Christian Wurstisen Diarium

Print Einführung: David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 27.08.2026

Entstehungszeitraum: das Diarium wurde wahrscheinlich ab 1557 in Form von ereignisnahen Einträgen begonnen, doch sein erster Teil wurde von Wurstisen offenbar um 1566-1567 kopiert und ins Reine geschrieben, als er ungefähr 21 Jahre alt war. Die Einträge wurden im Laufe der Zeit vervollständigt, das handschriftliche Autograph enthält Einträge bis zum Jahr 1573 und ein letztes Blatt datiert von 1581.

Handschriften: Basel, Universitätsbibliothek, KiAr Mscr 153, fol. 1-22 (Autogr.), dort fol. 1ro-2ro und fol. 9ro-vo; sowie fol. 23-32 (teilweise Kopie vom Ende des 17. Jahrhunderts), dort fol. 23ro-vo; Basel, Universitätsbibliothek, UBH A lambda I 10 (Kopie; non vidi).

Handschriftliche deutsche Übersetzung aus dem 18. Jahrhundert: Basel, Universitätsbibliothek, UBH A lambda II 8a (Diarium 1557-1581, deutsch; non vidi).

Ausgabe: Luginbühl (1902), 59-64.

 

Christian Wurstisen (1544-1588) ist eine wichtige Gestalt des Basler intellektuellen Lebens im 16. Jahrhundert. Die Herkunft seiner Familie bleibt teilweise im Dunkeln. Sein Vater, Pantaleon Wurstisen, erscheint in den Quellen unter dem Namen «Pantaleon Wurstisen genannt Walch». Dieser Nachname ist wahrscheinlich als eine Form von «Welsch» zu verstehen, ein Begriff, mit dem die deutschsprachigen Schweizer die romanischsprachigen Bevölkerungsgruppen bezeichneten (und noch immer bezeichnen). Er deutet somit auf eine französischsprachige oder, im weiteren Sinne, romanische Herkunft hin. Einer Überlieferung zufolge handelte es sich um einen Einwanderer aus den Cevennen, der in prekären Verhältnissen in die Schweiz kam, bevor er sich in Liestal als Metzger und Wurstmacher niederliess. Derselben Überlieferung zufolge soll er aufgrund seiner Tätigkeit als Wurstproduzent («Wurstmacherei») den Spitznamen «Wurstisen» erhalten haben, der später zum Familiennamen wurde, während sein ursprünglicher Familienname unbekannt bleibt. Nachdem er 1545 in das Bürgerrecht von Basel aufgenommen worden war, machte er dort eine bemerkenswerte Karriere, die ihn unter anderem in die Ämter des Zunftmeisters der Weinhändler und später des Stadtrats führte. Der Werdegang seines Sohnes Christian, der wahrscheinlich in Liestal geboren wurde, veranschaulicht somit einen sozialen und intellektuellen Aufstieg, der durch die Basler städtischen Institutionen, die Universität und das humanistische Umfeld der Reformation ermöglicht wurde.

Wurstisen, der an der berühmten Schule von Thomas Platter in Basel ausgebildet wurde, begann schon sehr früh sein Studium an der Universität und erwarb dort 1562 den Grad Magister Artium, bevor er ein Theologiestudium aufnahm. Sein Werdegang beschränkte sich jedoch nicht auf eine einzige Disziplin: Er gehörte zu den vielseitigen humanistischen Gelehrten. Als ausgebildeter Theologe betrieb er parallel dazu Forschungen in Mathematik, Astronomie und Geschichte.

Seine ersten Erfahrungen als Seelsorger waren von gemischtem Erfolg geprägt. Er wurde zum Prediger und später zum Vikar in Basler Pfarreien ernannt, stiess jedoch auf Unverständnis bei den Gläubigen, die ihm Dunkelheit im Ausdruck vorwarfen; diese Krise veranlasste ihn, die aktive kirchliche Laufbahn aufzugeben.

Bereits 1564 wurde er Professor für Mathematik und Astronomie an der Universität Basel, eine Stelle, die er mehr als zwanzig Jahre lang innehatte. Er veröffentlichte unter anderem ein Lehrbuch zur Arithmetik. Sein Denken zeugt von einer echten Vertrautheit mit den zeitgenössischen wissenschaftlichen Neuerungen. So zeigt er, obwohl er in seiner universitären Lehre an den traditionellen Rahmen des ptolemäischen Systems gebunden ist, ein ausgeprägtes Interesse an den kopernikanischen Thesen, deren Vorzüge er hervorhebt, ohne jedoch die vorherrschende akademische Orthodoxie offen in Frage zu stellen.

Parallel zu seinen wissenschaftlichen Aktivitäten schuf Wurstisen ein umfangreiches historisches Werk. Als Feldhistoriker sammelte er vielfältige Quellen – Inschriften, Archivmaterial, Chroniken, direkte Beobachtungen – im Rahmen zahlreicher Untersuchungen und Reisen in der Region Basel und darüber hinaus. Diese empirische und kumulative Methode gipfelt in seinem Hauptwerk, der Bazsler Chronick (1580), einer umfassenden Synthese, die der Geschichte Basels und seiner Umgebung gewidmet ist und diese in den grösseren Rahmen Europas einordnet. Das Werk, das das Ergebnis von etwa zehn Jahren Arbeit ist, soll den Verlauf der Menschheitsgeschichte unter dem Blickwinkel der göttlichen Vorsehung darstellen und bietet zugleich eine aussergewöhnliche Fülle an Fakten.

Wurstisen ist zudem Verfasser einer historischen Topographie der Stadt Basel in lateinischer Sprache, der Epitome historiae Basiliensis (1577). Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei dem Werk nicht um eine Stadtgeschichte im engeren Sinne. Vielmehr bietet es eine Beschreibung der Region Basel, der Gründung und Entwicklung der Stadt sowie der Entstehung der wichtigsten Sakralbauten; auch die Universität und das Buchdruckwesen werden darin behandelt. Wurstisen widmet zudem den Grabstätten und Begräbnisstätten bedeutender Persönlichkeiten der Vergangenheit besondere Aufmerksamkeit.

Sein Lebensende war von zunehmender institutioneller Anerkennung geprägt. Im Jahr 1584 übernahm er den Lehrstuhl für Alttestamentliche Theologie, 1586 wurde er zum Stadtschreiber ernannt, ein wichtiges Verwaltungsamt, das ihm einen direkteren Zugang zu den Stadtarchiven verschaffte. Die Ernennung erfolgte jedoch zu spät, als dass er die Reichtümer der Archive voll ausschöpfen konnte, da er 1588 im Alter von nur 44 Jahren starb. Schliesslich sei angemerkt, dass über sein Privatleben nur sehr wenig bekannt ist, da das Diarium dazu fast nichts verrät. Glaubt man der in der Basler Münsterkirche aufbewahrten Grabinschrift von Wurstisen, heiratete er Valeria Murer (oder Maurer), mit der er sieben Kinder hatte.

 

Das Diarium

Das Diarium quorundam memorabilium casuum («Tagebuch einiger denkwürdiger Ereignisse») ist eine Quelle ersten Ranges, um sowohl den persönlichen Werdegang von Christian Wurstisen als auch die Entstehung seines historischen Werks nachzuvollziehen. Das Tagebuch, das Wurstisen bereits im Jugendalter begann, als er kaum älter als zwölf Jahre war, begleitet – wenn auch mit einigen Lücken – seine intellektuelle und menschliche Entwicklung über fast ein Vierteljahrhundert hinweg. Das Diarium beginnt mit einem ersten Eintrag vom 18. Juni 1557. In dem Zustand, in dem es uns überliefert ist, enthält das Manuskript Einträge aus den Jahren 1557 bis 1573. Ein einzelnes Blatt enthält noch einige Notizen zum Jahr 1581. Dazwischen liegt eine Lücke, die den Jahren 1574-1580 entspricht und vermutlich auf den Verlust mehrerer Blätter oder Hefte des Originals zurückzuführen ist. Das Datum, an dem Wurstisen tatsächlich aufhörte, sein Tagebuch zu führen, bleibt unbekannt.

Der Text präsentiert sich als Sammlung von Notizen, die im Laufe der Zeit, meist noch am selben Tag oder kurz nach den Ereignissen, festgehalten wurden. Diese Vorgehensweise erklärt die bemerkenswerte Genauigkeit der darin angegebenen Daten. Allerdings wird die strenge chronologische Reihenfolge nicht immer eingehalten, da Wurstisen Ereignisse manchmal erst dann notiert, wenn er davon erfährt, was zu zeitlichen Verschiebungen oder Rückblenden führt. Die materielle Beschaffenheit des Manuskripts selbst – ein kleines Heft, ergänzt durch einzelne Blätter – erinnert daran, dass es sich um ein persönliches Hilfsmittel handelt und nicht um ein zur Veröffentlichung bestimmtes Werk.

Der Inhalt des Diarium ist äusserst vielfältig. Es vermischt unterschiedslos autobiographische Elemente (Familie, Studium, erste berufliche Erfahrungen) mit Beobachtungen zum städtischen, akademischen und gesellschaftlichen Leben in Basel: Ernennungen, Lebensmittelpreise, politische Ereignisse, Kurznachrichten, Naturkatastrophen oder auch die Ankunft von hochstehenden ausländischen Persönlichkeiten in Basel.

Diese thematische Vielfalt reicht jedoch nicht aus, um das «Diarium» zu einem historiographischen Werk im engeren Sinne zu machen. Wurstisen liefert darin weder eine ausführliche Analyse noch eine Interpretation der Ereignisse. Meistens begnügt er sich damit, Fakten, Namen und Daten festzuhalten, wobei er auf Kommentare oder moralische Überlegungen verzichtet. Gerade diese Nüchternheit spiegelt jedoch bereits eine Arbeitsweise wider, die der eines Historikers vorausgeht: die Aufmerksamkeit für Fakten, die methodische Sammlung von Informationen und das Streben nach Genauigkeit. Das Tagebuch erscheint somit als eine Art Labor, in dem sich die Praxis des zukünftigen Chronisten herausbildet.

Die innere Entwicklung des Textes bestätigt diese Lesart. Im Laufe der Jahre nimmt der autobiographische Anteil zugunsten einer umfassenderen Chronik zeitgenössischer Ereignisse ab: Das Individuum weicht nach und nach dem Historiker. Mit anderen Worten: Das Diarium dokumentiert nicht nur Wurstisens Leben, sondern auch seinen Perspektivwechsel, den Übergang von einer persönlichen Erinnerung zu einer Chronik, die sich stärker auf die Ereignisse in der Stadt konzentriert. Luginbühl hat im Übrigen gezeigt, dass das Tagebuch für den von ihm abgedeckten Zeitraum gewissermassen das Fundament der Bazsler Chronick bildet: Die meisten wichtigen Ereignisse tauchen darin bereits in Form von Kurznotizen auf, bevor sie im grossen Werk von 1580 weiter ausgearbeitet oder neu geordnet wurden.

Schliesslich liegt die Bedeutung dieses Textes auch in der relativen Knappheit anderer Quellen für die Jahrzehnte 1560-1570 in Basel begründet. Im Vergleich zu den lückenhaften Archiven oder den oft unvollständigen zeitgenössischen Chroniken bietet das Diarium eine reichhaltige, präzise und lückenlose Dokumentation, was es zu einer der zuverlässigsten Quellen über das Leben in Basel in dieser Zeit macht. Zwar kann es in stilistischer Hinsicht sicher nicht mit literarisch ausgefeilteren Autobiographien mithalten, doch zeichnet es sich durch seine Nüchternheit und seine Faktenfülle aus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Diarium nicht nur ein autobiographisches Dokument ist: Es stellt ein zentrales Element dar, um die intellektuelle Entwicklung Wurstisens und die Arbeitsweise des Historikers zu verstehen. Durch sein Bestreben nach exakter Aufzeichnung und durch die schrittweise Erweiterung seines Horizonts kündigt es bereits den Historiker an, als der er sich einige Jahre später mit der Veröffentlichung der Bazsler Chronick zeigen wird.

Wir präsentieren hier den Anfang des Diarium bis zum ersten Quartal des Jahres 1560. Darüber hinaus geben wir den Eintrag vom 28. Juli 1563 wieder, der sich auf einen Familienskandal aus dem Jahr 1563 bezieht. Wurstisen berichtet darin von der Inhaftierung seines Bruders Erasmus und dessen Ehefrau infolge einer ehebrecherischen Beziehung zu einer Dienstmagd, die schwanger geworden war und anschliessend eine Abtreibung vornehmen liess. Obwohl Wurstisen sich bemüht, seinen Bruder von jeglicher vorsätzlichen Beteiligung an dieser Abtreibung freizusprechen, stellte die Angelegenheit offensichtlich einen schweren Schlag für die Familienehre dar.

 

Bibliographie

Bernoulli, A., «Wurstisen, Christian», Allgemeine Deutsche Biographie, 44 (1898), 346-347, Onlineversion, https://www.deutsche-biographie.de/sfz86292.html#adbcontent.

Burckhardt, A., «Christian Wurstisen», Beiträge zur vaterländischen Geschichte, 2 (1888), 357-398.

Burnett, A. N., Teaching the Reformation. Ministers and Their Message in Basel, 1529-1629, Oxford, Oxford University Press, 2006.

Feller, R./Bonjour, E., Geschichtsschreibung der Schweiz vom Spätmittelalter zur Neuzeit, Bd. I, Basel/Stuttgart, Helbing & Lichtenhahn Verlag, 1979, 217-222.

Hess, S., «Wurstisen, Christian», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 11.01.2015, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/018694/2015-01-11/.

Luginbühl, R., «Diarium des Christian Wurstisen 1557-1581», Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 1 (1902), 53-145 (DOI: https://doi.org/10.5169/seals-111273).

Teuteberg, R., Berühmte Basler und ihre Zeit, Basel, Birkhäuser, 1976, 26-42 (zu Wurstisen).

Thommen, R., Geschichte der Universität Basel (1532-1632), Basel, Detloff, 1889.

Wackernagel, R., Geschichte der Stadt Basel, Bd. 3, Basel, Helbing & Lichtenhahn, 1924.