Angela Curione Briefe

Print Einführung: Federica Rossetti (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 26.09.2025.

Entstehungszeitraum: der Brief an ihren Bruder datiert vom 12. September 1558, der an ihren Vater wahrscheinlich vom Jahr 1562 (einzige in der Druckedition enthaltene Datumsangabe), der an Sophia Zbąski vom 1. November 1563.

Autograph (Brief an ihren Vater): Universitätsbibliothek Basel, UBH G III 1, 5.

Ausgabe: Amoenitates literariae, quibus variae observationes, scripta item quaedam anecdota et rariora opuscula exhibentur. Tomus decimus quartus et ultimus, Frankfurt a. M./Leipzig, Daniel Bartholomaei und Söhne, 1731, 364-367.

 

Angela Curione war eine der Töchter von Celio Secondo Curione, einem berühmten piemontesischen Humanisten, der sich 1542 in der Schweiz niederliess, nachdem er aufgrund religiöser Verfolgungen aus Italien fliegen musste. Sie wurde wahrscheinlich 1546 in Lausanne als Frucht seiner Ehe mit Margherita Bianca Isacchi geboren. Als Curione aus Italien ins Exil ging, vertraute er die Betreuung seiner beiden ältesten Töchter Violante und Dorotea sowie seines Sohnes Lattanzio anderen an. Seine Söhne Orazio, Leone und Agostino sowie seine Frau Margherita begleiteten ihn auf seiner Auswanderung. Nach Angela wurden noch die Töchter Celia und Felice geboren. 1547 liess sich die Familie in Basel nieder, wo Curione bis zu seinem Tod im Jahr 1569 lebte und lehrte. Angelas Leben war kurz, wie das vieler ihrer Geschwister. Leone war tatsächlich das einzige der zahlreichen Kinder Celio Secondo Curiones, das ihn überlebte. Angela starb am 2. August 1564 in Basel, Opfer der Pestepidemie, die in diesen Jahren die Stadt heimgesucht hatte. Ihrem Tod folgte wenige Tage später das Ableben ihrer beiden Schwestern Celia und Felice.

Es gibt nicht viele Quellen, die über das Leben der jungen Angela berichten, aber ihr vorzeitiger Tod, der ihren Vater tief erschütterte, wird sowohl von Curione selbst als auch von späteren Quellen oft erwähnt. Bereits im Jahr nach dem Tod der drei jungen Mädchen wurde in Basel beim Verleger Pietro Perna eine Sammlung von Briefen und Grabinschriften veröffentlicht, die Angela, Celia, Felice und Violante gewidmet war – letztere war die älteste Tochter Curiones und Ehefrau von Girolamo Zanchi, die 1556, nur drei Jahre nach ihrer Hochzeit, verstorben war. Diese Sammlung umfasst Briefe und Texte von Curione selbst, seinen Söhnen sowie seinen Verwandten und Freunden. Die in Latein und Italienisch verfassten Briefe erzählen vom Tod der jungen Mädchen und ihren letzten Augenblicken, preisen ihre Tugenden und liefern auch eine Beschreibung ihres Äusseren.

Einen dieser Briefe hat Curione an seinen Sohn Agostino gerichtet, um ihn über den Tod Angelas in Kenntnis zu setzen. Er zeichnet ein bewegendes Bild des jungen Mädchens und schildert ihre letzten Lebenstage. Curione gestaltet seinen Brief wie einen Bericht über einen exemplarischen Tod, bei dem Angela trotz ihrer schweren Krankheit all ihre Tugenden unter Beweis stellt. In diesem Bericht bemüht sich Angela, ihre Eltern nach ihrer Erkrankung hinsichtlich ihres Gesundheitszustands zu beruhigen; sie befolgt so gut wie möglich ihre Anweisungen, bemüht sich zu essen und die Medikamente einzunehmen, die ihr Vater ihr besorgt; als sich ihr Zustand verschlechtert, wendet sie sich Gott zu und betet inbrünstig, manchmal zusammen mit anderen jungen Mädchen. Curione berichtet auch von den letzten Worten seiner Tochter und von den Gesprächen, die sie mit ihm und ihrer Mutter geführt hat; aus ihnen entsteht das Bild eines klugen, geduldigen, tugendhaften und gebildeten Mädchens. Als ihr Tod unmittelbar bevorsteht, zitiert Angela insbesondere einige Verse aus Petrarcas Trionfi, in denen der Tod als das Ende des menschlichen Leidens gefeiert wird.

Im letzten Teil des Briefes findet man einen Lobpreis Angelas, begleitet von einer Beschreibung ihres Aussehens. Sie wird darin für ihre Geschicklichkeit bei der Hausarbeit gepriesen, die sie bereits mit der Kompetenz einer erfahrenen Frau verrichtete (ut cum quavis vel quadragenaria eaque perita matrona conferri posse videretur): Zu ihren täglichen Aktivitäten zählen das Kochen – insbesondere das Backen, in dem Angela sich auszeichnete – sowie das Nähen und Sticken, Bereiche, in denen sie ebenfalls ein bemerkenswertes künstlerisches Talent bewiesen haben soll.

Neben den «weiblichen Künsten» («arti donnesche» in der italienischen Fassung des Briefes) verfügte Angela auch über Eigenschaften, die für ein junges Mädchen als untypisch galten: Sie beherrschte vier Sprachen – Italienisch, Deutsch, Französisch und Latein –, auch wenn Curione darauf hinweist, dass Angela die modernen Sprachen eher durch praktischen Gebrauch als durch die Kenntnis grammatikalischer Regeln gelernt hatte. Sie konnte auch rechnen und war eine begeisterte Leserin, die sogar beim Nähen las. Neben Petrarca – dessen Sätze sie auswendig lernte – las sie hauptsächlich religiöse Texte: Psalmen, Gebete (die sie ebenfalls auswendig rezitierte) und vor allem das Neue Testament, das sie sieben Mal vollständig gelesen haben soll. Angela las auch andere Autoren, aber nur solche, die als «sittsam und nützlich» galten (castos maxime et pudicos atque ad vitam communem utiles). Sie las auch gerne medizinische Bücher, offenbar aus praktischen Gründen, um Krankheiten und ihre Behandlungen zu verstehen.

Angela soll ihrem Vater auch beim Kollationieren lateinischer Texte geholfen haben, indem sie ihm vorlas, wenn er müde war. Sie kannte die Verse der Klage der Hecuba im dreizehnten Buch von Ovids Metamorphosen (nach der Opferung ihrer Tochter Polyxena) auswendig. Curione interpretiert die Vorliebe seiner Tochter für diese Passage als Vorzeichen ihres eigenen Todes, so als hätte Angela unbewusst den Schmerz vorausgeahnt, den ihre Mutter Margherita nach ihrem Ableben empfinden würde.

Curiones Brief ist zweifellos das intimste Porträt des Mädchens, aber in seinem gesamten Werk finden sich viele Hinweise auf ihren Tod. In derselben Sammlung von 1565 findet sich auch das von ihrem Vater verfasste Epitaph für Angela, begleitet von einigen kurzen Gedichten, die ihr gewidmet sind. Das Epitaph betont die Eigenschaften des Mädchens, das für seinen Fleiss, seine Intelligenz, seine Frömmigkeit und seine Zuneigung zu seinen Eltern und Geschwistern gepriesen wird.

Curione erwähnt seine Tochter auch im Vorwort zu seiner Ausgabe zu Ciceros Brutus, die der Humanist in Angelas Todesjahr veröffentlichte.In dem Widmungsbrief an einen seiner Schüler, Jan Kiszka, Mitglied der polnisch-litauischen Aristokratie, verkündet Curione den Tod seiner Tochter mit emotionalen Akzenten, die an den Tonfall Ciceros in seinem Bericht über den Tod seiner Tochter Tullia erinnern. Auch hier würdigt er Angelas unermüdlichen Einsatz, ihre familiäre und religiöse Frömmigkeit, aber auch ihre für eine junge Frau aussergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten: ihre Kenntnisse in Sprachen, Religion und Literatur (linguarum quoque et communium litterarum ac religionis tanta cognitio, quanta in eius aetatem sexumque cadere vix potest).

Neben den Zeugnissen in Curiones Briefen findet sich eine kurze Biografie von Angela in der Continuatio familiae Coelianae, die am Ende der Vita de Celio Secondo Curione steht, die Johannes Stupanus nach dem Tod des Humanisten verfasst hat. Diese Biografie, die offensichtlich von den Briefen und dem Epitaph Curiones selbst inspiriert ist, wurde in einer Sammlung aus dem 18. Jahrhundert veröffentlicht, die auch drei Briefe aus Angelas eigener Feder enthält. Diese in Latein verfassten Briefe sind jeweils an ihren Vater, ihren Bruder Agostino und eine gewisse Sophia Zbąski adressiert, wahrscheinlich die Schwester von Abraham Zbąski, einem ehemaligen Schüler und Briefpartner Curiones. Der erste dieser drei Briefe ist auch in handschriftlicher Form als Autograph in der Universitätsbibliothek Basel erhalten. In derselben Sammlung befindet sich ein weiterer handschriftlicher Brief von Angela, diesmal in italienischer Sprache, der an ihren Bruder Leone gerichtet ist.

Die posthumen Lobreden, die an das junge Mädchen gerichtet wurden, sowie ihre Aufnahme in die oben erwähnten gedruckten Sammlungen trugen dazu bei, der Figur der Angela eine gewisse Nachwirkung in der Literatur der folgenden Jahrhunderte zu sichern, in der sie sogar in Verzeichnisse gelehrter Frauen aufgenommen wurde. Zu den berühmten Humanisten, die den Töchtern Curiones Lob zollten, gehört Martin Crusius, der im sechsten Band seiner Germano Graeciae libri sex eine lange Elegie auf Griechisch veröffentlichte, um Curione über den Verlust seiner drei Töchter zu trösten; darin schildert Crusius auch den Tod Angelas. Im Jahr 1620 erscheint das junge Mädchen im Theatro delle donne letterate von Francesco Agostino della Chiesa. An Angela wird als eine Frau von grosser Bildung erinnert, die der ihres Vaters und ihres Bruders Agostino ebenbürtig war: «Angela Curione [...] fu donna dotata di tanto ingegno, che da molti fu giudicata non essere stata di dottrina inferiore al padre e al fratello.» Ausgehend von dieser Erwähnung wurde Angela später in eine Anthologie piemontesischer Schriftsteller aufgenommen, die in der von Onorato Derossi überarbeiteten Ausgabe auch einen Anhang über Schriftstellerinnen enthält. Im Jahr 1703 ist ihr ein Eintrag in der Biblioteca Universale sacro-profana, antico-moderna des Bruders Vincenzo Coronelli gewidmet, und sie wird auch 1750 im Allgemeinen Gelehrten-Lexikon von Christian Gottlieb Jöcher erwähnt. In der romanhaften Biografie der Familie Curione, die im 19. Jahrhundert vom Historiker Jules Bonnet verfasst wurde, werden die Tätigkeiten des jungen Mädchens wie folgt beschrieben:

Angela s’associait aux préoccupations de son père, et entrant à toute heure dans sa bibliothèque, un livre ou une broderie à la main, s’asseyait à ses pieds, l’aidait dans la collation des textes latins [...].

Angela schloss sich den Beschäftigungen ihres Vaters an und trat zu jeder Stunde in seine Bibliothek ein, ein Buch oder eine Stickarbeit in der Hand, liess sich zu seinen Füssen nieder und half ihm beim Kollationieren lateinischer Texte.

Angela wird auch zu einem Vorbild religiöser Gesinnung und kindlicher Hingabe: In einem Artikel von Jules Delaborde mit dem Titel De quelques épisodes de l’histoire religieuse du seizième siècle, veröffentlicht 1864 in der Pariser Zeitschrift La Revue chrétienne, übersetzt der Autor Auszüge aus dem Brief Curiones ins Französische und lobt die Haltung des jungen Mädchens und ihrer Schwestern im Angesicht des Todes.

Dennoch scheint Angelas Ruhm hauptsächlich das Ergebnis einer ihr gewidmeten, posthumen Lobliteratur zu sein. Trotz ihres aussergewöhnlichen Charakters als gebildete Frau scheint Angelas kurzes Leben auf den familiären Rahmen und die ihr zugewiesenen Rollen beschränkt geblieben zu sein. Die erhaltene Korrespondenz zeigt mit Sicherheit, dass sie ihre Ausbildung relativ spät begonnen hatte.

Ein auf Italienisch verfasster Brief an ihren Bruder Leone, datiert auf das Jahr 1557, informiert uns darüber, dass Angela im Alter von elf Jahren gerade erst begonnen hatte, schreiben zu lernen:

Se per avanti non vi ho scritto, M. Leone charissimo, questo è stato perché ancora non sapeva scrivere, ma hora che il nostro honoratissimo padre ha preso la fatica d’insegnarmi, non ho voluto passar questa occasione di scrivervi.

Wenn ich bisher noch nicht geschrieben habe, mein teuerster Leone, dann lag das daran, dass ich noch nicht schreiben konnte; aber nun, da unser höchst ehrenwerter Vater die Mühe auf sich genommen hat, mich zu unterrichten, habe ich diese Gelegenheit nicht versäumen wollen, Dir zu schreiben.

Der an ihren Vater gerichtete Brief trägt in der gedruckten Version das Datum 1562. Angela bittet ihn darin, ihr eine Weste zu kaufen – und ebenso für ihre beiden jüngeren Schwestern, Celia und Felice. Im Vorspann des Briefes stellt sich Angela als rudis puella vor, als ein ungebildetes Mädchen vor, das es wagt, seinem Vater auf Latein zu schreiben – als Antwort auf eine entsprechende Ermutigung seinerseits. Angelas Latein ist klar und korrekt, doch der Brief bleibt recht einfach, und die Handschrift des Autographs zeugt von einer gewissen mühevollen Sorgfalt, so als hätte das junge Mädchen gerade erst begonnen, in dieser Sprache zu schreiben.

Die beiden anderen Briefe sind nur durch ihre gedruckte Veröffentlichung bekannt: Der Brief an ihren Bruder Agostino ist auf das Jahr 1558 datiert und hat seinen Platz ebenfalls innerhalb des engen Familienkreises, in dem sich das Leben der jungen Angela abspielte. Anspruchsvoller hingegen ist der Brief an Sophia Zbąski geraten, den Angela schreibt, um sich bei ihr für ein Geschenk – eine goldene Kette – zu bedanken. Dieser letzte Brief ist auch der chronologisch späteste, datiert auf den November 1563, also weniger als ein Jahr vor dem Tod des jungen Mädchens.

Die Briefe Angelas und die Zeugnissen ihres Vaters und ihrer Angehörigen zeichnen das berührende Porträt eines lebhaften, neugierigen und begabten jungen Mädchens, dessen intellektuelle Bildung – für eine Frau ihrer Zeit relativ fortgeschritten – im Kontrast zu den Grenzen steht, die ihr aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung auferlegt waren. Curione wird häufig dafür gewürdigt, dass er zu seinen Freunden und Briefpartnern auch Frauen von hohem Rang zählte, wie Olympia Morata, Dorothy Stafford und Elizabeth Sandys, und dass er seinen Töchtern dieselbe Bildung zukommen liess wie seinen Söhnen. Curiones Offenheit gegenüber der Frauenbildung scheint auch durch bestimmte Aussagen in seinen pädagogischen Schriften bestätigt zu werden. In seinem Brief an Pellegrino Morato, De liberis educandis, etwa vertritt er die Ansicht, dass man junge Mädchen nicht vom Studium der Literatur abhalten solle, da sie sich oft als geschickter darin erweisen als Jungen – wie unter anderem Anna d’Este, Tochter von Renée de France, und Olympia Morata, die Tochter des Briefempfängers, zeigten: puellas tamen a literis et doctrinis non arcemus, quippe quae plerunque magis habiles ad eas sequendas, quam mares, sint. Dieser häufig in geschlechterbezogenen Studien zur Frauenbildung in der Renaissance zitierte Abschnitt wird jedoch von einer Liste weiblicher Tätigkeiten eingeleitet, die im Wesentlichen auf Kochen und Nähen beschränkt sind:

Quod de pueris dico, idem quoque puellas attingit, quarum artes sunt colum fusumque tractare, cibos parare et coquere arte quadam posse, suere acuve varias formas imitari, Arachnem illam radio texendoque superare. Sed bonae foeminae artes praeclare a Lamuele rege descriptae sunt, in Proverbiorum Solomonis extremo sermone.

Was ich über die Knaben sage, das gilt auch hinsichtlich der Mädchen, deren Künste darin bestehen, Spindel und Rocken umzugehen, Speisen mit einer gewissen Kunstfertigkeit zubereiten und kochen zu können, zu nähen und mit der Nadel verschiedene Muster nachzuahmen, ja sogar Arachne in der Kunst des Webens zu übertreffen. Doch die edlen weiblichen Künste hat König Lemuel auf wunderbare Weise vom im letzten Kapitel der Sprüche Salomos beschrieben.

Angelas Erfahrung scheint diese äusseren Bedingungen genau zu bestätigen: Obwohl sie über die gleichen Fähigkeiten wie ihre Brüder verfügte oder ihnen vielleicht sogar überlegen war, waren ihre Möglichkeiten doch viel begrenzter. Ihr Alltag, obwohl geprägt von Lektüre, gelehrten Gesprächen und tiefer Religiosität, beschränkte sich auf den familiären Kreis und häusliche Tätigkeiten. Ihre seltenen Kontakte nach aussen – die Teilnahme an Gottesdiensten, einige Treffen mit Mädchen ihres Alters – lassen eine begrenzte Welt erkennen, die jedoch von Zuneigung und Kultur geprägt war. So verkörpert Angela Curione trotz ihres kurzen Lebens die bewegende Figur einer gebildeten und sensiblen Jugendlichen, die im Schatten ihres berühmten Vaters aufblühte, aber dazu bestimmt war, nur in den posthumen Berichten derer glänzend hervorzutreten, die sie liebten und um sie trauerten.