Johannes Buxtorf der Ältere Institutio epistolaris Hebraica

Print Einführung: David Amherdt(deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 01.05.2026

Entstehungszeitraum: terminus ad quem: 1610 (Publikationsjahr und Widmungsepistel).

Editionen: Institutio epistolaris Hebraica, cum epistolarum Hebraicarum familiarium centuria, ex quibus, pro auspicato incipientium subsidio, quinquaginta punctis vocalibus animatae, versione Latina et notis illustratae sunt, Basel, Konrad von Waldkirch, 1610, fol. ):(2ro-):(4vo; Institutio epistolaris Hebraica, sive De conscribendis epistolis Hebraicis liber, cum epistolarum Hebraicarum centuria, ex quibus quinquaginta punctatae, Latine explicatae et notis illustratae sunt. Accessit appendix variarum epistolarum R. Maiemonis et aliorum eius seculi excellentium rabbinorum, Basel, L. König, 1629, fol. *2ro-*5vo.

 

Buxtorfs Leben und Werk

Johannes Buxtorf wird am 25. Dezember 1564 in Kamen in Westfalen als Sohn einer zur lokalen Elite gehörenden Familie geboren. Sein Vater, ein Pfarrer, spielt eine wichtige Rolle bei der Etablierung des Luthertums in der Stadt. Nach seiner Schulausbildung in Hamm und Dortmund, wo er das Hebräische kennenlernt, studiert Buxtorf Theologie an der reformierten Hochschule in Herborn (1585-1588). Er besucht insbesondere die Vorlesungen von Caspar Olevian und Johannes Piscator, deren Unterricht sein Interesse am Hebräischen und der Judaistik weckt.

1588 unternimmt er eine Studienreise in die Schweiz. In Basel trifft er Johann Jakob Grynaeus, eine prägende Persönlichkeit der Basler Universität und Kirche, der sein Talent sofort erkennt und ihn ermutigt, in der Stadt zu bleiben. Buxtorf nimmt zunächst eine Stelle als Privatlehrer an und wohnt bei dem angesehenen Bürger Leo Curio, dessen Tochter Margaretha er später heiratet. Nachdem er 1590 den Grad eines Magister Artium erworben hat, wird er Professor für Hebräisch an der Universität Basel, eine Stelle, die er bis zu seinem Tod innehat.

Buxtorf heiratet 1593 Margaretha Curio und gründet eine kinderreiche Familie. Von seinen Kindern wird Johannes Buxtorf II. ein ebenso angesehener Hebraist wie sein Vater und arbeitet eng mit ihm zusammen, insbesondere bei der Erstellung grosser lexikographischer Werke und der berühmten Konkordanz der hebräischen Bibel (1632).

In Basel unterrichtet Buxtorf nicht nur Bibelhebräisch: Er führt seine Studenten auch in die mittelalterlichen jüdischen Kommentatoren, den Talmud und die gesamte rabbinische Literatur ein. Durch seine Vorlesungen und seine zahlreichen Werke – von denen viele nach seinem Tod von seinem Sohn veröffentlicht werden –, darunter der Thesaurus Grammaticus (1651), die Juden Schul (1603), die Sylvula epistolarum (1603) oder auch das monumentale Lexicon Chaldaicum, Talmudicum et Rabbinicum (posthum erschienen 1639) – trägt er entscheidend dazu bei, christlichen Gelehrten die hebräische Philologie und die nachbiblischen jüdischen Texte zugänglich zu machen. Sein Ruf überschreitet rasch die Grenzen Basels: Die grössten europäischen Gelehrten, allen voran Joseph Justus Scaliger, loben sein immenses Wissen und führen gelehrte Briefwechsel mit ihm.

Seine finanzielle Lage bleibt jedoch relativ bescheiden: Die Gehälter der Professoren an der Universität Basel gehören zu den niedrigsten in Europa, und Buxtorf sieht sich gezwungen, sein Einkommen durch verschiedene universitäre und städtische Ämter aufzubessern. Mehrfach erhält er jedoch prestigeträchtige Berufungen – 1611 nach Saumur, 1619 nach Heidelberg und schliesslich 1625 nach Leiden. Die Einladung aus Leiden, verbunden mit einem deutlich höheren Gehalt, ist besonders schmeichelhaft; doch Buxtorf, der bereits in einem fortgeschrittenen Lebensalter steht und fest in Basel verwurzelt ist, lehnt sie schliesslich ab. Diese Ablehnung veranlasst die Universität Basel, sein Gehalt anzuheben.

Sein internationaler Ruf spiegelt sich sowohl im Kreis der Mäzene wider, denen er seine Werke widmet, als auch in der finanziellen Unterstützung, die er erhält – insbesondere seitens der Generalstaaten der Vereinigten Niederlande – und in seiner Einbindung in die Gelehrtenrepublik der Gelehrten, wo er sich als einer der angesehensten Hebraisten seiner Zeit etabliert. Gelehrte aller Konfessionen erkennen seine Autorität auf dem Gebiet der semitischen Sprachen und der jüdischen Literatur an.

Johannes Buxtorf stirbt 1629. Sein Sohn, Johannes Buxtorf der Jüngere, folgt ihm auf dem Basler Hebräischlehrstuhl nach und führt mehrere der von seinem Vater begonnenen grossen lexikographischen Projekte zu Ende. Damit sichert er die Kontinuität eines aussergewöhnlichen wissenschaftlichen Werks und den Fortbestand des Namens Buxtorf, der so zu einem unverzichtbaren Referenzpunkt für die neuzeitliche christliche Hebraistik geworden ist.

Die Institutio epistolaris und Buxtorfs Rolle bei der Verbreitung der Hebräischstudien

Im deutschsprachigen Raum begann sich die christliche Hebraistik bereits Ende des 15. Jahrhunderts zu entwickeln und erlebte zu Beginn des 16. Jahrhunderts unter dem Einfluss der humanistischen Bewegung einen entscheidenden Aufschwung. Johannes Reuchlin (1455-1522) spielte dabei eine grundlegende Rolle, indem er das Studium des Hebräischen als Schlüssel zum Verständnis des Alten Testaments verteidigte und es an mehreren Universitäten unterrichtete.

In der Schweiz zeigte sich dieses Interesse am Hebräischen insbesondere bei Gelehrten wie Conrad Pellican (1478-1556) in Zürich und Sebastian Münster (1488-1552) in Basel. Dieser Aufschwung blieb jedoch sowohl in institutioneller Hinsicht als auch hinsichtlich der tatsächlichen Zahl der Fachleute sehr bescheiden, verglichen mit der zentralen Stellung, die das Lateinische und, in geringerem Masse als dieses, das Griechische einnahmen. Er wurde dennoch durch die bedeutende Rolle des Basler Buchdrucks begünstigt, insbesondere durch die Veröffentlichung von Werken in hebräischer Sprache bei Verlegern wie Johann Froben und Heinrich Petri.

Im 17. Jahrhundert etablierte sich Basel unter dem Einfluss von Johannes Buxtorf und später dessen gleichnamigen Sohn nachhaltig als eines der wichtigsten europäischen Zentren der Hebraistik. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen und pädagogischen Tätigkeit sah sich Buxtorf veranlasst, für das Hebräische didaktische und philologische Hilfsmittel zu entwickeln, die mit den bereits für Latein und Griechisch etablierten vergleichbar waren. Seine Arbeiten zur hebräischen Briefliteratur, Dichtung und Bibliographie stellen in dieser Hinsicht einen entscheidenden Meilenstein in der Geschichte der christlichen Hebraistik dar.

Buxtorf beklagt wiederholt das Fehlen von Lehrwerken, die wirklich auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnitten sind. In der Überzeugung, dass die Schwierigkeiten beim Erlernen des Hebräischen weniger auf mangelnde Begabung als vielmehr auf das Fehlen geeigneter Hilfsmittel zurückzuführen sind, macht er sich daran, diese Lücken durch die Erstellung von Briefsammlungen, Abhandlungen zur Textkomposition und bibliographischen Leitfäden zu schliessen. Er steht damit ganz in der Tradition der humanistischen Pädagogik: So wie das Studium des Lateinischen auf praktischen Übungen in Rhetorik, Briefkunst und Dichtung beruht, darf sich der Hebräischunterricht nicht allein auf die Grammatik beschränken. Damit eine Sprache lebendig bleibt und sich weiterentwickelt, muss sie in all ihren Ausdrucksformen praktiziert werden.

Buxtorfs Interesse an der hebräischen Briefkunst steht zudem in einem grösseren Zusammenhang. Im gelehrten Europa der Renaissance und der frühen Neuzeit lebte die Gelehrtenrepublik weitgehend von der wissenschaftlichen Korrespondenz: Briefe waren ein bevorzugtes Mittel der Wissensvermittlung, der kritischen Diskussion und der informellen Verbreitung von Texten. Die Fähigkeit, einen eleganten, klaren und sprachlich einwandfreien Brief zu verfassen, ist daher damals eine wesentliche Kompetenz für einen Gelehrten.

Der Briefwechsel mit jüdischen Gelehrten – der bereits seit dem 16. Jahrhundert belegt ist – setzt jedoch voraus, dass man Hebräisch nicht nur als Lesesprache, sondern auch als Sprache der schriftlichen Kommunikation beherrscht. Vor diesem Hintergrund widmet sich Buxtorf systematisch der Sammlung, Herausgabe und Aufbereitung zeitgenössischer hebräischer Briefe und trägt so dazu bei, das Hebräische vollständig in die Briefkultur der Gelehrtenrepublik zu integrieren.

Sein erstes Briefwerk, die Sylvula epistolarum Hebraicarum (1603), hat im Wesentlichen die Form einer Anthologie authentischer jüdischer Briefe. Buxtorf bietet darin die Transkription der Texte, ihre Vokalisierung, eine lateinische Übersetzung sowie sprachliche Kommentare. Er erkennt jedoch recht schnell, dass dieses Werk, so wertvoll es auch sein mag, nicht ausreicht, um die Studenten wirklich in der Praxis des Briefeschreibens zu schulen.

Die Ermutigung durch Joseph Justus Scaliger, einen grossen Bewunderer der Sylvula, spielt dabei eine entscheidende Rolle: Der französische Gelehrte betont die Notwendigkeit, ein echtes theoretisches Lehrbuch zu verfassen, das den Lernenden Regeln und Vorlagen für das Verfassen von Texten an die Hand geben soll. Buxtorf macht sich daraufhin an die Abfassung dessen, was sein Meisterwerk in Sachen hebräischer Stil und Komposition werden sollte: die Institutio epistolaris Hebraica (1610).

Das Werk verbindet rhetorische Theorie mit sprachlicher Praxis. Im ersten Teil, der eigentlichen Institutio epistolaris Hebraica präsentiert Buxtorf eine veritable Lehre vom hebräischen Brief, die sich an den Regeln Ciceros für die lateinische Briefkunst orientiert: Der Brief soll ein einfacher, klarer und natürlicher Dialog zwischen Abwesenden sein. Er übernimmt aus der römischen Welt die Einteilung der Briefarten und definiert drei Hauptgattungen: die ernste Gattung (genus serium), zu der insbesondere Beratungen über politische Fragen, Ermahnungen, Trostschreiben, Empfehlungen etc. gehören; das gelehrte oder theoretische Genre (doctum sive doctrinale), das sich mit philologischen, philosophischen und theologischen Fragen befasst; und schliesslich das vertrauliche Genre (familiare), das sich mit familiären und häuslichen Angelegenheiten sowie dem Alltag beschäftigt. Buxtorf liefert darüber hinaus eine sorgfältige Analyse der Bestandteile eines Briefes: die dem Status des Empfängers angepassten Grussformeln, die Formeln, die mit dem liturgischen Kalender zusammenhängen (zum Beispiel für Pessach oder Jom Kippur), die Einleitungsformeln, die Schlussformeln sowie die Wendungen, die Respekt oder Freundschaft zum Ausdruck bringen.

Der zweite Teil des Werks umfasst hundert Briefe. Die ersten fünfzig, die mit Vokalisierungen versehen, übersetzt und kommentiert sind, bieten Anfängern eine solide Grundlage; die folgenden fünfzig, die keine Vokalisierungen enthalten – und von denen nur die ersten zehn übersetzt und kommentiert sind –, bilden eine Zwischenstufe, die den Nutzer schrittweise zur Selbstständigkeit führt. Das Corpus stammt aus hebräischen Briefsammlungen – 80 stammen aus der Megillat Sefer und 20 aus der Iggerot Shelomim –, aus moderner rabbinischer Korrespondenz (Briefe deutscher und italienischer Rabbiner an Israel Sifroni, den Herausgeber des Basler Talmuds) sowie aus Buxtorfs persönlichem Briefwechsel. Die Institutio bietet somit eine echte abgestufte Pädagogik, die auf der schrittweisen Nachahmung hochwertiger Vorbilder basiert.

Trotz seines ehrgeizigen Anspruchs und seiner Einzigartigkeit fand dieses Werk nur sehr begrenzten Anklang, da es keinem wirklich weit verbreiteten Bedürfnis entsprach. Es wurde jedoch im Unterricht von Buxtorf dem Jüngeren verwendet, von Gelehrten wie Johann Heinrich Hottinger aufgegriffen und diente im 17. Jahrhundert als Quelle für zahlreiche christlich-hebräische Korrespondenzen.

Buxtorfs Gesamtwerk beschränkt sich nicht auf die Briefkunst. Seine Abhandlung über die hebräische Dichtung (Tractatus brevis de prosodia metrica, 1609) und vor allem sein De abbreviaturis Hebraicis (1613) – die erste grosse moderne Bibliographie zur rabbinischen Literatur – verfolgen ebenfalls das Ziel, Christen zum direkten und eigenständigen Studium der nachbiblischen jüdischen Literatur zu befähigen. Doch die Institutio epistolaris Hebraicabildet zweifellos das Herzstück: Hier kommt sein Bestreben am deutlichsten zum Ausdruck, das Hebräische über die blosse Lektüre hinaus zu einer lebendigen Sprache zu machen, die für den wissenschaftlichen Austausch geeignet ist.

 

Bibliographie

Burnett, S. G., Christian Hebraism in the Reformation Era (1500-1660). Authors, Books, and the Transmission of Jewisch Learning, Leiden/Boston, Brill, 2012.

Burnett, S. G., «Buxtorf, Johannes», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 14.07.2003, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010451/2003-07-14/.

Burnett, S. G., From Christian Hebraism to Jewisch Studies. Johannes Buxtorf (1564-1629) and Hebrew Learning in the Seventeenth Century, Brill, Leiden/New York/Köln, 1996.

Kautzch, E., Johannes Buxtorf der Ältere, Basel, Detloff, 1879.

Prijs, J., Die Basler Hebräischen Drucke (1492-1866), hg. von B. Prijs, Olten/Freiburg i. Br., Urs Graf, 1964.