Johann Nicolaus Baumann Über den Tabak
Entstehungszeitraum: terminus ante quem ist der öffentliche Vortrag am 24. Februar 1629; ob Baumann schon vor seiner Basler Immatrikulation am 9. Januar 1629 Vorarbeiten geleistet hatte, ist uns unbekannt.
Edition: Ioh(annis) Nicolai Baumanni Moeno-Francofurtensis, Med(icinae) D(octoris) Dissertatio inauguralis de tabaci virtutibus, usu et abusu: publice habita in Brabeuterio Acad(emiae) Basil(iensis) […], Basel, Johann Jacob Genath, 1629.
Einleitung
Die Entdeckungsreisen der Frühen Neuzeit weiteten bekanntermassen nicht nur den geographischen Horizont der Europäer, sie brachten ihnen auch die Kenntnis neuer Nahrungsmittel und Konsumgüter. Manche waren anfangs teuer, schliesslich aber wurden sie alle Bestandteile des Alltagslebens: Schokolade, Kaffee, Tee etc. Ihre Rezeptionsgeschichte bis zum heutigen Tag gehört zu den faszinierendsten und aufgrund der schieren Masse der Zeugnisse unausschöpfbaren Themen der Kulturwissenschaft. In dem hier zu präsentierenden Text geht es um eine Pflanze, die von Anfang an Gegenstand besonders heftiger Kontroversen war: den Tabak. Schon Christopher Columbus konnte den Europäern von diesem Gewächs berichten. Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der nicht nur die deutsche Nationalhymne dichtete, sondern von Beruf auch ein gelehrter Bibliothekar war, bemerkte zu ihr einst: «Der Tabak hat eine weltgeschichtliche Bedeutung. Jeder muss ihm das zuerkennen, ganz einerlei, ob er ihn für gesund oder schädlich hält, ihn liebt oder verabscheut.» In diesem Sinne erscheint es uns aus kulturhistorischer Perspektive reizvoll, im Folgenden eine Basler medizinische Inaugural-Dissertation aus dem Jahr 1629 vorzustellen, in der ein Mediziner sich über die Wirkung des Tabaks, seinen Nutzen und seinen möglichen Missbrauch äussert. Es kann gleich vorausgeschickt werden, dass seine Wertung des Tabaks wesentlich positiver ausfällt als die in der heutigen Medizin allgemein übliche.
Der Verfasser der Dissertatio inauguralis de tabaci virtutibus
Der Verfasser dieser Inaugural-Dissertation ist der aus Frankfurt am Main stammende Johann Nicolaus Baumann. Der ca. 1601 geborene Jungmediziner hatte sich erst am 9. Januar 1629 in Basel als Medizinstudent immatrikuliert; zuvor ist er an den Universitäten von Strassburg (Immatrikulation am 22. April 1623) und Leiden (Immatrikulation am 21. Oktober 1624) nachweisbar. Am 24. Februar 1629 hat er – laut Wackernagels Edition des Matrikelbuchs – den medizinischen Doktorgrad erhalten, also offensichtlich mit der vorliegenden Arbeit über den Tabak. Seine Basler Gönner, Bekannten und Freunde gratulierten ihm mit einer Schrift unter dem Titel Laureae Asclepiadeae, Gratulationsgedichten, die laut Titelblatt am 24. Februar 1624 gesammelt worden waren. Er hat den Doktorgrad also an diesem Tag, erhalten, an dem er seine Dissertatio de tabaci virtutibus vortrug. Laut Titelblatt geschah das im Brabeuterium der Universität, einem heute nicht mehr vorhandenen kapellenartigen Gebäude am Rheinufer, das seit 1573 als Aula promotionum für alle Fakultäten diente. Dass darin die von Andrea Vesalius und Felix Platter angefertigten Skelettpräparate ausgestellt wurden, dürfte bei den Herren von der Medizinischen Fakultät für heimelige Gefühle gesorgt haben. Einen indirekten Hinweis auf das Thema dieser Dissertatio findet man vielleicht im siebenten Gedicht der Gratulationsgedichte-Sammlung (von Johannes Graselius), in dem davon die Rede ist, Baumann habe sich mit Pflanzen beschäftigt. Baumann widmete die Druckfassung seiner Dissertation Juristen Jeremias Wisman, der seinerseits am 9. März 1629 mit einer Dissertatio de questionibus seu tortura reorum (also über die peinliche Befragung bzw. Folter) hervorgetreten war, um das juristische Lizenziat zu erlangen. Auf dem Titelblatt seiner Dissertation wird Wisman als Kölner bezeichnet, sein Immatrikulationseintrag vom November 1621 gibt indes Frankfurt am Main als Herkunft an, er wäre dann also ein Landsmann Baumanns.
Auffällig ist, dass Baumann bereits am 6. Februar 1629 öffentlich eine ebenfalls im Druck erschienene medizinische Inaugural-Dissertation De angina vorgetragen hatte. Für dieses Faktum haben wir bislang, auch unter Berücksichtigung des in Basel üblichen Promotionsverfahrens, keine eindeutige Erklärung gefunden.
Halten wir in jedem Fall fest: Der Erwerb des medizinischen Doktortitels kostete Baumann ab seiner Immatrikulation bis zum Vortrag seiner Dissertation über den Tabak nur etwas über sechs Wochen Zeit. Eine solche Schnellpromotion war in der Frühen Neuzeit bekanntlich eher die Regel als die Ausnahme. Nicht nur aus diesem Grund gilt für Baumanns Dissertatio: Es wäre anachronistisch, die seit dem 19. Jahrhundert ständig gestiegenen wissenschaftlichen Ansprüche der Doktorpromotionen an seine Arbeit anlegen – wobei wir nicht vergessen sollten, dass die massenweise in deutschsprachigen Landen angefertigten medizinischen Dissertationen bekanntlich bis heute zum grössten Teil nicht den Standards genügen, die mittlerweile in allen anderen Disziplinen gelten.
Abgesehen von seinem Studienverlauf und seiner Basler Promotion ist Baumann für uns kaum greifbar. Im Jahr 1640 ist er als deutscher Übersetzer eines Pesttraktats des mittelalterlichen Arztes Roland von Parma (12. Jahrhundert) an einer Frankfurter Publikation beteiligt. Ansonsten lässt sich zu seinem weiteren Lebensweg nichts feststellen, auch sein Sterbedatum kennen wir nicht.
Geistesgeschichtlicher Hintergrund: die Kontroverse um den Tabak
«In den ersten vierzig Jahren des 17. Jahrhunderts, als das Rauchen sich durch den Dreißigjährigen Krieg über ganz Mitteleuropa verbreitete und dem Tabak überdies noch immer wunderbare Heilkräfte zugeschrieben wurden, beschäftigten sich natürlich Ärzte in Wort und Schrift damit.» Eines der umfangreichsten und bekanntesten Werke zu diesem Thema war Johannes Neanders Tabacologia von 1622, die Baumann auch mehrfach zitiert; eine andere Quelle ist etwa Aegidius Everards Schrift De herba panacea. Auf die von ihm zitierten und herangezogenen Werke und Autoren gehen wir in den entsprechenden Anmerkungen in unserer Übersetzung genauer ein. Allerdings machte sich im Laufe der Zeit eine gewisse Ernüchterung breit, weil die erhofften und von manchen Ärzten behaupteten Heilwirkungen sich nicht einstellten. Von den poetischen Werken, die sich mit Tabak beschäftigen, erwähnen wir nur beispielshalber Jacob Baldes Satyra contra abusum Tabaci (1657).
Stattdessen ist in unserem Kontext ein kurzer Blick auf die Schweiz angebracht: 1565 erhielt der Augsburger Stadtphysicus Adolf Occo III. (1524-1606) von einem französischen Arzt getrocknete Tabakblätter, ohne Angabe, worum es sich dabei handelte. Der von ihm danach befragte Memminger Arzt Johann Funk reichte die Anfrage an Conrad Gessner in Zürich weiter. Dieser stellte durch Experimente am eigenen Leib und an einem Hund fest, dass die Blätter nicht für den Verzehr geeignet waren. Er seinerseits konnte vom Berner Arzt Benedikt Aretius Aufschluss über die rätselhafte Pflanze erhalten, da dieser in seinem Berner Garten bereits Tabak gepflanzt hatte und ihm zu Identifikationszwecken Abbildungen der Pflanze zuschicken konnte. Man kann sagen, dass hier der Beginn der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Tabak in der Schweiz greifbar wird. Die politische Haltung der eidgenossenschaftlichen Obrigkeiten im 17. Jahrhundert gegenüber dem neuen Kraut war eher restriktiv; die an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten dagegen erlassenen Mandate etc. konnten aber nicht verhindern, dass die Gewohnheit des Rauchens sich immer mehr ausbreitete. In Basel allerdings wusste die Obrigkeit trotz eines gewissen Missfallens über den Tabakkonsum in den unteren Sozialschichten die Rolle der Stadt als Transitplatz des Tabakhandels und die damit verbundenen Einkünfte zu schätzen. Ungeachtet dessen wurde «1643 […] einem […] aus Lothringen eingewanderten Tabakmacher das nachgesuchte Bürgerrecht in Basel verweigert, ‘weil man dieses Handwerks allhie ganz nicht bedarf.’» Diese Zwiespältigkeit im Umgang mit dem neuen Genussmittel sollte man vielleicht auch bei der Betrachtung von Baumanns Basler Dissertatio im Hinterkopf behalten.
Die genannte Dissertatio beschäftigt sich mit der medizinischen Wirksamkeit des Tabaks, besonders des Tabakrauchens (das Baumann dem damaligen Sprachgebrauch entsprechend als Schlucken oder Trinken bezeichnet), und mit dem sinnvollen Gebrauch, aber auch mit dem Missbrauch des Tabaks. Hier weiter auf ihren Inhalt einzugehen, ist wenig sinnvoll. Die ausgewählten Passagen sprechen für sich selbst, und die Anmerkungen in der Übersetzung erläutern genauer, welche zeitgebundenen medizinischen Vorstellungen – besonders aus der in der Antike entstandenen Humoralpathologie – und Quellen Baumanns Ausführungen im Einzelnen zugrunde liegen, und sie bieten sachliche Erläuterungen auch zu weiteren Hintergründen. Hier genügt es, zusammenfassend festzustellen, dass Baumann in seiner Dissertatio eine Art Apologie des Tabaks liefert, adressiert an die wissenschaftlich Gebildeten unter seinen Verächtern, wobei er sich freilich auch gegen seine missbräuchliche, übermässige Verwendung ausspricht.
Ausblick
Die Geschichte einer an die lokalen Verhältnisse angepassten schweizerischen Tabakzucht und der Tabakindustrie nachzuvollziehen, ist hier nicht der Ort. Wir erinnern nur kurz an die heutige Lage: Medizin und Politik sind auch in der Schweiz bestrebt, den Tabakkonsum zu reduzieren, und es gibt Erfolge, auch wenn ungeachtet der teils drastischen Warnungen der Tabakkonsum noch erstaunlich weit verbreitet ist: Laut dem schweizerischen Bundesamt für Statistik waren im Jahr 2022 in der Schweiz 27,2% der Männer und 20,8% der Frauen Raucher; am meisten verbreitet war das Rauchen bei den 25- bis 34-jährigen Männer (33%) und den 15- bis 24-jährigen Frauen auf (26%). Zudem waren 4,9% der Männer und 3,3% der Frauen intensivem Passivrauchen ausgesetzt (mehr als eine Stunde täglich). 61,8% der männlichen und 58,8% der weiblichen Raucher erklärten ihren grundsätzlichen Wunsch, damit aufzuhören. Der Raucheranteil bei den Männern war seit 1992 von 37% aus deutlich gesunken, während er bei den Frauen stabil geblieben war. Die Zahl der Intensivraucher (20 Zigaretten täglich und mehr) war in diesem Zeitraum deutlich von 12% auf 4% gesunken. Aktivisten beklagen, dass die Bemühungen um eine Verbesserung der Volksgesundheit durch Reduzierung des Rauchens durch den weiterhin starken Einfluss der Tabaklobby auf die schweizerische Politik konterkariert werde. Die grossen in der Schweiz tätigen Tabakunternehmen ihrerseits beteuern ihr Verantwortungsbewusstsein oder erklären sogar, selbst auf eine rauchfreie Zukunft hinzuarbeiten. Eine inhaltliche Bewertung dieser unterschiedlichen Standpunkte und Behauptungen kann nicht Gegenstand dieses Portals sein. Ihre Aufführung soll nur demonstrieren, vor welchem Hintergrund ein heutiges Publikum Baumanns Schrift hier lesen und in ihren Aussagen bewerten wird.
Aus dieser Perspektive wird Baumanns Dissertatio in ihrer Zielsetzung unzweifelhaft heute als schlimmer Irrtum der frühneuzeitlichen Medizin erscheinen. Sie war aber ebenso unzweifelhaft ein wohlmeinender Irrtum. Es wäre daher zu billig, sich einfach über einzelne ihrer Aussagen zu amüsieren, die uns besonders grotesk erscheinen mögen (wie die Behauptung, Tabakrauch helfe bei Asthma). Gerade in ihrer verstörenden Wirkung («wie konnte man jemals so etwas behaupten?») liegt ein Potential, das über ihre Bedeutung als kulturhistorisches Zeugnis einer vergangenen Zeit und glücklicherweise überwundener Anschauungen hinausweist. Im besten Falle kann diese Dissertatio einen aufgeschlossenen Leser dazu anregen, über die mögliche Existenz vergleichbarer wohlmeinender Irrtümer in seiner eigenen Epoche und Kultursphäre nachzudenken – und zwar nicht nur im medizinischen Bereich.
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