-25 und 39-80). Ausgelassen ist bei Castellio dem Thema entsprechend die Verkündigung des Engels an Maria.
Wie schon Michael Neander bemerkte, lehnt sich Castellio stark an Homer und Hesiod an. Sein Werk liest sich daher in Teilen fast wie ein Cento. Von Homer übernimmt er auch den reichen Gebrauch von wörtlichen Reden, Formeln (zum Beispiel immer wieder im ganzen Gedicht μάντις ἀμύμων bzw. ἀμύμονα μάντιν für Johannes), Phrasen, Gleichnissen und Wiederholungen, so dass sein Gedicht ein wirklich stark episches Gepräge erhält. Dies zeigt sich schon in dem gerade skizzierten ersten Teil des Gedichtes. Der Anfang erinnert einerseits mit der Rede Gottes an den Beginn der Odyssee, in der Zeus sich angesichts der menschlichen Leiden beklagt, dass die Menschen allein den Göttern die Schuld geben, wobei sie doch auch selbst durch ihre Frevel (Od. 1,34: σφῇσινἀτασθαλίῃσιν) dafür verantwortlich sind. Es ergeben sich dabei interessante Kontrast- und Ergänzungseffekte durch die Anwendung homerischer Szenen auf den Johannesstoff. Für die Bitte der Herodias, Johannes den Täufer zu töten, lehnt sich Castellio etwa an die Bitte der Thetis an Zeus aus dem ersten Iliasbuch an (Prod. 3,164-173 ~ Il. 1,513-516.522f.); in einem höhnischen Bild am Ende wendet sich Herodias an das abgetrennte Haupt des Johannes mit den Worten Agamemnons, nachdem der Seher Kalchas ihn als Schuldigen für die im Heer grassierende Seuche in der Versammlung im ersten Iliasbuch bezeichnet hat (Prod. 3,383-385 = Il. 1,106-108); Gott schickt Gabriel mit ähnlichen Worten zu Zacharias wie Zeus den verderblichen Traum zu Agamemnon am Anfang des zweiten Iliasbuches (Prod. 1,63-65 ~ Il. 2,8-10); Zacharias betet zu Gott wie Kalchas zu Apollon (Prod. 1,119f. ~ Il. 1,37f.) etc. Castellio scheut sich nicht mythologische Figuren wie Hades oder Titanen anzuführen. Die Auswahl ist freilich so getroffen, dass eine christliche Interpretation leicht möglich ist. Üblich ist ausserdem die Anwendung von Zeus-Formeln auf den christlichen Gott mit einfacher Ersetzung von Zeus durch θεός («Gott») oder die Gleichsetzung von Olymp und christlichem Himmel.
Vollkommen übersehen wurde bisher allerdings noch ein weiteres Vorbild, das nicht so offensichtlich wie Homer und Hesiod ist, da es nicht in griechischer, sondern lateinischer Sprache verfasst ist: Iacopo Sannazaros De partu virginis (veröffentlicht 1526). Ein Blick auf den Beginn der Erzählung macht die Anlehnung unmittelbar deutlich. Der Erzählbeginn lautet bei Castellio (Prod. 1,21-28):
Gott stellte sich hin und sah vom Gipfel des Olymps aus mit seinen Augen / Hades, den reichen Herrn der Toten, / wie er von überallher aus den Ländern blutige Beute / so ohne Anstrengung in die Behausung der Toten mit ehernem Boden zog, / [25] und keiner der Menschen stieg in den hohen Himmel auf, / seitdem sich gegen die Gebote Gottes / Mann und Frau durch ihre eigenen Freveltaten vergangen hatten. / Also wurde er zornig und sprach er zu seinem grossherzigen Mut: …
Der Erzählbeginn bei Sannazaro lautet (1,33-41; textliche Berührungen unterstrichen):
Der Herrscher der Himmlischen hatte von der himmlischen Burg aus gesehen, dass Tisiphone, welche alles von der tiefsten Tiefe aus umzustürzen versuchte und ihre schrecklichen Schwestern zu finsteren Taten anstachelte, von überall her gesammelte Beutestücke in den Tartaros trug und es dem Menschen nicht mehr nützte, dass er seinen Samen vom hohen Himmel herleitete und seinen Geist zu unterschiedlichem Gebrauch kultiviert hatte: So viel vermochte die Besudelung mit der todbringenden Schuld! Da sprach der Vater in seiner Brust durch ewige Liebe entbrannt folgendermassen zu sich: …
Castellio macht aus der eher in der lateinischen Epik beheimateten Tisiphone Hades und formuliert die von Sannazaro umschriebene Schuld deutlicher aus. Ansonsten orientiert er sich aber sichtbar an Sannazaros Vorbild. Auch danach geht der Bezug allerdings mit Akzentverschiebungen weiter. Während bei Sannazaro Gott die Lösung bei einer Frau, nämlich Maria, sieht, da eine Frau – Eva – auch den Sündenfall bewirkte, ist es bei Castellio ein Mann, der den Menschen das Kommen seines Sohnes ankündigen soll: Johannes der Täufer. Wie bei Sannazaro beauftragt er darauf seinen Engel: Bei Sannazaro soll er zu Maria gehen, bei Castellio zu Zacharias. Schön kann man hier sehen, wie Castellio die Darstellung von Sannazaro homerisiert. Der Flug des Engels wird bei Sannazaro mit einem Gleichnis illustriert: Der Engel fliegt wie ein Schwan vom Kaystros (Part. Virg. 1,85-90). Aus dem einen Gleichnis bei Sannazaro wird eine Gleichniskette bei Castellio, der Gabriel erst mit einem Habicht (ἴρηξ), dann mit einem Adler, der einen Hasen fängt, und schliesslich mit der Schnelligkeit des menschlichen Geistes vergleicht (Prod. 1,91-101). Die Vergleiche sind wesentlich martialischer als bei Sannazaro. Sannazaro stellt darauf erst Maria vor, Castellio Zacharias. Maria ist bescheiden, Zacharias alt, kinderlos und verrichtet seinen Tempeldienst. Er vollführt ein Gebet mit der Bitte, dass ihm ein Kind zuteilwerde. Da erscheint Gabriel und Zacharias ist erschrocken: «Dem Alten aber ergoss sich der liebe Mut und er fürchtete sich schrecklich: Die Haare stellten sich aufrecht an seinen biegsamen Gliedern»(Prod. 1,130f.). Bei Sannazaro spricht der Engel zuerst Maria an, die dann ebenfalls erschrocken ist: «Sogleich geriet die erschrockene Jungfrau in Erstaunen, senkte ihre Augen und wurde an allen Gliedern blass.» (Part. Virg. 1,123f.) Besonders bemerkenswert ist dann, dass bei Castellio in homerischer Technik der Engel die Worte Gottes (fast) genau wiederholt (Prod. 1,66-89 ~ 137-160), während er sie bei Sannazaro ganz frei variierend wiedergibt (Part. Virg.1,73-81. 109-123. 139-154). Deutliche Berührungen zeigt ferner der bei beiden Autoren gemeinsam beschriebene Besuch Marias bei Elisabeth, kenntlich besonders an dem gemeinsamen Sterngleichnis (Part. Virg. 2,14-16; Prod. 1,249).
Die offensichtlichen Bezüge machen klar, dass Castellio ein bewusstes Gegenstück und eine Ergänzung zu Sannazaros Epos schafft. Der eigentümliche Titel «Prodromos» – man hätte einfach Iohannes Baptista oder Iohanneis etc. nehmen können – bekommt dadurch noch einmal einen besonderen Sinn: Im wahrsten Sinne des Wortes schafft Castellio mit seinem griechischen Werk einen «Vorläufer» zu Sannazaros bekanntem Epos, das dieser ebenfalls als literarischen Erstling präsentiert. Castellio geht sprachlich eine Stufe zurück, indem er das ältere Griechisch und statt Vergil Homer und Hesiod als Vorbilder wählt. Damit geht einher, dass er sich der altertümlichen Wiederholungs- und Formeltechnik Homers bedient und in seinen Gleichnissen der «Lieblichkeit» Sannazaros eine gewisse «Herbheit und Finsternis» gegenüberstellt. Schliesslich geht er auch erzählerisch zurück, indem er die Vorgeschichte zu Sannazaros Werk berichtet: Die Geburtsgeschichte Johannes des Täufers!
Spätestens jetzt wird auch klar, warum Castellio sein Werk in drei «Rhapsodien» untergliedert hat: Sie ahmen die drei Bücher von Sannazaros Epos nach. In der weiteren Strukturierung scheint es jedoch keine offensichtlichen Berührungen mehr zu geben: Nach der Ankündigung nutzt Sannazaro den Rest des ersten Buches für eine Prophetie Davids über das zukünftige Leben und Wirken Jesu bis zu dessen Tod, Auferstehung und Himmelfahrt, Buch 2 gilt dem Besuch Marias bei Elisabeth (das ist bei Castellio noch in der ersten Rhapsodie berichtet) und der Geburtsgeschichte Jesu. Buch 3 beginnt mit einem Himmelskonzil, berichtet dann von den Hirten und endet mit einer Prophetie des Proteus über Jesu Wunder. Auch hier kann man im Vergleich nur die «Finsternis» festhalten, die sich bei Castellio auch zum Schluss durch die Ermordung des Täufers einstellt – im Übrigen eine gewisse Parallele zur Ilias, wo nach dem Tod Hektors und seiner Misshandlung am Schluss dessen Bestattung steht. Der Effekt dabei ist sicherlich ein viel stärkerer Appell zur Umkehr und Lebensänderung, im gewissen Sinne zur Reformation und Rückbesinnung.
Zweck, Vorgeschichte und Nachwirkung
Castellio ist 1515 in der Gemeinde Saint-Martin-du-Fresne im heutigen Frankreich geboren worden. Die Gemeinde liegt etwa 65 Kilometer westlich von Genf entfernt. 1540 ging er nach einer humanistischen Phase in Lyon nach Strassburg, wo er Calvin und Guillaume Farel kennenlernte und sich mit ihnen befreundete. Farel sorgte auch dafür, dass Castellio als Schulrektor nach Genf berufen wurde, wo es jedoch bald zu einem Zerwürfnis über theologische Fragen kam. Castellio ging daher Anfang 1545 nach Basel und schlug sich dort unter anderem als Korrektor für den Drucker Johannes Oporinus durch, bis er 1553 auf die Griechischprofessur an der Universität Basel berufen wurde. Dort eskalierte die Auseinandersetzung mit Calvin weiter, die sich an Castellios Kritik an der Hinrichtung des Arztes Michel Servet erneut entzündete und in seine berühmte Toleranzschrift De non puniendis haereticis gipfelte. Einem von seinen Gegnern angestrengten Prozess entging er durch seinen Tod 1563.
Die Veröffentlichung des Prodromos im September des Jahres 1545 ist also wohl unmittelbar mit dem Bemühen Castellios zu verbinden, in Basel Fuss zu fassen und sich durch seine Sprachkenntnis als humanistischer Gelehrter zu empfehlen. Auffällig ist hierbei seine Konzentration auf biblische Texte, die sich bei ihm aber schon zuvor in den Dialogi sacri findet.
Seine besonderen Griechischkenntnisse wird Castellio besonders in Lyon erworben haben, wo er offensichtlich das Collège de la Trinité besuchte und Freundschaften im Lyoner Humanistenkreis aufbaute, darunter auch zu den beiden italienischen Medizinstudenten Giovanni und Bartolomeo Argentieri. Dem Letzteren ist die Ausgabe mit dem Ionasund Prodromos gewidmet. Besonders eng scheint seine Beziehung zu Gilbert Ducher gewesen zu sein, in dessen Epigrammatum libri von 1538 Castellio auch zum ersten Mal mit einem Gedicht an die Öffentlichkeit tritt. Das Gedicht sticht dadurch auf besondere Weise heraus, dass es als Doppeldichtung sowohl auf Griechisch als auch Lateinisch realisiert ist. Zwar finden sich auch in Einleitung und Epigrammen Duchers nach der Art des Ausonius griechische Einsprengsel bzw. Code-switches, aber es sind eben nur Einsprengsel, kein einziges vollständiges Gedicht auf Griechisch. Castellio dagegen geht hier weiter, sicherlich auch um sich besonders hervorzutun.
Schon der Titel von Castellios Gedicht zeigt die Ambitionen des jungen Dichters: Sebastyanactis Castalionis Sabaudi, ad Ducherium Vultonem – «Von Sebastyanax Castalio aus Savoyen an Ducherius Vulto». Hier fällt sofort die Gräzisierung des Vornamens Sebastian zu «Sebastyanax» auf, die auf lustige Weise den Vornamen Castellios mit dem Namen von Hektors Sohn Astyanax kombiniert. Vielleicht handelt es sich um eine Schöpfung Duchers, der in einem Epigramm seiner Sammlung Castellio mit derselben Namensform anspricht und dazu ausführt:
Geht anderswohin, geht anderswohin, die ihr ohne Verstand behauptet, dass meinen Savoyarden nur Felsen und Steine zu eigen seien, nachdem Castalio versichert, dass er von jenen abstamme: Derselbe ist der erste Ruhm des kastalischen Chores [= Musenchores]. Vom Alter her ist er ein Astyanax, von der Gelehrsamkeit ein Nestor, und zwar sicherlich von jener Gelehrsamkeit, welche den Menschen freier macht. Daher ist er glücklicher, als wenn er die ganze Zeit des Jahres fette Äcker mit hunderten von Rindern pflügt.
Später wird Castellio berichten, dass sein Humanistenname Castalio in Lyon entstanden sei, wo ihn jemand fälschlich Castalio genannt habe. Wegen der Ableitung von der Musenquelle, habe Castellio in jugendlichem Übermut diesen Namen liebgewonnen und sich fortan so bezeichnet. Und er fährt fort:
Ja, ich habe sogar diesen selben Namen mit den ersten Buchstaben der ersten Verse meines Prodromosurkundlich niedergelegt [Castellio hat also ein Akrostichon gemacht], natürlich damit mein Hochmut auch bei der Nachwelt noch bekannter sei. Denn ich war, wenn es den Musen gefällt, ein Dichter und ein Musenlärmer (Musopatagus) von vollkommen griechischer Leichtigkeit.
Nun aber schäme er sich dieses Übermutes wegen. Wie auch immer man diese spätere Selbstaussage bewertet, sie zeigt Castellios überschwängliche Begeisterung für das humanistische Studium in diesen frühen Jahren. In der 1561 von Castellio betreuten Homerausgabe gibt es einen weiteren Hinweis, dass er sich schon in Lyon intensiver mit Homer beschäftigt hat:
Durch die Berühmtheit von Homers Namen und die Kultiviertheit seiner Beredsamkeit angelockt, habe ich mich vor ungefähr 22 Jahren als Jugendlicher in dessen Lektüre sorgfältiger vertieft, als ich sollte, und mich um die Heilige Schrift (durch deren Einfachheit beleidigt, obwohl ich sonst zu ihr geneigt war) träger gekümmert, als es angemessen war.
Dieser Hinweis deutet auf das Jahr 1539 und könnte vielleicht so gewertet werden, dass der Prodromos schon in dieser Zeit entstand oder zumindest die Grundlagen für dessen Realisierung in dieser Zeit gelegt worden sind. In jedem Fall wurde unter dem Einfluss Calvins in Strassburg dieser humanistische Ehrgeiz in eine stärker religiöse Richtung gelenkt, vergleichbar etwa mit dem, was in Wittenberg mit dem jungen Melanchthon geschehen ist. Es geht Castellio offensichtlich um eine Erneuerung der christlichen Dichtung im reformatorischen Sinne mit Rückgriff auf die griechischen Quellen. Den Angaben im Titel gemäss kann der Prodromos sowohl zur Sprachschulung als auch zur ethischen Schulung eingesetzt werden. Der Centocharakter muss dabei keineswegs als Zeichen mangelnder Kreativität gewertet werden, sondern gewinnt vor diesem pädagogischen Hintergrund besondere Relevanz, indem Castellio dadurch sowohl eine Einführung in die homerische Sprache als auch einen christlichen Deutungshorizont für vertiefte Homer- und Hesiodlektüre schafft. Das hat er auch erreicht, wie die fruchtbare Aufnahme seiner Dichtung durch Neander und andere zeigt.
Edition
Die Edition zielt auf einen leicht normalisierten Text, der hier mit kritischem Apparat und apparatus fontium geboten wird. Zur Normalisierung zählt etwa die Grossschreibung von Eigennamen, die in der Vorlage gemäss der handschriftlichen Tradition nur in Minuskeln erscheinen, ferner die Einfügung von Anführungszeichen zur Markierung direkter Rede und die Anpassung der Zeichensetzung. Diese Anpassungen werden nicht eigens im Apparat vermerkt. Dort aufgeführt sind dagegen Korrekturen bei Akzentsetzung, Aspiration und Orthographie.
Die Vorlage zeigt etliche Unsicherheiten in der Akzentierung. Häufigere Unsicherheiten betreffen etwa: μητήρ statt μήτηρ (1,242.257.263.494 et al.), ἤϋτε statt ἠΰτε (1,84.155; 2,42 etc.), σιώπῃ statt σιωπῇ (1,200.206.314 etc.), κέδνος statt κεδνός (1,214.355.495; 3,94), σπεσσὶ γλαφύρεσσι statt σπέσσι γλαφυροῖσι (2,18.317.353), ῥόη statt ῥοή (2,127.178.243 et al.), ἔμεθεν statt ἐμέθεν (2,130.235.306f. etc.), οἴκια statt οἰκία (1,50.290; 2,369), οὐράνοθεν statt οὐρανόθεν (2,292.431), γυναίκων statt γυναικῶν (1,106; 3,36), σκόλιος statt σκολιός(3,87.95.99 etc.), Ἰωαννέω statt Ἰωάννεω (3,226.285.332 etc.), ferner die Betonung des Infinitivs: 2,108 (διαβάλλεμεν statt διαβαλλέμεν). 109 (λάθεσθαι statt λαθέσθαι).
Historisch bedingt ist die abweichende Betonung im Fall von οἴκονδε statt οἶκόνδε (so auch in der Aldine).
Dem Usus seiner Zeit entsprechend wird in der Vorlage nicht zwischen ὡς («wie») und ὥς («so») unterschieden, sondern für beide nur die akzentlose Form verwendet. Ebenfalls ohne Unterschied wird οἱ als Artikel und als Demonstrativum verwendet.
Weiter gibt es Unsicherheiten in der Aspiration, so vor allem bei ἧμαρ statt ἦμαρ (1,7.38.305.334 etc.), ἰκάνω statt ἱκάνω (1,134.204), ἄζομαι statt ἅζομαι (1,152.297.448 etc.), γενέτλη statt γενέθλη (1,426; 2,76.291), θάρβησανstatt τάρβησαν (2,222), ἰμείρομαι statt ἱμείρομαι (2,420), ἀνδάνω statt ἁνδάνω (3,325). Oft unterbleibt auch die Hauchassimilation (bspw. 1,3 τ’ ὡς statt θ’ ὡς).
Zusammengeschrieben werden gegen moderne Praxis bspw. τρίσμάκαρες statt τρὶς μάκαρες (1,263), κακκεφαλῆς statt κὰκ κεφαλῆς (2,179), κάδδε statt κὰδ δὲ (2,183), ἄμφυτα statt ἂμ φυτά (2,238).
Bei der Orthographie fällt γγ statt γκ bzw. ν statt nasaliertem γ auf: ἀλίγγιον statt ἀλίγκιον (1,358), ἐνκοιμᾶτο statt ἐγκοιμᾶτο (2,18); κ statt χ: καλκῷ statt χαλκῷ (2,84).
Schliesslich werden mehrfach ι, η und υ verwechselt (Itazismus): αἰσηητῆρι statt αἰσυητῆρι (1,127), ἀδυνάων statt ἀδινάων (2,42; 3,210), ὑπερφύαλοι statt ὑπερφίαλοι (2,95), βαπτισθισόμενος statt βαπτισθησόμενος (2,163), ἐπίτριμοι statt ἐπήτριμοι (2,208).
Lesefehler des Setzers dürften sein: ὀχθείρας statt ὀχθήσας (1,28); ζαγρεῖν statt θαρσεῖν (1,66); στίχες statt τρίχες (1,131).
Zahlreich sind die prosodischen Anomalien, die oben schon erwähnt worden sind und daher hier nicht noch einmal einzeln aufgeführt werden. Hervorgehoben seien nur noch einmal die zahlreichen akephalen Verse (Verse mit Kürze statt Länge am Anfang).
Einige der Besonderheiten in Sprache und Metrik des Prodromos scheinen schon einem modernen Benutzer des Druckexemplars aus der Universitätsbibliothek Basel (Sign. Ba la 14:2) aufgefallen zu sein, wo durch Bleistiftmarkierungen «Unregelmässigkeiten» markiert worden sind.
Gliederung
Buch 1
1-20 Proöm mit Akrostichon Castellios
21-89 Gott beschliesst Johannes als Vorläufer Christi zu schicken und sendet Gabriel zu Zacharias
90-196 Gabriel bei Zacharias im Tempel; Zacharias vollendet stumm seinen Tempeldienst (~ Lk 1,5-22)
197-238 Zacharias und Elisabeth; Elisabeth wird schwanger (~ Lk 1,23-25)
239-345 Maria zu Besuch bei Elisabeth (~ Lk 1,26f.39-55)
282-310 Lobgesang Marias (Magnificat ~ Lk 1,46-55)
346-490 Johannes’ Geburt und Namensgebung (~ Lk 1,56-79)
359-381 Lobgesang der Besucher
417-481 Lobgesang des Zacharias (~ Lk 1,67-79)
491-510 Johannes wächst und geht in die Wüste (~ Lk 1,80)
Buch 2
1-8 Gott erteilt Johannes den Auftrag, die Menschen zu taufen (~ Lk 3,2)
9-36 Johannes‘ Nahrung und Kleidung (~ Mk 1,6; Mt 3,4); Beginn der Tauftätigkeit
37-160 Menschen strömen scharenweise zu Johannes
65-93 Sadduzäer und Pharisäer (~ Mt 3,7-10; Lk 3,7-9)
94-116 Zöllner und Soldaten (~ Lk 3,12-14)
117-160 Johannes weist die Frage zurück, ob er der Messias sei (~ Lk 3,15-17)
161-229 Jesus lässt sich von Johannes taufen (~ Mt 3,13-17)
230-353 Johannes’ Zeugnis über Jesus (~ Joh 1,15-34)
262-317 Befragung durch Gesandte (~ Joh 1,19-27)
318-353 Jesus bei Johannes (~ Joh 1,28-34)
354-375 Zwei Johannes-Jünger gehen zu Jesus (~ Joh 1,35-39)
376-453 Streit der Jünger über den Zulauf von Jesus und weiteres Zeugnis des Johannes über ihn (~ Joh 3,22-36)
Buch 3
1-9 Johannes begibt sich in die Stadt
10-19 Johannes und Herodes
20-41 Herodes nimmt Herodias, die Frau seines Bruders Philipp, zur Frau
42-124 Tadelrede des Johannes an Herodes
125-193 Auf Zureden von Herodias lässt Herodes Johannes einsperren (~ Mk 6,19f.; Mt 14,3-5)
194-250 Johannes schickt Jünger zu Jesus (~ Mt 11,2-6)
251-287 Jesu Zeugnis über Johannes (~ Mt 11,7-15)
288-399 Salomes Tanz bei Herodes’ Geburtstag und Johannes’ Hinrichtung (~ Mk 6,21-29)
382-395 Spottrede der Herodias an den abgeschlagenen Kopf des Johannes
397–399 Bestattung des Johannes durch seine Jünger
Bibliographie
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Weise, S., «Graecia transvolavit Alpes: Humanist Greek Writing in Germany (15th-17th Centuries) Through the Eyes of Georg Lizel (1694-1761)», in: H. Lamers/N. Constantinidou (Hgg.), Receptions of Hellenism in Early Modern Europe 15th-17th Centuries, Leiden/Boston, Brill, 2020, 379-409.
Zweig, S., Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, Frankfurt a. M., S. Fischer, 182017 (zuerst Wien/Leipzig/Zürich, Reichner 1936).
Siehe besonders Prod. 1,93-99 (Vergleich Adler und Gedanke). 411-416 (Vergleich losstürmendes Pferd). 454-457 (Vergleich Stern). 461-464 (Vergleich aufgehende Sonne). 467-469 (Vergleich gottgesandter Fahrtwind). 505-508 (Vergleich Diener); 2,42-45 (Vergleich ausschwärmende Bienen). 54-59 (Vergleich kranker Mann und Arzt). 60-62 (Vergleich Hirte, der Schafe reinigt). 135-141 (Vergleich Worfler). 185f. (Vergleich Goldschmied). 204-210 (Vergleich umkämpfte Stadt). 214f. (Vergleich Trompete). 237-243 (Vergleich Kanalgräber). 321f. (Vergleich schlafender Hirte). 378-380 (Vergleich Tagelöhner). 386f. (Vergleich Bock und Schafe). 419-422 (Vergleich Bräutigam und Freund); 3,190-192 (Vergleich Webspinnerin). 210-212 (Vergleich Fliegen). Die meisten Gleichnisse sind aus Homer übernommen.