Biographische Notiz zu Wilhelm Tell

Heinrich Pantaleon

Einführung: Kevin Bovier (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.


Entstehungszeitraum: Die ersten beiden Bände dieser Biographien wurden 1564-1565 verfasst; der dritte 1565-1566. Die Notiz über Tell, die sich im zweiten Band findet, wurde vor dem 1. April 1565 verfasst (dem Datum des Widmungsbriefes).

Ausgabe: Prosopographiae heroum atque illustrium virorum totius Germaniae, pars secunda, Basel, Brylinger, 1565, 310-312.

 

Der Basler Protestant Heinrich Pantaleon (1522-1595) veröffentlichte 1565 den zweiten seiner drei Bände, die er deutschen Heldenfiguren widmete. Der erste Band beginnt mit dem Leben Adams, der zweite mit dem Karls des Grossen, und der dritte mit dem Kaiser Maximilians I. Die letzte Notiz des Werkes ist die Autobiographie des Pantaleon. Das gesamte Werk umfasst ungefähr 1700 biographische Notizen. In seinem Werk betrachtet Pantaleon die Geschichte unter dem Gesichtspunkt einer kulturellen translatio: Germania wird zur Nachfolgerin des römischen Reiches und bringt die Nachahmung der Antike zur Vollendung. Bei der Erstellung seiner Artikel griff der Basler vor allem die Werke von Johannes Aventinus, Sebastian Münster, Johannes Stumpf, Johannes Sleidanus, Johannes Trithemius und Conrad Gessner zurück. Was die Wahl der literarischen Gattung angeht, so könnte sich Pantaleon vom Scriptorum illustrium maioris Brytaniae Catalogus des John Bale, vom Martyrologium des John Foxe und vor allem von der Elogia virorum litteris illustrium des Paolo Giovio inspirieren haben lassen.

Unter den von Pantaleon ausgewählten Persönlichkeiten befindet sich Wilhelm Tell, der am Anfang des ihm gewidmeten Artikels als «Urheber der Schweizer Eidgenossenschaft» bezeichnet wird. Pantaleons Quelle für diese Notiz ist der Bericht des Johannes Stumpf. Der Artikel beginnt mit einer Darstellung des historischen Kontexts und präsentiert die Geschichte Wilhelm Tells als einen Kampf gegen die Tyrannei. Dennoch achtet der Autor darauf, keine Spitzen gegen den Kaiser einzubauen, nein, er lobt ihn sogar; das wahre Ziel seiner Angriffe sind hier die Herzöge von Österreich (die Habsburger) und, allgemeiner gesprochen, die adeligen Nachbarn, die sich zu Herren des Schweizerlandes machen wollen, indem sie die augenblickliche Schwäche des Heiligen Römischen Reiches nach dem Tod Heinrichs VII. und des anschliessenden Nachfolgestreits ausnutzen. Tell wird als eines von vielen Opfern dieser Unterdrückung dargestellt, die unter anderem von Gessler repräsentiert wird. Der Bericht enthält alle traditionellen Episoden: Den Hut auf dem Platz von Altdorf, die Prüfung durch den Apfelschuss, den Sturm auf dem See und Tells Entkommen, und schliesslich den Tod des Landvogts. Das persönliche Unrecht, das Wilhelm Tell erleidet, wird dann zum Auslöser einer kollektiven Erhebung gegen die Tyrannen, wie Pantaleons Schlussbemerkung zeigt.

Man wird Pantaleon dennoch nicht zu den Schweizer Patrioten im eigentlichen Sinne rechnen können, da er, wie der Titel seines Werks zeigt, die Zugehörigkeit zu einer grösseren, deutschen Gemeinschaft im Auge hat, die sich im Heiligen Römischen Reich inkarniert. Der Basler legt hier die Idee einer Gemeinschaft dar, die sich zum einen durch ihre Sprache definiert und durch ihre Fähigkeit, sich vor den anderen Nationen hervorzutun, zum anderen aber durch ihre Zugehörigkeit zu einer grösseren kulturellen Gemeinschaft: der der lateinischen Sprache.

 

Bibliographie

Buscher, H., Heinrich Pantaleon und sein Heldenbuch, Basel, Von Helbing & Lichtenhahn, 1946, 275-276.

Hon, J., «Pantaleon, (Hans) Heinrich», Frühe Neuzeit in Deutschland, 1520-1620. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon 5 (2016), 8-16.

Hon, J., «Die Deutsche Volkssprache als Vermittlerin der Nationalidentität: Heinrich Pantaleon bei Nikolaus Brylinger», in: E. Kammerer/J.-D. Müller (Hgg.) Imprimeurs et libraires de la Renaissance: le travail de la langue, Genf, Droz, 2015, 507-519.

Liebertz-Grün, U., «Nationalkultur und Gelehrtenstand um 1570. Heinrich Pantaleons Teutscher Nation Heldenbuch», Euphorion 80 (1986), 115-148.

Münkler, H./Grünberger, H./Mayer, K., Nationenbildung. Die Nationalisierung Europas im Diskurs humanistischer Intellektueller. Italien und Deutschland, Berlin, Akademie Verlag, 1998, 205-209, 256, 300-302.