Mathurin Cordier Schulgespräche
Entstehungsdatum: vor Februar 1564, Datum des Erstdrucks.
Editionen und Übersetzungen: M. Cordier, Colloquiorum scholasticorum libri IIII ad pueros in sermone latino paulatim exercendos, [Genf], Henri [II] Estienne, 1564, hier p. 62-63. Erweiterte Edition: M. Cordier, Colloquiorum scholasticorum libri IIII, autore Maturino Corderio, ab ipso aucti et recogniti, Genf, Jean Durant, 1570. Zahlreiche Neuausgaben bis zum 19. Jahrhundert, manchmal begleitet von volkssprachlichen Übersetzungen. Ab der Edition von 1570 trägt der Dialog zwischen Velusat und Stephan die Nummer II, 30.
Über das Leben von Maturin Cordier, insbesondere über seine ersten vierzig Lebensjahre, ist noch wenig bekannt. Er wird um 1479/1480 im Königreich Frankreich an einem unbekannten Ort geboren, möglicherweise in der Normandie oder in der Grafschaft Perche, und ist vielleicht Priester in Rouen. Auf jeden Fall wird Cordier irgendwann Schulmeister und unterrichtet spätestens ab 1514 Kinder und Jugendliche an mehreren Pariser Collèges in Latein. Einer seiner Schüler ist unter anderem Johannes Calvin (1509-1564), und zwar im Jahr 1523 am Collège de la Marche.
Im Jahr 1530 veröffentlicht Cordier in Paris beim humanistischen Drucker Robert Estienne die erste Ausgabe des De corrupti sermonis emendatione liber, einem Werk, in dem er die Ausdrücke in schlechtem Latein (oft wortwörtliche Übersetzungen aus dem Französischen) auflistet, die Schüler und Studenten verwendeten. Als Ersatz dafür präsentiert Cordier Wendungen in «reinem» Latein, wobei er sich insbesondere an der Sprache Ciceros und des Terenz orientiert. Der Pädagoge veröffentlicht 1541 eine überarbeitete Fassung des Werks, aus der er die fehlerhaften Sätze entfernt hat. In seinem Vorwort erklärt er, dass die jungen Leute vor allem Spass daran gehabt hätten, das schlechte Latein zu lesen, anstatt die korrekten Sätze zu lernen, und dass einige Lehrer aus diesem Grund aufgehört hätten, das Werk zu verwenden. Im Jahr 1533 veröffentlicht Cordier, ebenfalls bei Robert Estienne, eine kommentierte und übersetzte Ausgabe der Disticha Catonis, eines antiken Werks, das traditionell Cato zugeschrieben wird und im Mittelalter sowie zu Beginn der Neuzeit in den Schulen grossen Erfolg hatte.
Ende der 1520er oder Anfang der 1530er Jahre schliesst sich Cordier der Reformation an. Aus diesem Grund verlässt er Paris und begibt sich zunächst nach Nevers in Burgund, dann nach Bordeaux, wo er am humanistischen Kollegium von Guyenne unterrichtet. Er flieht 1536 nach Genf, wahrscheinlich auf Einladung von Calvin und Farel hin, die auf seine Hilfe beim Aufbau des Collège de Rive zählen. Im Jahr 1539, wenige Monate nach der Verbannung von Farel und Calvin aus Genf, wird Cordier Direktor der Schule von Neuenburg, wo Farel zum Hauptpfarrer geworden ist. Die Berner versuchen 1540 erfolglos, den Pädagogen von den Neuenburgern zu übernehmen, um ihn in Lausanne anzusiedeln. Die Neuenburger willigen schliesslich nach einer erneuten Anfrage aus Bern im Jahr 1545 ein, Cordier ziehen zu lassen. Cordier spielt eine zentrale Rolle beim strukturellen Aufbau der Strukturen Lausanner Akademie, deren Unterschule (schola privata) er bis 1557 leitet. In diesem Jahr, als er schon fast 80 Jahre alt ist, gewähren ihm die Berner eine Pension auf Lebenszeit. Während seines Aufenthalts in Lausanne veröffentlicht Cordier mehrere Schulbücher, die sich auf das Erlernen des Lateinischen für junge Schüler konzentrieren, sowie eine Sammlung von Cantiques spirituels. Er verlässt Lausanne 1559 freiwillig und verzichtet auf seine ihm von den Bernern gewährte Pension, nachdem es zu einer grossen politisch-religiösen Krise gekommen ist, in der sich die Lausanner Pfarrer und Professoren mit ihren Berner Herren über die Zuständigkeiten von Kirche und Staat gestritten hatten. Cordier nimmt seinen Dienst in Genf wieder auf, und zwar an der im Juni 1559 gegründeten Akademie, an der zahlreiche Lehrkräfte und Studierende tätig waren, die Lausanne verlassen hatten.
Im Jahr 1561 oder 1562 wird Cordier von seinen morgendlichen Unterrichtsstunden an der Genfer schola privataentbunden und nimmt – insbesondere auf der Grundlage «alter Papiere», die er nach eigenen Angaben wiedergefunden hatte – die Arbeit an demjenigen seiner Werke wieder auf, das den grössten Nachruhm erlangen sollte: den Colloquia scholastica. Die erste Ausgabe dieses Werks erschien im Februar 1564 in Genf im Verlag von Henri Estienne, dem Sohn des verstorbenen Robert Estienne, nur wenige Monate vor Cordiers Tod.
Die Colloquia (Gespräche) des Maturin Cordier präsentieren sich ihrer äusseren Form nach als eine lockere Aneinanderreihung von Gesprächen, die den Alltag von Schülern widerspiegeln; sie enthalten den Kern von Cordiers humanistischem pädagogischen Denken. Das Werk ist in vier Bücher von einander vergleichbarem Umfang (jedes umfasst in der Erstausgabe etwa 40 bis 60 gedruckte Seiten) und mit steigendem Schwierigkeitsgrad gegliedert. Die Dialoge werden im Laufe des Werks im Durchschnitt immer länger und thematisch komplexer. Die Ausgabe von 1564 umfasst insgesamt 202 Dialoge. Die sechs Jahre später, 1570, in Genf bei Jean Durant erschienene posthume Ausgabe fügt 27 neue Gespräche hinzu, die als eigenhändige Schöpfungen Cordier präsentiert werden. Diese neuen Dialoge enthalten nichts, was Zweifel an ihrer Echtheit wecken könnte. Auf jeden Fall wurden sie in den folgenden Ausgaben entsprechend ihrem Schwierigkeitsgrad stillschweigend in den Text übernommen und integriert, wodurch sich die Gesamtzahl der Dialoge auf 229 erhöht.
Cordiers Dialoge enthalten Beispiele für Alltagsgespräche in „reinem“ Latein für alle Situationen des Schulalltags. Sie vermitteln einen Eindruck von Schulverhältnissen, in denen Latein jederzeit Pflicht ist, sogar in den Pausen. Neben dem reinen Latein möchte Cordier den jungen Schülern die Grundregeln des gesellschaftlichen Lebens vermitteln und bestimmte Denk- und Sprachweisen fördern, besonders Frömmigkeit und gegenseitige Solidarität.
Die Colloquia enthalten zahlreiche Verweise auf antike heidnische Autoren, auch wenn deren Vielfalt weitaus geringer ist als in den Colloquia des Erasmus. Der Text von Erasmus umfasst nämlich 40 verschiedene Autoren (von denen die Hälfte griechischsprachig sind), während Cordier ausschliesslich lateinische heidnische Autoren zitiert. Bei Cordier sind, mit Ausnahme von Quintilian, der durch seine pädagogischen Maximen vertreten ist, alle zitierten Autoren in den Lehrplänen der schola privata der Akademien von Lausanne und Genf aufgeführt, an deren Ausarbeitung Cordier mitgewirkt hatte. Die in Cordiers Colloquia vertretenen Autoren der heidnischen Antike sind, in absteigender Reihenfolge nach der Anzahl der Seiten, auf denen sie vorkommen: (Pseudo-)Cato (22); Cicero (10); Vergil (5); Quintilian (5); Terenz (4); Horaz (4); Ovid (2).
Der ausgewählte Auszug umfasst das gesamte 27. Kolloquium des zweiten Buches. Es handelt sich um einen Dialog zwischen zwei Schülern – einem fortgeschrittenen und einem jüngeren –, der zeigt, was Internatsschüler nach dem Aufwachen zu tun haben, und der die Übereinstimmung bestimmter Ideen heidnischer Autoren mit dem Christentum thematisiert. Es handelt sich um einen sehr positiven Dialog über die antiken heidnischen Philosophen, der – ähnlich wie Erasmus – bekräftigt, dass auch sie vom Heiligen Geist erleuchtet wurden. Andere Dialoge von Cordier betonen jedoch, dass die christliche Moral anspruchsvoller ist als die heidnische, und einige seiner Gespräche warnen die Kinder vor Ausdrücken heidnischen Ursprungs wie si sors tulisset («wenn das Geschick es zugelassen hätte»), der im Dialog II, 28 vorkommt. Genau wie Erasmus ist Cordier der Ansicht, dass man Christen nicht dadurch schützen soll, dass man antike Texte zensiert oder von allem reinigt, was der christlichen Lehre widersprechen könnte, sondern dass man die Kinder zu kritischem Denken erziehen muss, damit sie sich nach und nach selbst kritisch mit den dem Christentum entgegenstehenden Ideen auseinandersetzen können, wenn sie ihnen begegnen.
Bibliographie
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Crousaz, K., «Les auteurs païens dans les Colloques d’Érasme et de Maturin Cordier», in: M. C. Pitassi/D. Camillocci Solfaroli (Hgg.), Crossing Traditions: Essays on the Reformation and Intellectual History. In Honour of Irena Backus, Leiden/Boston, Brill, 2018, 313-330.
Crousaz, K., «Un manuel d’empowerment du XVIe siècle: Les Colloques de Maturin Cordier et le développement de l’agentivité enfantine», Histoire de l’éducation 161 (2024), 21-46.
Engammare, M., «Cordier, Mathurin», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 11.08.2005, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011087/2005-08-11/.
Hudson, E. K. «The Colloquies of Maturin Cordier: Images of Calvinist School Life and Thought», Sixteenth Century Journal 9-3 (1978), 56-78.
Le Coultre, J., Maturin Cordier et les origines de la pédagogie protestante dans les pays de langue française: 1530-1564, Neuchâtel, Secrétariat de l’Université, 1926.