Wilhelm Tell, der Urheber der Schweizer Eidgenossenschaft

Traduction (Allemand)

Traduction: Clemens Schlip (französischer Originaltext der Anmerkungen von Kevin Bovier)


Jener Wilhelm wurde in der Schweiz in Uri geboren und erzogen. Weil er aber sich durch hervorragende Geistes- und Körperkraft auszeichnete, erlangte er bei den Leuten dort in kurzer Zeit grosse Autorität. Zur selben Zeit regierte Kaiser Heinrich VII., ein Luxemburger, sehr ruhmreich das Römische Reich. Er erneuerte für die inneren Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden die ihnen von seinen Vorgängern verliehenen Privilegien und versah sie in Konstanz wegen ihrer Tüchtigkeit noch mit vielen anderen Immunitätsrechten; dies geschah im Jahre 1309 n. Chr. Ausserdem machte er ihnen das Zugeständnis, keinem Fürsten ausser dem Kaiser gehorchen zu müssen, und vor keinen Richter zitiert werden zu können ausser vor die ihnen vom Kaiser vorgesetzten Vögte. Es gab nämlich damals in Österreich in den benachbarten Regionen sehr mächtige Fürsten, die immer wieder versuchten, diese Orte zu unterwerfen und ihrem Herrschaftsgebiet anzugliedern. Nachdem aber Kaiser Heinrich gestorben war und ungefähr ein Jahr lang ein Interregnum im Reich bestanden hatte, bedrängten die benachbarten Adeligen die Schweizer und fügten ihnen verschiedenes Unrecht zu, wobei sie auch heimlich von den österreichischen Herzögen unterstützt wurden, damit die überaus trefflichen Männer, nachdem ihre Mittel erschöpft wären, sich endlich freiwillig den benachbarten Fürsten unterwürfen und sie um ihre Hilfe gegen die Frechheit der Adeligen bäten. Es fügte sich aber, dass später von den Kurfürsten zwei Kaiser eingesetzt wurden, Ludwig IV., der Bayer und der Österreicher Friedrich; dies wurde zum Anlass für viele Unruhen in ganz Deutschland. Und so folgten die Reichsvögte bei den Schweizern, die alle ihre Besitztümer unter dem Einfluss der österreichischen Herzöge hatten, der Partei Friedrichs. Aber als die Schweizer erfahren hatten, dass der grössere Teil der Kurfürsten sich auf Ludwig geeinigt hatte, erkannten sie ihn als den gesetzlich gewählten Kaiser an und hofften, dass er entsprechend seiner Autorität die Österreicher von ihrem gewaltsamen Vorgehen abhalten und die treuen Untergebenen des Reiches verteidigen könne.

(Die Frechheit Gesslers.)

Zu dieser Zeit war Gessler im Namen des Reiches Vogt in Schwyz und Uri, Als dieser merkte, dass die Kantonsbewohner der Autorität Ludwigs folgten und ihm gegenüber weniger gehorsam waren, sann er mit grosser Arroganz darauf, die Verantwortlichen für diesen Sachverhalt ausfindig zu machen (im Jahre des Heils 1382). Deshalb setzte er einen Hut auf eine Stange an einen öffentlichen Weg in Altdorf und befahl, ihn mit grosser Ehrfurcht zu verehren, so als ob er selbst persönlich gegenwärtig wäre. Er setzte auch Wächter an diesen Ort, die auf die achten sollten, die das Gebot missachteten. Als Wilhelm Tell, dieser grossgesinnte Mann, vorüberging, missachtete er jenes nichtswürdige Zeichen. Als er deswegen ermahnt wurde, antwortete er, er habe den Vogt immer mit höchster Verehrung empfangen und verehrt und werde dies auch ferner tun; es sei aber Unrecht, dass ein Mensch, ein Geschöpf Gottes, einem abgelegten Hut eine solche Verehrung entgegenbringen sollte. Als das der grausame Vogt Gessler erfahren hatte, befahl er sofort, Wilhelm gefangen zu nehmen und zu ihm zu bringen, da er hoffte, durch seine Aussagen Informationen über eine Verschwörung einiger Leute erhalten zu können. Aber als der verneinte, in dieser Sache Verbündete zu haben, beschloss er, sein Gewissen auf andere Weise in Versuchung zu führen. Er rief nämlich die Kinder Wilhelm zusammen und fragte ihn, welchen seiner Söhne er am meisten liebte? Als der ihm das angegeben hatte, befahl er, den hübschen Knaben an einen Pfahl zu binden und einen Apfel auf sein Haupt zu setzen. Danach befahl er dem Vater, sich 120 Schritte entfernt von dem Knaben aufzustellen und mit einem Geschoss auf jenen Apfel zu zielen. Wenn er ihn träfe, werde er milder mit ihm verfahren; wenn er aber daneben träfe, werde er die Todesstrafe zu gewärtigen haben; Wilhelm, von dieser Ungeheuerlichkeit erschüttert, bemühte sich, sich zu entschuldigen und eine andere Strafe auferlegt zu bekommen. Aber er predigte einem tauben Ohr. Deshalb präparierte er sich, nachdem man ihm den Bogen gebracht hatte, mit dem er gewöhnlich mit bewundernswerter Kunstfertigkeit häufig das Ziel traf, für diese Aufgabe, und nachdem er seinen Sohn getröstet und den Beistand Gottes erfleht hatte, traf er zur Verwunderung aller den Apfel und entfernte ihn so mit dem Geschoss vom Haupt seines Sohnes.

(Tells Geschicklichkeit im Bogenschiessen)

Als er sich aber für dieses Werk vorbereitet hatte, hatte er einen zweiten Pfeil hinten in seinem Nackenbereich an seinem Wams befestigt. Als der Vogt ihn nach dem Grund dafür befragte, antwortete Wilhelm, er habe das nach Art der Bogenschützen getan, die beim Bogenschiessen immer zwei Geschosse bereit hätten, um das andere zu verwenden, wenn das eine zerbrochen oder beschädigt wäre. Der Vogt aber beharrte energischer auf seiner Frage und versprach ihm die Freiheit, um die Wahrheit aus ihm herauszupressen. Deshalb sagte Wilhelm gerade heraus, wenn er zufällig seinen Sohn mit dem Pfeil getötet hätte, würde er mit dem anderen auf den Vogt selbst gezielt haben, der diese Ungeheuerlichkeit befohlen hatte. Dieses Geständnis liess den Vogt in Zorn entbrennen, und er äusserte, er habe ihm zwar das Leben versprochen, aber er werde ihn mit ewiger Kerkerhaft bestrafen. Deshalb befahl er, ihn zu fesseln und sofort auf ein Schiff zu bringen, um ihn auf einer Fahrt den See entlang nach Luzern hinab in gut abgesicherte Haft zu bringen. Als sie aber auf dem See fuhren, geschah es durch Gottes Vorsehung, dass plötzlich ein sehr grosser Sturm aufkam und die Sturmwinde auf das Schiff losgingen, so dass der Vogt mit den Seinen in grosse Gefahr geriet. Da begannen seine Leibwächter, den Gessler dazu zu ermuntern, den Tell von seinen Fesseln zu befreien und zum Dienst am Steuerruder abzuordnen; er sei nämlich ein starker und in der nautischen Kunst sehr erfahrenen Mann, der das Schiff mit Leichtigkeit lenken und ans Ufer führen könne. Aus diesem Grunde wurde Wilhelm losgebunden und steuerte das Schiff und führte es sehr geschickt zum Hafen. Da er aber nicht weit vom Ufer einen ungeheuren Felsen in diesem See kannte, lenkte er das Schiff schnell zu diesem Ort hin. Und als er dorthin gekommen war, riss er plötzlich seinen Bogen an sich, sprang auf diesen Felsen und stiess mit dem anderen Fuss das Schiff mit grosser Kraft in den See zurück (der Ort wird heute noch «Tellsplatte» genannt). Dann aber soll der Vogt ihm zugerufen haben, er werde ihn für dieses Verbrechen streng bestrafen und Wilhelm mitsamt seiner Familie auslöschen. Deshalb beobachtete Wilhelm, nachdem er sich ans Ufer begeben hatte, sorgfältig den Reiseweg des Vogtes. Als auch der ans Ufer gelangt war und in einer hohlen und tiefen Gasse nach Uri ritt, erwartete ihn Tell mit angespanntem Bogen oberhalb von Küssnacht und durchbohrte ihn, als er vorüberzog, mit einem Pfeil, so dass er vomPferde fiel und unmittelbar noch an dieser Stelle sein Leben aushauchte.

(Die Schweizer schliessen einen Bund.)

Danach begab er sich sofort nach Uri und teilte allen mit, was geschehen war. Da hiess man ihn endlich, guten Mutes zu sein, und er hörte verschiedene allgemein gegen die Gewaltherrschaft der Vögte und Adeligen vorgebrachte Beschwerden. Deshalb hielt Tell mit einigen anderen Männern Rat und schloss 1314 heimlich das schweizerische Bündnis, das allmählich anwuchs und im gleichen Jahr durch die öffentliche Zustimmung der drei Orte ratifiziert wurde. (Im Jahre des Heils 1312.) Deshalb schlossen die Bewohner dieses Ortes grossherzig einen Bund und vertrieben die Adeligen aus dem ganzen Herrschaftsgebiet, zerstörten ihre Burgen von Grund auf und befreiten sich und ihre Heimat, die sie auch mitsamt ihren Nachkommen unter den Auspizien Tells und gegen den Widerstand der Adeligen und Fürsten mit grossem Ruhm bis zum heutigen Tag unversehrt bewahrt haben. Stumpff, Schweizerchronik, Buch 4, Kapitel 53.