Gedichte über kirchliche Persönlichkeiten aus dem Wallis
Chrétien Franc der Jüngere
Einführung: Anne Andenmatten (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version du 17.02.2025.
Entstehungszeitraum: ca. 1659-1664. Die Gedichte wurden unzweifelhaft verfasst, nachdem Chrétien Franc 1659 Chorherr wurde und in jedem Fall vor 1664, dem Jahr, in dem Jean de Sepibus, der Widmungsträger des zweiten Gedichts, aufhörte.
Handschrift (Autograph): CH AASM, DIV 1/2/10 (zwei Blätter umfassender Anhang).
Ausgabe: L. Dupont Lachenal, «Humanismes», Échos de Saint-Maurice 27 (1928), 63-65.
Metrum: elegische Distichen.
Biographie des Chrétien Franc
Chrétien bzw. Christian Franc hätte leicht in Vergessenheit geraten können. Glücklicherweise entdeckt der Chorherr von Saint-Maurice, Historiker und Heraldiker Léon Dupont Lachenal (1900-1990) einige Gedichte auf einem fliegenden Zettel, der in einem Band mit der «Nomenclature des abbés de Saint-Maurice» des Abtes Jean-Jodoc Quartéry (1608-1669) steckte. Er schreibt sie dem Saint-Mauricer Chorherrn Christian Franc zu und veröffentlicht sie 1928 in den Échos de Saint-Maurice. Die Familie Franc, die ursprünglich aus Beaufort-en-Tarentaise stammt, lässt sich im 16. Jahrhundert in Saint-Maurice nieder. Chrétien Franc wird am 14. Januar 1635 in Saint-Maurice geboren und getauft. Sein Taufpate ist der spätere Abt von Saint-Maurice und damalige Sittener Chorherr Jean-Jodoc Quartéry. Er ist der Bruder von Abt Joseph-Tobie Franc, dem Nachfolger desselben Jean-Jodoc Quartéry. Beide sind die Söhne des Saint-Mauricer Notars und Bürgers Chrétien oder Christian Franc, der somit denselben Namen wie unser Dichter trägt, und von Annilia Kuntschen, die aus dem gehobenen Bürgertum von Sitten stammt und die Tochter von Martin Kuntschen ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Chrétien Franc zunächst in die Schule von Saint-Maurice besucht. Bevor er Chorherr wird, übt er den Notarberuf aus. Im Jahr 1659 wird er zum Priester geweiht. Nachdem er Theologie und Philosophie am Jesuitenkolleg in Lyon studiert hat, tritt er Anfang 1670 in die Abtei ein und bekleidet von 1670 bis 1675 sofort das Amt des Rektors des Krankenhauses Saint-Jacques in Saint-Maurice. Anschliessend wird er Prior (ab 1675) und übt dieses Amt zur vollsten Zufriedenheit seiner Mitbrüder aus. Im Jahr 1676 ernennt ihn der Abt, sein Bruder, zu seinem Generalvikar, der ihn während seiner Abwesenheit vertreten soll. Dies geschieht mit Zustimmung des apostolischen Nuntius Odardo Cibo, der die Weisheit und Redlichkeit von Prior Franc hervorhebt. Dieser scheint das Amt perfekt ausgefüllt und sich bemüht zu haben, die von seinem Bruder, dem Abt, eingeleitete Reform des Chorherrenstifts zu fördern. Chrétien Franc stirbt am 21. November 1679, nachdem er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen gehabt hat.
Aus den wenigen uns bekannten Werken des Chrétien Franc haben wir einige enkomiastische Gedichte ausgewählt, die drei wichtigen Persönlichkeiten des 17. Jahrhunderts im Wallis gewidmet sind und vor der Edition von 1928 nur im handschriftlichen Zustand vorlagen.
Die Gedichte von Chrétien Franc
- Struktur
Die drei Gedichte, die wir vorstellen, spiegeln den preziösen Geschmack des 17. Jahrhunderts wider. Jedes von ihnen ehrt eine Persönlichkeit aus dem kirchlichen Leben des Wallis zur Zeit des Autors. Ihr Aufbau ist immer der gleiche. Der Name der Persönlichkeit dient als Titel des Ganzen. Das Anagramma purum, der erste Untertitel, leitet einen kurzen Satz ein, der die Besonderheit aufweist, dass er alle Buchstaben enthält, die notwendig sind, um den Namen der Persönlichkeit zusammenzusetzen, die der Dichter preisen möchte. Im Fall von Jean de Sepibus beispielsweise bilden die Buchstaben des Satzes O Seduni bene sapis den Namen Ioannes de Sepibus. Ein wahres Kunststück! Alle Wörter, aus denen dieser Satz besteht, werden dann mit einigen Änderungen und Ergänzungen in einem der Distichen des folgenden Epigramms (mit dem Untertitel Epigramma) wieder aufgegriffen. Epigramme in elegischen Distichen führen die herausragenden Charakterzüge, Eigenschaften und Errungenschaften des im Gedicht geehrten Kirchenmannes ausführlicher aus. So finden sich die Worte des Anagramms O Seduni bene sapis verstreut in den Versen 5-6 (drittes Distichon) des Epigramms, das Jo(h)annes de Sepibus gewidmet ist:
O bene Seduni vigilas dignissime Pastor
Nam sapis, atque tuo fers lucra mille gregi.
Der dichtende Chorherr Chrétien Franc spielt also in einem sehr barocken Geist den Virtuosen. Er hat eine Vorliebe für raffinierte poetische Spiele. Seine Sprache enthält einige diskrete Anleihen bei den klassischen Dichtern der Antike, in erster Linie bei dem hochgeschätzten Dichter Vergil, dem Vorbild schlechthin, das es nachzuahmen gilt.
- Kommentar zu den Gedichten
2.1. Jean-Jodoc Quartéry
Dieses Gedicht, das erste in der Reihe, widmet Chrétien Franc seinem Patenonkel, dem Abt von Saint-Maurice, Jean-Jodoc Quartéry. Mithilfe von Metaphern beschreibt es die Situation der Abtei Saint-Maurice und die Spannungen in der Gemeinschaft vor der Wahl des Abtes Quartéry im Jahr 1657, d. h. vor dem Eintritt des Dichters in den Orden: Die Kirche und das Kloster befanden sich im Niedergang und verfielen zu Ruinen. Der neue Abt, der als Retter dargestellt wurde, war sowohl ein geschichtsbewusster Gelehrter als auch ein fähiger Theologe, der zunächst Chorherr des Kathedralkapitels in Sitten gewesen war. Er genoss das Vertrauen des Bischofs von Sitten, Adrian III. von Riedmatten. Der Dichter spricht in Metaphern, denn unter dem Abt Jean-Jodoc Quartéry werden keine Bau- oder Restaurierungsarbeiten an der Abtei durchgeführt. Vielmehr nahmen das Gemeinschaftsleben und die Einhaltung der Regeln ab. Das Handeln dieses Abtes stellt sie also im metaphorischen Sinne wieder her.
Im Gegensatz zu dem enkomiastischen Gedicht, in dem Abt Jean-Jodoc Quartéry das vom Verfall bedrohte Kloster scheinbar perfekt wiederhergestellt hat, beklagt der Chorherr und Historiker François-Marie Boccard jedoch eher ein Nachlassen der Reformbemühungen des vorherigen Abtes Pierre-Maurice Odet (1640-1647). Um die genaue Tragweite der Verse von Chrétien Franc und ihren Wahrheitsgehalt zu ermessen, ist es wichtig, die Situation des Klosters zu untersuchen. Zunächst ist anzumerken, dass Boccard denselben Vorwurf der mangelnden Effizienz an Quartérys Nachfolger, Abt Joseph-Tobie Franc, den Vollbruder unseres Dichters, richtet. Mehrere Jahrzehnte lang schwankten die Kanoniker zwischen dem Status einer klösterlichen Einrichtung und dem eines weltlichen Kollegiatstifts, und rivalisierende Parteien kämpften für die eine oder andere Richtung. Abt Pierre-Maurice Odet führte in den Jahren 1640-1642 eine Chorherrenstiftsreform ein, die auf die Wiederherstellung des gemeinsamen Lebens abzielte. Er schrieb die gemeinsame Verwaltung der Güter und Einkünfte der Abtei vor, setzte verpflichtende Einhaltung der Klausur fest sowie die Ablegung von Armutsgelübden, die Abschaffung der Pfründe, und er führte neue Ämter wie Prior, Prokurator, Ökonom, Kapitelsekretär und Zeremonienmeister ein. Bereits 1648 wurde er als vere patrem et huius monasterii reparatorem bezeichnet; er krönte sein Reformwerk durch die Unterzeichnung eines Vertrags mit dem Kapitel im Jahr 1656.
Die Macht dieses reformorientierten Abtes wurde jedoch von einer Fraktion in Frage gestellt, die von einem französischstämmigen Kanoniker angeführt wurde, dem es gelungen war, sich zum Prior wählen zu lassen. Der neue Abt Jean-Jodoc Quartéry war ein Kompromisskandidat, der ausgewählt worden war, um die Eintracht wiederherzustellen. Zu den Beweggründen für seine Wahl gehörte auch das Bestreben, die Gunst des Bischofs von Sitten zu erlangen, der Abbé Quartéry hochschätzte, da dieser zuvor eine lange Karriere in der Bischofsstadt absolviert hatte. Boccards Vorwurf bedeutet also nicht, dass Abt Quartéry nichts unternommen habe, um die Abtei umzugestalten und die Einhaltung des regelkonformen Lebens zu stärken. Vielleicht stiess er auf zu viel Widerstand, hatte nicht genug Energie, um seine Entscheidungen durchzusetzen, oder er wollte die Spannungen nicht durch ein zu entschlossenes Vorgehen noch verschärfen. Angesichts der grossen Uneinigkeit in der Abtei nach dem Tod des vorherigen Abtes gelang es Jean-Jodoc Quartéry zweifellos, die Lage zu beruhigen und wieder Ordnung in die Abtei zu bringen.
Chrétien Franc spricht in der Tat von einem «Zerstörung» und «Verfall». Er wählt eine fein gedrechselte architektonische Metapher, um die moralische und religiöse Situation der Gemeinschaft zu beschwören. Die ersten vier Verse beschreiben den Verfall der Kirche und des Klosters, das umgangssprachlich als «Haus des Märtyrers Moritz» bezeichnet wird. Dort ist nicht einmal mehr eine Säule vorhanden, die die Gebäude stützt.
In den folgenden Versen wird die Wahl des Abtes Jean-Jodoc Quartéry erwähnt, der eine Erneuerung einleitet. Kurz gesagt, es gibt ein vor Quartéry und ein nach Quartéry. Die Wiederholung der Begriffe columna, nulla columna und dann im zweiten Teil des Gedichts nova columna dient als Dreh- und Angelpunkt dieser Metapher, ebenso wie das Verb ferre, das ebenfalls in beiden Teilen des Gedichts wiederholt wird. Der Abt wird für all seine Qualitäten gelobt, wobei eine Anhäufung mehrerer positiver qualifizierender Adjektive erfolgt. Die Begriffe dat iucundos iocos, die in derselben metrischen Position des Pentameters stehen, entnimmt der Dichter einem Vers aus Ovids Epistulae ex Ponto:
[…] nec data iucundis tempora pauca iocis.
[…] qui dat iucundos melleus ore iocos.
Sicherlich weiss Abbé Quartéry seine Ausführungen mit Witzen zu würzen, wie Atticus, an den sich Ovid erinnert, wenn er «die Augenblicke, die er für angenehme Scherze nutzte», beschreibt. Er wird als der Mann der Stunde dargestellt, oder vielmehr als die starke Säule, die das Kloster, das einzustürzen droht, stützen kann. Die einander gegenüberstehenden Wendungen monasterio veteri und nova columna verdeutlichen die Erneuerung, die dieser Abt mit sich brachte.
Die folgenden Zeilen mit der nüchternen Überschrift aliud verwirren den Leser hingegen. Dieses Distichon enthält eine Kritik an eben diesem Abt, die ziemlich gewagt ist, sofern sie wirklich auf ihn abzielt. Er wird nämlich als geizig und gefrässig dargestellt. Die Antithese zwischen macer und pinguis unterstreicht dies, und die rednerischen Fragen weisen vielleicht auf seine Ungereimtheiten und Schwächen hin...
2.2. Jean de Sepibus
Der Chorherr des Kathedralkapitels von Sitten, Jean de Sepibus, der um 1616 in Mörel geboren wurde und dem dieses zweite Gedicht gewidmet ist, war eine sehr markante Figur seiner Zeit. Noch als junger Kleriker und Doktor der Theologie wurde er am 29. August 1639 zum Rektor sowohl des St.-Sebastian-Altars in der Kathedrale von Sitten als auch des St.-Eusebius- und des St.-Andreas-Altars in der Kirche von Valeria ernannt. In Sitten übte er zwischen 1640 und 1642 die Funktion des Schulmeisters aus. Es dauert nicht lange, bis er am 3. August 1642 zum Kanoniker von Sitten gewählt wird. Als Pfarrer von Sitten von 1648 bis 1664 füllte er dieses Amt mit viel Eifer und Energie aus. Er bekleidete zahlreiche Ämter innerhalb des Kapitels, was seinen grossen Einfluss beweist: Viztum von Anchettes-Cordona (1651-1657), Viztum von Pinsec im Val d’Anniviers (1665), Prokurator des Kapitels (1647-1653, 1655, 1660-1662), Sakristan (seit dem 17. Februar 1651 bis zu seinem Tod), Offizial (1650-1669) und Generalvikar (1659-1669). Im Jahr 1652 gründete er die Marianische Kongregation des Dekanats Sitten, deren Präfekt er bis 1664 war. Er stiftet auch den Abendmahlsaltar und einen Teil des Chorgestühls der Kirche von Valeria (1662-1664) sowie die Kapelle Sainte-Anne in Molignon (1663). Er restauriert mit grossem Aufwand die Kapelle des Heiligen Sakraments in Valeria, finanziert, als er 1651 gerade zum Sakristan ernannt wird, das von Meister Hans Ludolff gemalte Altarbild des Heiligen Sakraments und ergänzt 1655 die Ausstattung des Altarraums durch einen Schrank, der mit seinem Wappen geschmückt und ebenfalls von Meister Ludolff bemalt wird. Dieses vom Kanoniker de Sepibus in Auftrag gegebene Altarbild des Allerheiligsten Altarsakraments greift auf ikonografische Motive zurück, die durch die Gegenreformation erneuert wurden, um die vom Konzil von Trient dogmatisierte Transsubstantiationslehre zu verbreiten und zu verteidigen. Der Chorherr de Sepibus finanziert auch einen Teil des Chorgestühls der Kirche von Valeria (1662-1664) und führt über die Arbeiten Buch. Er stiftet ausserdem die Kapelle von Sainte-Anne de Molignon (1663). Sein Testament verfasst er am 7. September 1664 und stirbt kurz darauf, am 20. März 1669.
Das Gedicht von Chrétien Franc rühmt Jean de Sepibus in seiner Eigenschaft als Pfarrer von Sitten. Er spielt mit der doppelten Bedeutung des Wortes pastor (Hirte und Pfarrer). Der Name Jean de Sepibus selbst, wobei Sepibus der Ablativ von saepes (Zaun) ist, inspiriert den Verfasser des Gedichts zur Metapher des Pfarrers als Pastor oder guter Hirte, der sich um seine Schafe kümmert und seine Herde vor den Angriffen grausamer Wölfe wie ein echter Pferch beschützt. Wie in dem Epigramm, das dem Abbé Quartéry gewidmet ist, gefällt sich unser Dichter darin, die Metapher weiterzuspinnen. In den Versen 2 bis 4 beschwört er eine pastorale Szene herauf: eine Schafherde, die durch einen Pferch vor Wolfsangriffen geschützt ist. Hier könnte er auf einen Vers aus Ovid anspielen. Die Formel septis inclusit ist möglicherweise von einer Passage aus den Fasti desselben Autors inspiriert. Der Schluss des letzten Verses des Epigramms, der ebenfalls eine Hirtenszene schildert, erinnert an einen Vers aus Vergils Bucolica, in dem die Wölfe zurückgedrängt werden. Die Begriffe sind sehr ähnlich, ebenso wie der Kontext:
Nunc et ovis ultro fugiat lupus, […].
Ne laedatis oves, hinc fugitote lupi.
Die Schafherde steht für die Gläubigen seiner Gemeinde. Dieser gute Hirte umgibt seine Schafe mit einem Pferch, um die Wölfe abzuwehren, die die Bösen oder vielleicht die Sünden symbolisieren. Diese Interpretation wird jedoch nicht klar ausgesprochen.
2.3. Adrian von Riedmatten
Von den fünf Bischöfen mit dem Namen Adrian von Riedmatten ehrt Chrétien Franc höchstwahrscheinlich Adrian IV. von Riedmatten (1646-1672). Es ist in der Tat wahrscheinlicher, dass unser Dichter, der 1670 Kanoniker wurde, eher den langen Episkopat des Bischofs Adrian IV. von Riedmatten, der eng mit der Abtei Saint-Maurice verbunden war, als den seines Nachfolgers Adrien V. erwähnt. Tatsächlich weihte Adrian IV. von Riedmatten am 30. November 1656 die Kapuzinerkirche in Saint-Maurice. Im selben Jahr billigte er die vom Abt von Saint-Maurice, Pierre-Maurice Odet, eingeführte Reform des Chorherrenstifts. Er leitete die Weihe des nächsten Abtes, Jean-Jodoc Quartéry, am 8. September 1659 und besuchte die Abtei noch 1668. Im ersten Vers des Epigramms weist Chrétien Franc auf die enorme Grosszügigkeit dieses Bischofs bei der Finanzierung von Kirchenbauten und -verschönerungen hin, was vollkommen den Tatsachen entspricht.
Ebenso spielen die Worte vigil studiis ars direkt auf die Tätigkeit dieses Prälaten an. Die zahlreichen Wiederholungen der Wörter omnia, habes und hoc tragen dazu bei, alliterative Effekte zu erzeugen, die eine schöne musikalische Anmutung schaffen. Um den von seinen Vorgängern begonnenen Kampf gegen die Reformation fortzusetzen, verbot dieser Bischof jungen Männern den Besuch protestantischer Schulen, unterstützte aber gleichzeitig die Gründung von Jesuitenschulen und -kollegien in Siders (Géronde), Leuk und Brig sowie die Niederlassung der Ursulinen in Brig. Er fördert also tatsächlich das Studium im Wallis. Die rhetorische Frage An tua vena diem Seduno reddit, et orbi?, die auch in dem Anagramm zitiert wird, könnte eine Reminiszenz an eine Tragödie von Seneca sein. Es deutet darauf hin, dass der Bischof dem Tagesgestirn in seinem Glanz ebenbürtig ist. Chrétien Franc wagt sogar den Vergleich zwischen Bischof Adrian IV. von Riedmatten und seinem berühmten Nachbarn Franz von Sales, Bischof von Annecy, der im Geruch der Heiligkeit gestorben war.
Das letzte Distichon bietet eine allegorische Interpretation des Bischofswappens, das ein Kleeblatt und darüber zwei Sterne zeigt. Ihr Glanz wird mit dem Frieden und dem Glauben gleichgesetzt, die das Episkopat von Adrian IV. von Riedmatten gefördert hat. Der Satzbau selbst mit den Worten pacem und fidem am Ende des Verses (wodurch ein Reim entsteht) und der Wiederholung des Wortes altera unterstreicht dies. Was die Erwähnung der weidenden Schafe betrifft, so erinnert sie, wie im Gedicht über Jean de Sepibus, an die traditionelle Metapher des guten Hirten, der sich fürsorglich um seine gläubige Herde sorgt.
Bibliographie
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