Pietro Perna Vorrede zu Auriferae artis
Entstehungszeitraum: sicher nicht lange vor der Drucklegung der Sammlung, als deren Vorrede der Text fungiert (1572).
Edition: Auriferae artis, quam chemiam vocant, antiquissimi authores, sive turba philosophorum, Pietro Perna, 1572, hier: fol. 2ro-5ro.
Der Druckerherr Pietro Perna
Pietro Perna wurde vor 1522 in Villa Basilica bei Lucca geboren. Ab 1533 war er Mönch im Dominikanerkloster San Romano in Lucca. In dieser Zeit muss er Sympathien für die Reformation entwickelt haben, denn ab 1542 studierte er an der Universität Basel, wo er aufgrund seiner Armut von Gebühren freigestellt war. Etwa fünfzehn Jahre lang betätigte er sich als Buch- und Handschriftenhändler zwischen Basel und Italien. 1557 wurde er in die Basler Safran-Zunft aufgenommen, im Jahr darauf begann er seine Unternehmertätigkeit als Druckerverleger. Er arbeitete dabei auch mit anderen Druckerherren zusammen: in den Jahren 1561 bis 1567 mit Heinrich Petri (1508-1579) und 1566 mit Johannes Oporinus (1507-1568). Neben zahlreichen Schriften anderer italienischer (reformierter) Emigranten publizierte er etwa auch die Werke des Paracelsus. Perna war zweimal verheiratet (nach dem Tod seiner ersten Gattin Johanna Verzasca mit Aurelia von Muralt). Nach seinem Tod am 16. August 1582 übernahm sein Schwiegersohn Conrad Waldkirch die Offizin.
Pietro Pernas Vorrede zu dem alchemistischen Sammelband Auriferae artis
Wir präsentieren hier Pernas Vorrede zu der von ihm gedruckten alchemistischen Textsammlung Auriferae artis («Goldbringende Kunst»), die er laut ebendieser Vorrede mit der Unterstützung gelehrter Freunde zusammengestellt hatte.
Perna war nicht der erste Verleger, der eine Sammlung alchemistischer Texte edierte; als Vorläufer zu nennen ist etwa De alchemia. Opuscula complura veterum philosophorum (Nürnberg, Johannes Petreius, 1541; erweiterte Edition Frankfurt a. M., Cyriacus Jacobus, 1550). Dementsprechend sind manche der in Artis auriferae aufgenommenen Texte auch schon zuvor andernorts erschienen. Bedeutsam ist an dem von Perna gedruckten Sammelband besonders die editio princeps der Turba philosophorum. Der im 13. Jahrhundert nach einem arabischen Original (Muṣḥaf al-ǧamāʾa – «Buch der Versammlung») entstandene Text präsentiert sich als Wortprotokoll einer Versammlung antiker griechischer Philosophen unter dem Vorsitz des Pythagoras. Seine handschriftliche Überlieferung ging mit mehr oder weniger ausgeprägten Textabweichungen und -varianten einher. Perna versucht diesem Befund gerecht zu werden, indem er – wie er in seiner hier präsentierten Vorrede ausführt – zwei verschiedene Versionen des Werkes hintereinander abdruckt und seiner Leserschaft freistellt, welche sie bevorzugt. Auch auf weitere in der Sammlung abgedruckte Texte geht er kurz ein; was es zu ihnen zu sagen gibt, findet man in den Anmerkungen unserer deutschen bzw. französischen Übersetzung seiner Vorrede. Unverkennbar ist seine Wertschätzung der alchemistischen Wissenschaft, die er gegen ihre Kritiker in Schutz nimmt. Wichtig ist ihm dabei besonders das Autoritätsargument, dass hochgelehrte und berühmte Männer sich mit ihr beschäftigt haben; und ausserdem «kann ein sachkundiger Experte als höchst scharfsinniger Erforscher und, sozusagen, Helfer der Natur – durch Begabung und Fleiss auch jenes bieten und bewirken, was den Unwissenden und Unerfahrenen unmöglich erscheint und über das Fassungsvermögen der breiten Masse hinausgeht.» Diese Verteidigung der Alchemie verbindet er mit dem taktisch klugen Zugeständnis, dass es auf diesem Gebiet durchaus auch Betrüger gibt, die ihren Mäzenen nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen.
Denn alchemistische Interesse sind in der Schweiz erst relativ spät, ab dem 16. Jahrhundert, nachzuweisen: die erste systematische Handschriftensammlung schuf der St. Galler Bartholomäus Schobinger (1500-1585). Der Nürnberger Patrizier und Mediziner Philipp Ulstad verfasste 1525 in Freiburg i. Üe. die Schrift Coelum philosophorum, gedruckt wurde sie aber erstmals 1526 in Strassburg. Im Jahr 1545 druckte der Berner Drucker Samuel Apiarius erstmals auf dem Gebiet der heutigen Schweiz alchemistische Literatur (Alchemia des Pseudo-Geber und weitere Schriften). Damit begann eine Tradition der Editionstätigkeit, die zahlreiche zuvor nur handschriftlich vorliegende alchemistische Schriften erstmals in der Eidgenossenschaft den Weg in gedruckte Bücher finden liess. Bis ins 18. Jahrhundert hinein erschienen umfangreiche Sammelausgaben alchemistischer Texte. Pernas Kollektion Auriferae artis steht noch relativ am Beginn dieser editorischen Traditionslinie.
Pernas Schwiegersohn und Geschäftsnachfolger Conrad Waldkirch publizierte Auriferae artis 1593 ein weiteres Mal; 1610 folgte, wiederum in der gleichen Offizin, eine um einen dritten Band erweiterte Ausgabe. Zu den Besitzern der letztgenannten Ausgabe gehörte etwa auch Isaac Newton (1643-1727). Der uns als Bahnbrecher der modernen Physik vertraute englische Gelehrte, der sich über weite Strecken seines Lebens intensiv mit alchemistischen Fragen auseinandersetzte, versah sein Exemplar mit zahlreichen Anmerkungen und Eselsohren. Auch C. G. Jung (1875-1961) hat die Texte der Sammlung Auriferae artis rezipiert, wodurch diese Schrift zusätzliche kulturgeschichtliche Bedeutung erhält.
Wir möchten abschliessend daran erinnern, dass auch ein weiterer Autor dieses Portals von der Alchemie begeistert war: Raphael Egli (1559-1622). Ihn stellen wir auf diesem Portal allerdings mit zwei anderen Aspekten seines Denkens vor: seiner Suche nach Anzeichen für den bald bevorstehenden Weltuntergang und seiner mutmasslichen Affinität zum Rosenkreuzertum. Dass diese Interessen sich mit seinen alchemistischen Neigungen gut reimten, dürfte niemanden überraschen.
Bibliographie
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