Anonym Gedichte über Lugano, Locarno, Glarean und Torricelli
Entstehungszeitraum: terminus ad quem ist die Publikation der Gedichtsammlung im Jahr 1558.
Ausgaben: Symphoniae seu insigniores aliquot ac dulcisonae quinque vocum melodiae super D. Henrici Glareani Panegyrico de Helvetiarum tredecim urbium laudibus, per Manfredum Barbarinum Coregiensem Lupum compositae (Tenorpartie), Basel, H. Curio (auf Kosten von H. Petri), 1558, fol. AAa7vo-8ro; Musicae epitome ex Glareani Dodecachordo. Una cum quinque vocum melodiis super eiusdem Glareani Panegyrico de Helveticarum XIII urbium laudibus per Manfredum Barbarinum Coregiensem, Basel, H. Curio (auf Kosten von H. Petri), 1559; Oldelli (1807), 19 (Gedicht über Locarno; nachgedruckt in Il maestro di casa. Almanaco sacro, civile, morale del canton Ticino 1816, 23) und 191 (Gedichte über Lugano und über Torricelli).
1558 erscheint in Basel beim Drucker Hieronymus Curio ein Werk mit dem Titel Symphoniae seu insigniores aliquot ac dulcisonae quinque vocum melodiae super D. Henrici Glareani Panegyrico de Helvetiarum tredecim urbium laudibus, per Manfredum Barbarinum Coregiensem Lupum compositae («Symphoniae, oder einige sehr bemerkenswerte und angenehme fünfstimmige Melodien über den Lobpreis der dreizehn helvetischen Orte des Herrn Heinrich Glarean, komponiert von Manfredo Barbarino Lupo aus Correggio»). Es handelt sich um eine Vertonung der Gedichte, die Glarean in seiner Descriptio Helvetiae den dreizehn eidgenössischen Orten gewidmet hatte, ergänzt durch vier weitere Gedichte: ein Gedicht über Lugano (zwölf Verse), ein weiteres über Locarno (zehn Verse) sowie zwei Panegyriken, einer zu Glareans Ehren (vierzehn Verse) und einer zu Ehren von Cristoforo Torricelli (sechs Verse), Archidiakon des Basler Domkapitels.
Das Werk besteht aus fünf Bänden, die jeweils einer Stimme entsprechen. Der erste Band enthält die Partitur für Tenor mit dem oben genannten Titel und beginnt mit zwei einleitenden Gedichten, einem Widmungsbrief und dem Text der siebzehn Gedichte. Der zweite Band, der dem «Cantus» (Sopran) gewidmet ist, trägt den Titel Quinque vocibus cantiones elegantissimae, in gratiam et laudem tredecim Urbium Helvetiae, cum duobus insuper eximiis oppidis eiusdem ditionis, supra Panegyricon D. Glareani Poetae Laureati compositae, autore Manfredo Barbarino Coregiensi Lupo; er enthält nur die Noten. Die Stimmen «Altus» (Alt), «Bassus» (Bass) sowie die «Quinta pars» tragen denselben Titel. Das ganze Werk wurde als Anhang zur Epitome von Glareans Dodecachordon, herausgegeben von Johannes Wonnecker (Wonnegger), im Jahr 1559 neu gedruckt.

M. L. Barbarino, Symphoniae, Basel, H. Curio, 1558, p. 94 (Tenor)
Der Titel der Sammlung weist die Komposition Manfredo Lupo Barbarino zu, einem italienischen Musiker, der wahrscheinlich aus Correggio (vgl. Coregiensis) in der Emilia-Romagna stammte. Sein Geburts- und Sterbedatum sind unbekannt. Im Jahr 1557 ist er als Kantor in Locarno belegt; 1558 befindet er sich in Basel, wo er die hier besprochene Musiksammlung veröffentlicht (der Widmungsbrief ist auf den 14. Dezember 1558 datiert). Im Jahr 1560 veröffentlicht er in Augsburg seine Cantiones sacrae, vierstimmige Motetten. Schliesslich «lebt er zwischen 1561 und 1563 in St. Gallen, wo die Abtei noch immer 204 seiner vierstimmigen Kompositionen für das gesamte Kirchenjahr aufbewahrt, die in zwei grossen Manuskripten auf Pergament gesammelt sind».
Wie Martin Ham jedoch nachgewiesen hat, ist die betreffende Musiksammlung – ebenso wie die Cantiones sacrae von 1560 – nicht wirklich Barbarinos Werk. Die siebzehn fünfstimmigen polyphonen Stücke, die als Originalkompositionen präsentiert werden, sind in Wirklichkeit Motetten von Vincenzo Ruffo (1510-1587), die aus seiner 1542 veröffentlichten Sammlung Il primo libro de motetti a cinque voci stammen. Barbarino begnügte sich damit, die Originaltexte durch die dreizehn Texte der Descriptio Helvetiae zu ersetzen, zu denen noch vier weitere Texte hinzukommen. Ham betont ausserdem, dass Barbarino mehrere Abschreibfehler gemacht hat, dass er einige ungeschickte, ja sogar fehlerhafte musikalische Änderungen vorgenommen hat und dass er offenbar nur ein begrenztes Verständnis der Kompositionsregeln hatte. Seiner Meinung nach war dieser «Betrug» («fraude»), ähnlich wie bei den Cantiones sacrae, durch Barbarinos Wunsch motiviert, sich einen Namen zu machen und die Unterstützung von Mäzenen zu gewinnen.
Der erste Paratext der Ausgabe ist ein acht Verse umfassendes Gedicht, das sich an den Leser richtet (Ad lectorem carmen); sein Autor ist ein gewisser «Ioannes Baptista Facianus Eporediensis», eine ansonsten unbekannte Persönlichkeit. Er ist auch der Verfasser des Torricelli gewidmeten Lobgedichts, das von Barbarino vertont wurde und das wir hier veröffentlichen. Der zweite Paratext mit dem Titel In commendationem Musices ist ein Gedicht von achtzehn Versen Umfang, in dem das Studium der Musik gerühmt wird; sein Autor ist ein gewisser «Ioannes Petremandus Bisuntinus», der ebenfalls unbekannt ist. Diese beiden Autoren befanden sich offenbar in Freiburg im Breisgau und standen vermutlich in Verbindung zu Glarean. Den in Basel verfassten Widmungsbrief richtet Barbarino an Cristoforo Torricelli, «Archidiakon des Domkapitels von Basel, Doktor beider Rechte». Barbarino widmet ihm das Werk, das er nach eigenen Angaben im Vorjahr in Locarno verfasst hat, und erläutert ihm sein Projekt.
Wir veröffentlichen hier die Gedichte, die in der Descriptio Helvetiae Glareans fehlen, nämlich – in der Reihenfolge, in der sie nach den Gedichten über die dreizehn Kantone erscheinen – das Gedicht über Lugano (zwölf Verse), das über Locarno (zehn Verse), den Panegyrikus zu Ehren Glareans (vierzehn Verse) und das Cristoforo Torricelli gewidmete Gedicht (sechs Verse).
Es gibt keine Anhaltspunkte, die eine eindeutige Identifizierung des Autors der Gedichte über Lugano, Locarno und Glarean ermöglichen würden. Piccardi (2002) behauptet ohne weitere Begründung, dass die Gedichte über Lugano und Locarno aus der Feder Torricellis stammen. Geering (1948), 100, übernommen von Bruggisser-Lanker (2004), schreibt diese Texte hingegen Glarean zu, in der Annahme, dass sie auf Wunsch von Barbarino verfasst worden seien – auch hier fehlt jeder Beweis. Geering schlägt ausserdem vor, dass der Panegyrikus auf Glarean von Ioannes Baptista Facianus verfasst worden sein könnte, der auch Autor des ersten einleitenden Gedichts der Ausgabe sei (s. oben). Das Gedicht zu Torricellis Ehren wird hingegen ausdrücklich Facianus zugeschrieben.
Bibliographie
Geering, A., «Glareans panegyrische Gedichte in den ‘Symphonien’ des Manfred Barbarini Lupus (l558), in: Glareanus, Helvetiae descriptio: panegyricum, hg. von W. Näf, St. Gallen, Tschudy-Verlag, 1948, 99-103.
Bruggisser-Lanker, T., Musik und Liturgie im Kloster St. Gallen in Spätmittelalter und Renaissance, Göttingen,Vandenhoeck & Ruprecht, 2004.
Ghilardotti, F., «Manfredus Barbarinus Lupus, ‘Cantor’ in Locarno», Schweizerische Musikzeitung / Revue musicale suisse119 (1979), 125-127.
Ham, M., «Ravens and Swans: Manfred Barbarini Lupus and Two Fraudulent Music Prints», Revue belge de Musicologie72 (2018), 313-340.
Oldelli, G.-A., Dizionario storico-ragionato degli uomini illustri del canton Ticino, Lugano, Veladini, 1807.
Piccardi, C., «Manfredo Lupo Barbarino», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 07.01.2002, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/020540/2002-01-07/.
Schlecht, R., «Manfredus Barbarinus Lupus Corregiensis Italus», Monatshefte für Musikgeschichte 3 (1871), 12-24.